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Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

27. Mai 2026

Die Dominanz von Big Tech erfordert internationale Gegenwehr

KI-Konzerne nutzen ihre globale Mobilität als Waffe gegen Arbeitsrechte: Kürzlich feuerte Meta über 1.000 Kenianer, nachdem sie sich organisiert hatten. Gegen solches Vorgehen hilft nur koordinierter Widerstand.

Eine Handvoll Unternehmen – darunter Amazon, Meta, OpenAI und Anthropic – beherrschen die KI-Infrastruktur, den Zugang zu Daten und die relevanten Arbeitsmärkte.

Eine Handvoll Unternehmen – darunter Amazon, Meta, OpenAI und Anthropic – beherrschen die KI-Infrastruktur, den Zugang zu Daten und die relevanten Arbeitsmärkte.

IMAGO / UPI Photo

Am 16. April wurde bekannt, dass Meta die Zusammenarbeit mit seinem kenianischen Subunternehmer Sama beendet hat. Der US-Konzerne stoppte damit eine langjährige Outsourcing-Vereinbarung über Content-Moderation sowie Training von künstlicher Intelligenz. Zuvor hatten sich die kenianischen Content-Moderatoren fast 18 Monate lang organisiert und rechtliche Schritte eingeleitet. Zeitgleich übernahmen die Gerichte des Landes zunehmend die Auffassung, dass Meta – und nicht nur seine Subunternehmer – für Arbeitsrechtsverletzungen in der Lieferkette zur Verantwortung gezogen werden kann.

Statt sich um die rechtlichen Fragen zu kümmern oder juristisch gegen die Vorwürfe vorzugehen, stieg Meta komplett aus der Vereinbarung mit Sama aus. Mehr als 1.100 Angestellte in Nairobi verloren von heute auf morgen ihren Arbeitsplatz. Viele dieser Beschäftigten hatten erhebliche persönliche und berufliche Risiken auf sich genommen, um sich zu organisieren – nur um dann zu erleben, wie einfach sich internationale Konzerne per Umstrukturierung aus der Verantwortung ziehen. (Darüber hinaus soll das US-Unternehmen Berichten zufolge Lobbyarbeit betreiben, um die Gesetzgebung in Kenia so zu beeinflussen, dass derartige Haftungsfälle in Zukunft weniger werden.)

Mit Blick auf KI-Lieferketten sind die Auswirkungen dieses Falls aus zwei Gründen bedeutsam. Erstens breiten sich KI-Systeme rasant aus und werden zunehmend als integraler Bestandteil der wirtschaftlichen Entwicklung, der technologischen Wettbewerbsfähigkeit und der nationalen Sicherheit betrachtet. Zweitens haben die Arbeiterinnen und Arbeiter, die KI-Trainingsarbeit verrichten, eine äußerst prekäre Position innerhalb dieser Lieferketten. Sie werden teilweise über Sub-Subunternehmen beschäftigt und sind psychischen Belastungen, hohem Produktionsdruck sowie großer Arbeitsplatzunsicherheit ausgesetzt. Und sie sind äußerst vulnerabel bei plötzlichen Vertragsauflösungen, wie das Beispiel Kenia zeigt.

Metas Aufkündigung des Vertrags mit Sama ist nur ein Beispiel für eine wiederkehrende Dynamik: Wenn Arbeiterinnen und Arbeiter im Globalen Süden beginnen, die Organisation der Produktion in Frage zu stellen, wehrt sich das Kapital nicht innerhalb bestehender Strukturen, sondern verlagert Teile der Produktion oder zieht sich ganz zurück. Ihre grenzüberschreitende Mobilität ermöglicht es den Konzernen, sich jeglicher drohenden Form von Rechenschaftspflicht zu entziehen.

Was können Staaten und Arbeiterbewegungen, insbesondere im Globalen Süden, tun, wenn solche Unternehmen ihre Produktion grenzüberschreitend umstrukturieren, rechtliche Beschränkungen umgehen und unverhältnismäßige Macht auf den Arbeitsmärkten ausüben können? Grundlegender gefragt: Wie kann diesen Dynamiken auf der Ebene entgegengetreten werden, auf der das Kapital selbst operiert, anstatt sich lediglich innerhalb der engen Grenzen einzelner Arbeitsstätten oder nationaler Rechtsordnungen zu bewegen?

