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04. Juni 2026

Der Iran braucht einen Inter­nationalismus von unten

Der Irankrieg ist kein Befreiungsprojekt. Aber die »Achse des Widerstands« auch nicht. Nicht der Islamischen Republik, sondern den progressiven Bewegungen im Land muss die Solidarität der Linken gelten.

Saqqez, Kurdistan, 2024: Bei einer Newrozfeier wird Jina Amini gedacht, jener jungen Kurdin, deren Tod 2022 die landesweiten Proteste unter dem Slogan »Jin Jiyan Azadî« auslöste.

Saqqez, Kurdistan, 2024: Bei einer Newrozfeier wird Jina Amini gedacht, jener jungen Kurdin, deren Tod 2022 die landesweiten Proteste unter dem Slogan »Jin Jiyan Azadî« auslöste.

IMAGO / Middle East Images

Seit den Angriffen der USA und Israels auf den Iran Ende Februar erklären US-Präsident Donald Trump und die israelische Regierung, die Bombardierungen dienten vor allem dazu, den Iran am Bau von Atomwaffen zu hindern und dessen Einfluss auf verbündete Milizen in der Region einzuschränken. Gleichzeitig inszeniert sich Washington als Verteidigerin der »Freiheit« der iranischen Bevölkerung.

Die eigenen Nachrichtendienste zeichnen jedoch ein anderes Bild: Es gibt bislang keine Hinweise darauf, dass der Iran die bei den Luftangriffen im Juni 2025 beschädigten Nuklearanlagen wiederhergestellt hat oder vor der Entwicklung von Atomwaffen steht. Auch Trumps Behauptung, Teheran verfüge über Interkontinentalraketen mit Reichweite bis in die USA, konnte nicht bestätigt werden.

Seit Beginn des Krieges wurden mehrere tausend Menschen getötet. Die Menschenrechtsorganisation HRANA spricht von mindestens 3.636 Todesopfern im Iran, darunter etwa 1.700 Zivilisten. Reuters berichtete im April 2026 ebenfalls von rund 3.600 Toten. Al Jazeera sprach Anfang Mai von etwa 3.468 Toten, sowie zusätzlich über 2.700 Toten im Libanon infolge der regionalen Eskalation. Weitere Schätzungen gehen regional insgesamt von deutlich über 6.000 Todesopfern aus, wenn Libanon, Irak, Israel und andere betroffene Staaten mitgerechnet werden. Während die Zahl der Opfer weiter steigt, ordnete sich Bundeskanzler Friedrich Merz demonstrativ der militärischen Linie Washingtons unter und erklärte, völkerrechtliche Bedenken würden gegenüber den sicherheitspolitischen Interessen des Westens »relativ wenig bewirken«.

Im Zentrum der US-amerikanischen und israelischen Strategie steht die Idee eines Regimewechsels. Bereits die ersten israelischen Angriffe im Juni 2025 zielten darauf ab, die iranische Führung durch gezielte Tötungen hochrangiger Militärs zu destabilisieren. Parallel dazu weitete Israel seine Angriffe auf den Libanon aus und intensivierte die Besatzungspolitik in Palästina. Gleichzeitig warnen iranische Oppositionelle davor, die Fehler von 1979 zu wiederholen. Während damals viele Hoffnungen auf Ruhollah Khomeini projiziert wurden, wird heute erneut Reza Pahlavi als mögliche »Retterfigur« aufgebaut.

Die US-Regierung ruft die iranische Bevölkerung offen dazu auf, das Mullah-Regime zu stürzen. Dabei verfolgt Washington eigene Interessen. Ökonomisch steht der Iran für weit mehr als einzelne Rohstoffe. Das Land verfügt nicht nur über enorme Öl- und Gasreserven, sondern liegt zugleich an einem der zentralen Knotenpunkte globaler Energie- und Handelsströme: dem Persischen Golf. Wer dort politischen und militärischen Einfluss ausübt, kontrolliert Transportwege, Energiepreise und damit zentrale Hebel der Weltwirtschaft.