KI-Lieferketten und Ungleichgewichte

Eine kleine Zahl von Unternehmen – Amazon, Meta, OpenAI und Anthropic – hat heute erheblichen Einfluss auf die KI-Infrastruktur, die entsprechenden Daten und die jeweiligen Arbeitsmärkte. Sie übertragen Risiken und rechtliche Haftung entlang der Lieferketten nach unten, während die Kontrolle über Produktion und Kapitalakkumulation stark zentralisiert bleibt. Diese Dynamik wird dadurch verstärkt, dass viele der marktbeherrschenden KI-Unternehmen ihren Hauptsitz in den Vereinigten Staaten haben und eng mit den strategischen und technologischen Interessen des Staates verflochten sind.

Es sieht zunehmend so aus, als würden diese Unternehmen Monopsonmacht ausüben: Eine Situation, in der Personen (seien es Content-Moderatorinnen in Kenia oder IT-Berufseinsteiger in Indien) auf Arbeitsmärkten tätig sind, auf denen eine kleine Anzahl marktbeherrschender Unternehmen die meisten Arbeitskräfte beschäftigt und dadurch unverhältnismäßig hohen Einfluss auf Löhne und Arbeitsbedingungen haben kann. Gleichzeitig ermöglicht die Kapitalmobilität es den Konzernen, ihre Produktion rasch umzustrukturieren, um auf Arbeitskämpfe, rechtliche Auseinandersetzungen oder regulatorischen Druck zu reagieren.

»Während KI-Unternehmen die Produktion grenzüberschreitend stetig neu organisieren können, scheinen die Staaten zunehmend von privatwirtschaftlich kontrollierter KI-Infrastruktur und ihrem wirtschaftlichen Einfluss abhängig zu werden.«

Diese Dynamiken verändern auch die Position der Staaten, insbesondere im Globalen Süden. Regierungen konkurrieren mit Subventionen, steuerlichen Anreizen, regulatorischen Zugeständnisse und insgesamt günstigeren rechtlichen Rahmenbedingungen darum, KI-Infrastruktur und Investitionen anzuziehen. So entsteht eine weitere strukturelle Asymmetrie: Während KI-Unternehmen die Produktion grenzüberschreitend stetig neu organisieren können, scheinen die Staaten zunehmend von privatwirtschaftlich kontrollierter KI-Infrastruktur und ihrem wirtschaftlichen Einfluss abhängig zu werden.

Wenn diese Machtkonzentration ungehindert fortschreitet, entsteht ein System, in dem sowohl Angestellte als auch Staaten immer stärker von KI-Infrastruktur abhängig werden, die von einer kleinen Zahl US-amerikanischer Unternehmen kontrolliert wird. Gleichzeitig verringern sich für sie die Möglichkeiten, die Bedingungen zu gestalten, unter denen technologische Entwicklung, Wertschöpfung und Marktteilnahme stattfinden.

Machtkonzentration und Vulnerabilität

Doch genau jene Machtkonzentration, mit der eine kleine Zahl von Unternehmen die KI-Lieferketten dominiert, könnte für diese politische Risiken mit sich bringen. Im Gegensatz zu früheren Phasen der globalisierten Produktion – in denen Arbeitskämpfe, Verbraucherproteste, Umweltkampagnen und regulatorische Konflikte oft auf diverse Branchen und Unternehmen verteilt waren – konzentrieren sich in der heutigen Struktur des digitalen Kapitalismus diese Antagonismen zunehmend auf ein und dieselbe Gruppe von Unternehmen.

Gleichzeitig macht der stark vernetzte und digitale Charakter des modernen gesellschaftlichen Lebens die Aktivitäten, den Einfluss und die negativen Auswirkungen dieser Konzerne über Branchen und Regionen hinweg weitaus sichtbarer. So können in Kämpfen, die einst isoliert erschienen, zunehmend die gemeinsamen Verknüpfungen in den Systemen der Konzernmächte erkannt werden.

Diese Entwicklung zeigt sich bereits in Arbeitskonflikten in unterschiedlichen Branchen und Regionen: So kämpfen Content-Moderatoren in Kenia gegen Ausbeutung und psychische Zumutungen; Angestellte von Outsourcing-Unternehmen auf den Philippinen wehren sich gegen verstärkte KI-gestützte Überwachung; Nachwuchsingenieurinnen in Indien kämpfen gegen Tech-Verdrängung; und Kreative in den USA protestieren gegen generative KI-Systeme, die mit unbezahlter Arbeit trainiert werden.

Diese Kämpfe richten sich nicht mehr gegen separate Unternehmensakteure oder isolierte Produktionssysteme. Vielmehr stellen sie sich – auf unterschiedliche Weise – der wachsenden Macht der immer selben Firmen und zugrunde liegenden Akkumulationslogik entgegen. Zunehmend beginnen diese Bewegungen auch, sich gegenseitig wahrzunehmen und Kooperationen über Branchen- und Landesgrenzen hinweg aufzubauen. Das zeigt sich zum Beispiel in transnationalen Solidaritätsinitiativen wie dem Global Platform Workers Solidarity Project, das Organisationen von Tech- und Plattformarbeitern aus mehr als dreißig Ländern zusammenbringt.

»Überall in der Welt wehren sich lokale Communities gegen den Bau oder Ausbau von Rechenzentren, weil diese einen enormen Land-, Energie- und Wasserbedarf haben.«

Und die Konflikte mit großen Tech-Konzernen beschränken sich nicht nur auf die Arbeiterschaft. Verbraucher von der EU bis in die Vereinigten Staaten geraten zunehmend mit diesen Firmen in Konflikt, wenn es um Fragen wie Datenschutz, Manipulation, Betrug, Überwachung, Verantwortung und Transparenz geht. So gab es diverse Rechtsstreitigkeiten und Kontroversen rund um die Erfassung und Weitergabe personenbezogener Daten durch KI-Systeme und Tracking-Technologien von Plattformen. In anderen Fällen wurde Kritik hinsichtlich algorithmischer Zielgruppenansprache, irreführender Werbung, süchtig machender Plattformgestaltung oder psychologischer Schäden durch KI-gesteuerte Systeme laut. Immer mehr Menschen wird bewusst, dass dieselben Infrastrukturen, die die Arbeitswelt umkrempeln, auch die Kommunikation, den Konsum und das alltägliche gesellschaftliche Leben neu ordnen – oft mit schwerwiegenden negativen Folgen.

Auch beim Thema Umwelt konzentrieren sich Kämpfe zunehmend auf diese Großunternehmen. Überall in der Welt wehren sich lokale Communities gegen den Bau oder Ausbau von Rechenzentren, weil diese einen enormen Land-, Energie- und Wasserbedarf haben. Von Teilen der USA bis nach Indien haben Anwohnerinnen und Landwirte gegen Rechenzentrumsprojekte großer Tech-Konzerne mobilisiert. Sie äußern Bedenken, das Wasser könne knapp werden, die Umweltzerstörung zunehmen und fruchtbares Land sowie gemeinnützige Ressourcen für privatwirtschaftliche Tech-Infrastruktur zweckentfremdet werden.

Aus diesen Entwicklungen ergibt sich ein anderes politisches Terrain als in früheren Phasen der Globalisierung: Früher mögen sich Umweltgruppen mit Ölkonzernen angelegt, Gewerkschaften gegen Industrieunternehmen gestellt und Verbraucherbewegungen wiederum andere Branchen und Lieferketten ins Visier genommen haben. Heute hingegen ist es zunehmend ein und dasselbe Unternehmen, das gleichzeitig für ausgebeutete Arbeiterinnen, abgezapfte Daten, zerstörte Umwelt und betrogene Verbraucher verantwortlich ist. Und auch wir sind keine strikt voneinander getrennten Gruppen mehr: Eine Arbeiterin ist oft ebenso Verbraucherin und Bürgerin, die mehrere miteinander verknüpfte Formen von Schaden erleidet – verursacht von den immer gleichen Konzernen, die ihr Streben nach Profit neu ausrichten und dadurch die Lebensbedingungen in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens verschlechtern.