»Der Angriff auf den Iran ist kein irrationaler Ausbruch einzelner autoritärer Politiker, sondern Ausdruck einer globalen Machtkonkurrenz, in der die USA versuchen, ihren schwindenden Einfluss militärisch abzusichern.«

Die Eskalation richtet sich zugleich gegen einen Staat, der sich bislang nur begrenzt in die westlich dominierte Ordnung integrieren ließ. Der Iran unterhält enge Beziehungen zu Russland und China; entsprechend ist der Konflikt – ähnlich wie bereits in Venezuela – Teil einer größeren geopolitischen Konfrontation um Einflusszonen und globale Machtverhältnisse.

Dass der Iran auf die Angriffe mit einer dezentralen Form der Kriegsführung reagierte, zeigte zugleich die Grenzen US-amerikanischer Militärmacht auf. Besonders die Kontrolle über die Straße von Hormus machte deutlich, wie verwundbar die globale Wirtschaftsordnung bleibt: Durch massive Einschränkungen des Schiffsverkehrs in der strategisch zentralen Meerenge erhöhte Teheran den Druck auf Energie- und Finanzmärkte weltweit. Die immer drastischeren Drohungen aus Washington sind weniger Ausdruck souveräner Stärke als vielmehr Zeichen imperialer Unsicherheit. Als Donald Trump ankündigte, den Iran »in die Steinzeit zurückzubomben«, offenbarte sich, dass dieser Krieg keinen schnellen Sieg hervorbringen würde. Die genozidale Rhetorik entstand gerade aus der Erkenntnis, dass sich die Eskalation nur noch durch die permanente Androhung totaler militärischer Vernichtung aufrechterhalten lässt.

Der Angriff auf den Iran ist deshalb kein irrationaler Ausbruch einzelner autoritärer Politiker, sondern Ausdruck einer globalen Machtkonkurrenz, in der die USA versuchen, ihren schwindenden Einfluss militärisch abzusichern.

Das Märchen von Löwen und Sonnen

Im Zentrum der westlichen Regime-Change-Strategie stehen oft Figuren, die im Ausland aufgebaut und später als neue politische Führung präsentiert werden. Im Fall des Iran ist das Reza Pahlavi – Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Pahlavi lebt seit Jahrzehnten im US-Exil, bewegte sich fast ausschließlich im Umfeld Washingtons und hat nie selbst politische Verantwortung im Iran getragen. Die militärische Eskalation gegen den Iran dient als Bühne, dieses Projekt international aufzubauen. Flankiert von medialer Aufmerksamkeit und politischer Unterstützung aus den USA und Europa.

Im Kern läuft ein solcher »Regime Change« auf die Installation einer neuen abhängigen Elite hinaus: einer politischen Klasse, deren Macht eng an westliche Interessen gekoppelt ist und die ihre Legitimität gerade aus dieser geopolitischen Abhängigkeit bezieht. Während Reza Pahlavi in westlichen Medien oft als nahezu einzige denkbare Alternative bezeichnet wird, handelt es sich innerhalb des Iran um ein deutlich randständigeres Projekt, als dessen mediale Präsenz vermuten lässt.

»Teile der Exilopposition haben sich vollständig in die geopolitischen und ökonomischen Interessen der USA einspannen lassen.«

Die historische Parallele ist dabei offensichtlich: Bereits sein Vater »Shah« Mohammad Reza Pahlavi verdankte seine Macht nicht zuletzt dem von den USA und Großbritannien unterstützten Sturz Mossadeghs 1953. Dieser verstaatlichte zuvor das Öl und brachte westliche Ölkonzerne damit gegen sich auf. Die heutige Inszenierung Reza Pahlavis knüpft damit an ein bereits bekanntes Muster westlicher Einflussnahme an, die dem Schah damals zur Macht verhalf, da er als verlässlich antikommunistischer und westfreundlicher Herrscher im Kalten Krieg galt.

Der historische Zynismus daran, ihn zur demokratischen Alternative zu verklären, ist alarmierend: Ausgerechnet die Rückkehr jener Dynastie, gegen die sich 1979 Millionen Menschen erhoben, wird heute als demokratischer Fortschritt verkauft. Wie geschichtsvergessen diese Debatte ist, zeigt ein Blick auf das Regime des Schahs. Folter, politische Gefangene, die Geheimpolizei SAVAK, die Verfolgung kurdischer Oppositioneller und Massaker an Kommunisten prägten das Regime.

Besonders in Deutschland wird die Erzählung einer monarchistischen Rettung durch Medien, Thinktanks und Teile des NGO-Milieus reproduziert. Selbst ehemals progressive Stimmen beteiligen sich inzwischen an dieser politischen Mythologie. So erklärte die Publizistin Gilda Sahebi Anfang des Jahres im Deutschlandfunk über Pahlavi: »Dieser Pahlavi ist jemand, der laut ist, der da ist, der vielleicht Macht hat, zu helfen.« International zeigt sich dasselbe Bild. Die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi und die Aktivistin Masih Alinejad arbeiten mit Pahlavi zusammen, indem sie eine Art Exilrat formen, der in westlichen Medien zunehmend als Stimme »des iranischen Volkes« auftritt.

Teile der Exilopposition haben sich vollständig in die geopolitischen und ökonomischen Interessen der USA einspannen lassen. Und das Bemerkenswerteste daran ist, dass sie sich dabei rebellisch und oppositionell vorkommen dürfen. Revolution als Bühnenshow westlicher Außenpolitik – diesmal ergänzt um Exilromantik und Betroffenheitsnarrative.

»Für linke Kräfte muss deshalb die erste Prämisse klar sein: Hände weg vom Iran. Der US-Imperialismus und die israelischen Angriffe wollen nicht Demokratie oder Befreiung.«

Der Grund für diese groteske Rehabilitierung liegt offen: Reza Pahlavi soll nicht Demokratie bringen, sondern den Iran wieder verwertbar machen – ökonomisch wie geopolitisch. Eine Rückkehr der Monarchie verspricht Marktöffnungen, Privatisierungen und eine engere Anbindung des Iran an den westlichen Machtblock.

Mit Parolen wie »Tod den Mudjahedin, Tod den Linken« richten sich ihre Feindbilder nicht nur gegen die Islamische Republik. Der Verrat der MEK (Mudjahedin), die sich als linke Gruppierung im Iran-Irakkrieg 1983 gegen die eigene iranische Bevölkerung stellte zum Sturz des iranischen Regimes, gilt indes nicht als Anlass zur Diskussion gescheiterter linker Strategien, sondern als Grund jede fortschrittliche Opposition abzulehnen.

Die Bedrohungen durch monarchistische Exilgruppen an linke Kräfte sind inzwischen so betörend, dass ein vollkommen falscher Eindruck entsteht, wofür die iranische Diaspora tatsächlich steht. Mit Slogans wie »Make Iran Great Again« stehen sie für ein nationalistisches, chauvinistisches und rassistisches Weltbild: die Sehnsucht nach einem Großpersien, verbunden mit der Vorstellung, Iran gehöre den »Ariern«. Die Bedeutung des Namens Iran, ursprünglich etwa »Land der Arier« (von altpersisch Aryanam) wurde 1930 begeistert von nationalsozialistischen Ideologen aufgegriffen, die eine angebliche rassische Verwandtschaft zwischen Deutschen und Persern konstruierten.

Das Bündnis mit Trumpismus und westlichem Militarismus ist deshalb nicht rein strategisch. Es ist ein Bündnis autoritärer Kräfte, die mit Nationalismus, Großmachtfantasien und rechter Ordnungsvorstellung ideologische Geschwister darstellen.

»Wer die inneren Konflikte des Iran ausblendet und Politik allein auf die Niederlage des US-Imperialismus reduziert, landet am Ende bei derselben Logik des ›geringeren Übels‹ wie jene Kräfte, die heute Monarchisten als progressive Alternative feiern.«

Dabei sind Monarchisten und Ajatollahs – die religiös-politische Führungsschicht der Islamischen Republik – im Kern kein Gegensatz. Beide repräsentieren unterschiedliche Formen autoritärer Herrschaft, um emanzipatorische Kämpfe zu verhindern. Die einen legitimieren ihre Macht religiös, die anderen über Abstammung, Nationalismus und ethnische Überlegenheitsfantasien. Beide eint die Feindschaft gegenüber linken, sozialgerechten und multiethnischen Visionen eines Iran. Die Unterdrückung von morgen wird dabei schon heute als notwendige Befreiung verkauft.