Diese Entwicklung eröffnet Möglichkeiten für neue Kooperationsformen zwischen Arbeiterbewegungen, Verbrauchergruppen, Umweltkampagnen, Künstlerinnen und anderen, die sich gegen die zunehmende Konzentration von Tech-Monopolen wehren. Solidarität im Rahmen von Mobilisierungen wie beispielsweise der Make Amazon Pay-Kampagne haben einen Vorgeschmack auf diese Möglichkeiten gegeben. Die Kampagne brachte Arbeitskräfte aus Lagerhäusern, in der Bekleidungsindustrie, Klimaaktivistinnen, Künstler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aus zahlreichen Ländern zusammen, die gemeinsam die massive ökonomische und politische Macht kritisierten, die Amazon ausübt. Solche Mobilisierungen mögen noch vereinzelt und uneinheitlich sein. Doch sie deuten auf die Entstehung breiterer politischer Bündnisse hin, die diesen Konzernen an mehreren Fronten und auf mehreren Ebenen gleichzeitig die Stirn bieten können.

Anknüpfungspunkte und koordinierte Arbeit

Das Zusammenwirken von Arbeits-, Verbraucher- und Umweltkämpfen schafft eine strategische Chance, das Kräfteverhältnis zwischen Staaten und großen Technologiekonzernen neu zu gestalten.

Die Bevölkerungen der einzelnen Länder, die als Arbeiter, Verbraucher und Bürger in digitale Plattformen eingebunden werden, sind zunehmend mit den negativen Auswirkungen dieser Plattformen konfrontiert. Ebenso erleben Staaten wachsende und miteinander vernetzte Formen gesellschaftlichen Widerstands gegen diese Unternehmen (im Globalen Süden meist gegen ausländische Unternehmen), die ihrerseits immer wieder versuchen, sich der gesetzlichen Verantwortung und regulatorischen Auflagen in ebenjenen Ländern zu entziehen, aus denen sie Arbeitskraft, Daten, Marktzugang und Gewinne beziehen und abschöpfen.

Die entscheidende Frage lautet also: Wie kann man der Macht der Konzerne begegnen, wenn Kapital grenzüberschreitend agiert? Die Antwort kann nicht allein auf nationalstaatlicher Ebene gefunden werden. Wenn Staaten einzeln handeln, bleiben sie anfällig für Kapitalflucht, Unterbietungswettbewerb und infrastrukturelle Abhängigkeit. Ein gemeinsames Vorgehen durch regionale Blöcke sowie koordinierte Regulierungsansätze könnte jedoch andere Rahmenbedingungen für den Umgang mit globalen Tech-Konzernen schaffen.

»Im Laufe der Geschichte haben Arbeiterbewegungen, postkoloniale Staaten und regionale Bündnisse immer wieder versucht, ihre Macht durch gemeinsame Verhandlungen, abgestimmte Standards und Solidarität zwischen den Staaten des Globalen Südens zu stärken.«

Es wäre im Grunde keine neue Strategie. Im Laufe der Geschichte haben Arbeiterbewegungen, postkoloniale Staaten und regionale Bündnisse immer wieder versucht, ihre Macht durch gemeinsame Verhandlungen, abgestimmte Standards und Solidarität zwischen den Staaten des Globalen Südens zu stärken. Hier sei nur an Bewegungen wie die Bandungkonferenz oder die blockfreien Staaten erinnert. Allerdings wurden solche Bemühungen häufig durch koloniale und postkoloniale Wirtschaftshierarchien, Schuldenabhängigkeit, Einmischung von außen sowie die strategischen Interessen der Mächte des Globalen Nordens geschwächt, die ihrerseits Zugang zu Arbeitskräften, Märkten und natürlichen Ressourcen des Globalen Südens suchten.