Hände weg vom Iran 

Die permanente Erzählung von der »Rettung der Frauen« dient erneut als moralische Verpackung geopolitischer Interessen – dieselbe koloniale Logik, die bereits die US-Invasionen in Afghanistan und im Irak begleitet hat. Die reale Unterdrückung von Frauen im Iran wird dabei nicht bekämpft, sondern instrumentalisiert: als Rechtfertigung für Sanktionen und Interventionen. Der westliche Diskurs knüpft dafür an das rassistische Bild der »zu rettenden muslimischen Frau« an. Eine groteske Fortsetzung der liberalen »feministischen Außenpolitik«. Diese Erzählung ist besonders perfide in Anbetracht dessen, dass der US-Anschlag am 28. Februar 2026 zuerst eine Mädchenschule in Minab traf und dabei um die Hundert Schülerinnen tötete. Dieser westliche Interventionismus ist nicht nur deshalb problematisch.

Unter Sanktionen und globalem Konkurrenzdruck werden Krisen oft nach innen weitergegeben – durch mehr Ausbeutung, mehr Repression und Angriffe auf politische Organisierung. In abhängigen Staaten, das heißt solchen, die wirtschaftlich und politisch asymmetrisch in die globale kapitalistische Ordnung eingebunden sind, nimmt Herrschaft – insbesondere unter Konkurrenzdruck – oft besonders autoritäre Formen an. Im Iran zeigt sich das besonders deutlich an der jahrzehntelangen Sanktionspolitik des Westens. Um unter diesen Bedingungen im globalen Konkurrenzkampf bestehen zu können, wird die eigene Bevölkerung häufig noch härter ausgebeutet. Die soziale Ordnung lässt sich wiederum meist nur durch Repression absichern. Die Frage von Demokratie und Diktatur im Nord-Süd-Gefälle kann deshalb nicht getrennt von den ökonomischen Machtverhältnissen der globalen Weltordnung verstanden werden, die diese Staaten überhaupt erst hervorbringen.

Für linke Kräfte muss deshalb die erste Prämisse klar sein: Hände weg vom Iran. Der US-Imperialismus und die israelischen Angriffe wollen nicht Demokratie oder Befreiung.

»Während der äußere Druck des westlichen Imperialismus zeitweise nachlässt, verschärft das Regime im Inneren die Repression gegen linke, feministische und oppositionelle Kräfte massiv.«

Aus der US-Niederlage folgt jedoch nicht automatisch eine Verbesserung für die Menschen im Iran. Während der westliche Einfluss geschwächt wird, stabilisiert sich das iranische Regime im Inneren. Für viele Menschen bedeutet das zunächst mehr Angst, mehr Überwachung und mehr staatliche Gewalt. Wer die inneren Konflikte des Iran ausblendet und Politik allein auf die Niederlage des US-Imperialismus reduziert, landet am Ende bei derselben Logik des »geringeren Übels« wie jene Kräfte, die heute Monarchisten als progressive Alternative feiern. Das macht Menschen letztlich entweder zum Spielball geopolitischer Interessen oder erklärt sie zum Kollateralschaden des eigenen Weltbilds.

Die Vorstellung, man müsse erst den US-Imperialismus zurückdrängen und könne sich um die innere Unterdrückung »später kümmern«, ist keine Strategie der Befreiung, sondern eine Sackgasse. Die iranische Revolution von 1979 zeigt das mit brutaler Klarheit. Beim Referendum zur Islamischen Republik unterstützten große Teile der Linken die neue Ordnung taktisch, weil sie hofften, gemeinsam zunächst den westlich gestützten Schah zu überwinden. Dieses Etappendenken endete nicht in Befreiung, sondern in Gefängnissen, Repression und Massakern an den Kommunistinnen und Kommunisten selbst.