Doch heute könnten sich neue Möglichkeiten für eine strategische Annäherung zwischen Nord und Süd ergeben. Denn die Regierungen stehen in Konflikten mit denselben Tech-Unternehmen – sei es bei Fragen der Besteuerung, des Arbeitsschutzes, Wahlmanipulationen, Rechenschaftspflicht und Verantwortung von Plattformen, Desinformation, Datenschutz und -nutzung oder beim Thema digitale Souveränität. Die wachsenden Spannungen zwischen europäischen Regulierungsbehörden und großen US-Technologieunternehmen sowie Rechtsstreitigkeiten und Kontroversen angesichts der Gefahren von KI in den Vereinigten Staaten selbst deuten darauf hin, dass die Unzufriedenheit mit der stetig wachsenden Macht dieser Konzerne nicht mehr auf einzelne Regionen oder politische Blöcke beschränkt ist.

Zudem sind diese Unternehmen weiterhin auf den kontinuierlichen Zugang zu Verbrauchermärkten, Daten, Cloud-Integration, Arbeitskräften und allgemeiner gesellschaftlicher Legitimität weltweit angewiesen. Der Wert von KI-Systemen hängt nicht nur von der technischen Infrastruktur und der Modellentwicklung ab, sondern auch vom kontinuierlichen Zugang zu riesigen User-Ökosystemen, aus denen Daten, Interaktionsprofile und somit Marktbeherrschung gewonnen werden können. Da sich der Wettbewerb im KI-Sektor verschärft und die technologischen Kosten zu sinken beginnen, wird es für die Profitabilität und langfristige Marktbeherrschung für die Konzerne noch wichtiger, den Zugang zu diesen Märkten zu sichern.

Dies wiederum schafft gewisse Hebel für Staaten, insbesondere wenn sie gemeinsam statt einzeln handeln. Regionale Blöcke wie die Afrikanische Union oder die Vereinigung südostasiatischer Staaten (ASEAN) könnten – ähnlich wie die Europäische Union – größere Verhandlungsmacht aufbauen als einzelne Länder, wenn sie mit großen Technologieunternehmen über Arbeitsschutz, Besteuerung, Datennutzung und Umweltstandards verhandeln. Besonders groß wird ihr Spielraum und ihre Macht, wenn der Marktzugang zu großen regionalen Verbrauchermärkten von der Einhaltung bestimmter Standards abhängig gemacht wird.

Wenn mehrere regionale Blöcke ihre Ansätze gleichzeitig koordinieren, würde die Möglichkeit des Kapitals, sich auf der Suche nach weniger strikten Bedingungen anderswo anzusiedeln, deutlich eingeschränkt. Es gilt also, eine solche regionale Koordination zu etablieren und auch internationale Institutionen und transnationale Rahmenwerke wiederzubeleben, die in der Lage sind, die konzentrierte Macht der Unternehmen im selben Umfang zu regulieren, in dem das Kapital agiert. Dazu gehören auch weitere Initiativen für verbindliche internationale Rahmenwerke zu Verantwortung und Rechenschaftspflicht von Unternehmen sowie zum Thema Wirtschaft und Menschenrechte.

»Die Zukunft der KI ist nicht vorbestimmt. Sie wird durch politischen Kampf gestaltet.«

Regionale Koordination könnte darüber hinaus neue Möglichkeiten schaffen, um die Abhängigkeit von aktuell existierenden privatwirtschaftlichen Infrastrukturen zu überwinden. Einzelne Staaten im Globalen Süden mögen nicht über die finanziellen und technologischen Kapazitäten verfügen, um eigenständig groß angelegte KI-Systeme zu entwickeln. Doch durch gemeinsame Investitionen, geteilte Forschungsinfrastruktur, regionale Cloud-Systeme, öffentliche digitale Plattformen und die gemeinsame Entwicklung von Modellen könnten regionale Blöcke alternative technologische Systeme aufbauen und so ihre Abhängigkeit von einer kleinen Zahl dominanter US-amerikanischer Firmen verringern.

Solche Ansätze könnten Raum für KI-Entwicklung schaffen, die sich an anderen Prioritäten orientiert als denen, die derzeit bei privatwirtschaftlich geführten Systemen vorherrschen. Anstelle von KI-Modellen, die in erster Linie auf Überwachung, Hyperkommerzialisierung, Ausbeutung von Arbeitskräften und Plattformmonopolisierung ausgerichtet sind, könnten regionale und staatlich koordinierte Ansätze Infrastruktur im öffentlichen Interesse – für besseren Arbeitsschutz, mehr ökologische Nachhaltigkeit, stärkere demokratische Rechenschaftspflicht und andere gesellschaftliche Bedürfnisse – in den Vordergrund rücken.

Zukunft und Ausgestaltung von KI

In vielerlei Hinsicht erinnern die Dynamiken rund um KI-Lieferketten an frühere Formen kolonialer und postkolonialer Ausbeutung: Arbeitskräfte und Ressourcen werden systematisch aus dem Globalen Süden extrahiert, während Eigentumsrechte, technologische Kontrolle und Kapitalakkumulation anderswo konzentriert sind. Im Machtkampf um KI geht es daher nicht nur um technologische Innovation, sondern auch um die Frage, ob alte Abhängigkeitshierarchien und Ausbeutung sich nun in digitaler Form wiederholen.

Allerdings unterscheidet sich die aktuelle Situation in einigen Punkten von früheren Phasen der Globalisierung: Die derzeitige technologische Entwicklung vollzieht sich in einer zunehmend multipolaren Welt sowie inmitten wachsender Spannungen bezüglich Klimawandel, extreme Ungleichheit, geopolitische Konflikte und digitale Souveränität. Die Frage ist nicht, ob Gesellschaften KI ablehnen sollten, sondern unter welchen Bedingungen ihre Entwicklung stattfindet, wer sie kontrolliert und wessen Interessen sie letztendlich dient.

Wenn Staaten weiterhin konkurrieren, indem der Arbeitsschutz geschwächt, regulatorische Zugeständnisse gemacht und infrastrukturelle Abhängigkeiten vertieft werden, dürften sich auch die bestehenden Ungleichheiten verschärfen. Das gilt besonders in einer Zeit, in der einzelne Tech-Konzerne über ökonomische Macht verfügen, die die vieler Staaten übersteigt.

Doch die Machtkonzentration in den Händen einiger weniger, vorwiegend US-amerikanischer Technologieunternehmen schafft auch die Voraussetzungen für umfassendere Formen des Widerstands und der Zusammenarbeit. Über Bewegungen und Regionen hinweg stellen sich Arbeiterinnen und Verbraucher, Künstler und Forscherinnen, Umweltgruppen sowie Staaten zunehmend gegen einige wenige Großkonzerne – sei es in Fragen der Arbeitsbedingungen, der digitalen Infrastruktur, der Überwachung, der Rohstoffgewinnung oder der demokratischen Kontrolle. Das eröffnet die Möglichkeit, breitere Bündnisse zu schmieden, die in der Lage sind, gemeinsame Standards auszuhandeln und der Macht der Konzerne etwas entgegenzusetzen. Darüber hinaus könnten diese Allianzen alternative technologische Zukunftsvisionen entwickeln, die sich an anderen, nämlich dem gesellschaftlichen Wohl dienenden, Prioritäten orientieren.

Die Zukunft der KI ist nicht vorbestimmt. Sie wird durch politischen Kampf gestaltet. Der aktuelle Kurs ist weder unvermeidlich noch unumkehrbar. Die zunehmende Bündelung sozialer und politischer Kämpfe könnte die Art und Weise verändern, wie KI zukünftig entwickelt wird.

Nandita Shivakumar ist Wissenschaftlerin und beschäftigt sich mit den Schnittstellen zwischen Arbeit, Technologie und KI, wobei ihr Schwerpunkt auf globalen Lieferketten liegt.

Shikha Silliman Bhattacharjee ist Wissenschaftlerin sowie Juristin und beschäftigt sich mit den Schnittstellen zwischen Arbeit, Technologie und KI, wobei ihr Schwerpunkt auf globalen Lieferketten liegt.