Und auch heute zeigt sich dieselbe Dynamik erneut: Während der äußere Druck des westlichen Imperialismus zeitweise nachlässt, verschärft das Regime im Inneren die Repression gegen linke, feministische und oppositionelle Kräfte massiv. Die »Ruhepause« von außen wird unmittelbar genutzt, um innenpolitisch brutaler zuzuschlagen.

Auch wenn es seit jeher zur Logik imperialer Politik gehört, soziale Bewegungen für die eigenen Interessen zu instrumentalisieren oder Einfluss auf sie nehmen zu wollen, macht sie das nicht weniger real. Diese Vermischung nutzt das Regime jedoch gezielt aus. Der Vorwurf, ein israelischer Spion zu sein, wird genutzt, um nahezu jede linke, feministische oder oppositionelle Organisierung unter Generalverdacht zu stellen. Unter dem Vorwand der »Zusammenarbeit mit Israel« werden oppositionelle Kräfte verhaftet, gefoltert oder hingerichtet.

Internationalismus von unten

Der iranische Staat inszeniert sich als Teil der »Achse des Widerstands« gegen Israel und den Westen. Tatsächlich unterstützt er Kräfte gegen die israelische Besatzung und verschiebt damit reale geopolitische Kräfteverhältnisse in der Region. Teile der internationalen Palästina-Solidaritätsbewegung argumentieren heute daher, die Kritik am iranischen Regime würde dem palästinensischen Befreiungskampf schaden. Doch diese Unterstützung entspringt keinem emanzipatorischen Internationalismus, sondern den Macht- und Einflussinteressen des iranischen Staates. Die sogenannte »Achse des Widerstands« ist deshalb keine wirkliche Alternative zur imperialen Ordnung, sondern Teil der Konkurrenz innerhalb regionaler Machtblöcke. Wie jeder andere Nationalstaat handelt auch die iranische Führung nicht im Interesse der Menschen in der Region, sondern entlang eigener Sicherheits- und Machtinteressen. Die palästinensische Frage wird dabei zum geopolitischen Druckmittel regionaler Machtkämpfe.

Gerade seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zeigt sich, dass emanzipatorische Bewegungen keinen geopolitischen Schutzpatron mehr besitzen, an den sie sich anhängen könnten. Internationalismus kann deshalb nicht bedeuten, sich hinter den Feind des Feinds zu stellen. Vielmehr sollte es darum gehen, die tatsächlichen Kämpfe von unten ernst zu nehmen. Die Kämpfe in Palästina und Iran sind nicht dadurch verbunden, dass sich die eine Bewegung dem Staat der anderen Seite unterordnet. Ihr Zusammenhang liegt im Widerstand gegen gemeinsame Formen von Unterdrückung: Krieg, Besatzung, Repression, patriarchale Herrschaft und die Zerschlagung selbstorganisierter Bewegungen.

»Wenn Internationalismus mehr sein soll als die Auswahl des vermeintlich fortschrittlicheren Machtblocks, muss er dort ansetzen, wo tatsächliche politische Handlungsmöglichkeiten bestehen.«

Praktisch kann sich das in gemeinsamen Kampagnen gegen politische Gefangenschaft, in Solidarität mit feministischen Bewegungen wie »Jin, Jiyan, Azadî«, im Austausch von Aktivistinnen oder in der Unterstützung von Arbeiter-, Studierenden- und Basisinitiativen zeigen – unabhängig davon, ob die Repression vom israelischen Staat, der Islamischen Republik oder westlichen Regierungen ausgeht. Weder befreit die Bombardierung des Iran seine Bevölkerung, noch wird Palästina durch andere Staaten befreit. Sowohl die iranische als auch die palästinensische Bevölkerung erleben die Instrumentalisierung ihrer Kämpfe durch Staaten mit eigenen Interessen. Das zeigt sich gerade daran, dass sie sich international als antiimperialistisch inszenieren, während sie im Inneren Gewerkschaften zerschlagen, feministische Bewegungen unterdrücken oder oppositionelle Linke verfolgen, um ihre Herrschaft abzusichern.

Bereits 1979 lehnten kurdische Organisationen das Referendum zur Islamischen Republik als einzige organisierte Kraft ab und forderten stattdessen Autonomie, Säkularismus und demokratische Selbstverwaltung. Darin lag auch der Versuch, Formen politischer Selbstorganisierung zu entwickeln, die sich dem Anspruch eines zentralisierten Nationalstaates zumindest teilweise entzogen.

Eine internationalistische Perspektive muss sich daher auf die Seite der Kämpfe der Menschen gegen ihre jeweiligen nationalen und regionalen Herrschaftsverhältnisse stellen im Kampf gegen die imperialen US-Interessen: auf die Seite der Woman, Life, Freedom Bewegung (»Jin Jiyan Azadî«), der streikenden Arbeiter im Öl- und Transportsektor, der Studierendenproteste, der Proteste von Lehrerinnen und Lehrern, sowie Rentnerinnen und Rentnern, der kurdischen Organisationen und all jener Kräfte, die trotz massiver Repression für soziale Gerechtigkeit und demokratische Selbstorganisierung kämpfen.

Internationalismus von unten bedeutet deshalb, die Kämpfe in der Region nicht entlang geopolitischer Machtblöcke zu betrachten, sondern aus der Perspektive der Menschen, die gegen Krieg, Besatzung und dessen autoritäre Verwaltung kämpfen.

Gerade die permanente Protestwelle im Iran zeigt dabei immer wieder das Potenzial solcher Bewegungen. Viele der Aufstände im Iran begannen nicht mit fertigen Parteiapparaten, sondern mit sozialen Explosionen gegen Massenarmut, Femizide und staatliche Gewalt. Auch der Sudan verdeutlicht sowohl das Potenzial als auch die Verwundbarkeit solcher Bewegungen. Die Entstehung lokaler Widerstandskomitees zeigte die Möglichkeit demokratischer Selbstorganisierung von unten; die anschließende Konterrevolution macht zugleich sichtbar, wie schnell emanzipatorische Prozesse zwischen Militärherrschaft, regionalen Machtinteressen und geopolitischen Konflikten zerrieben werden können.

»Der Kampf gegen Imperialismus beginnt dort, wo wir eingreifen können: im eigenen Staat.«

Die Frage ist jedoch, was aus dieser Perspektive praktisch folgt. Denn weder die iranische Opposition noch die palästinensische Bevölkerung werden durch Appelle von außen befreit. Wenn Internationalismus mehr sein soll als die Auswahl des vermeintlich fortschrittlicheren Machtblocks, muss er dort ansetzen, wo tatsächliche politische Handlungsmöglichkeiten bestehen. Historisch bestand Internationalismus selten darin, die Kämpfe anderer Menschen stellvertretend zu führen.

Die Anti-Apartheid-Bewegung, die internationale Solidarität mit Vietnam oder auch aktuell die Palästina-Bewegung wurde und wird dort wirksam, wo Menschen die Politik ihrer eigenen Regierungen angreifen und dadurch Handlungsspielräume für Befreiungsbewegungen schaffen, die ihr eigenes Umfeld mittransformieren. Für Internationalistinnen und Internationalisten folgt daraus eine konkrete Praxis. Der Kampf gegen Imperialismus beginnt dort, wo wir eingreifen können: im eigenen Staat. Das bedeutet, sich gegen die Politik der eigenen Regierung zu organisieren, wenn sie Kriege politisch, wirtschaftlich oder militärisch unterstützt wie Friedrich Merz einleitens. Es bedeutet, antimilitaristische Organisierung aufzubauen, gegen Aufrüstung, Wehrpflicht und Waffenexporte zu kämpfen – etwa durch die Blockierung der Militärbasis Rammstein, den Ausbau der aktuellen Schulstreiks wie in Anklage der Aufrüstung bei den kommenden Sozialprotesten – und darüber konkrete Solidarität mit widerständigen Gruppen in der Region selbst zu entwickeln.

Simin Jawabreh ist Politikwissenschaftlerin und schreibt und lehrt zu Rassismus und Migration