16. Juni 2026
Heute vor 50 Jahren gingen 10.000 Schülerinnen und Schüler in Soweto auf die Straße. Die Polizei erschoss zwei von ihnen innerhalb von Minuten. Doch der Aufstand ließ sich nicht niederknüppeln – er wurde zum Wendepunkt im Kampf gegen die Apartheid.

Die Polizei antwortete mit Tränengas und scharfer Munition auf die Proteste.
Es ist eines der markantesten Bilder über die Brutalität des südafrikanischen Apartheid-Regimes: Das Foto des in den Rücken geschossenen 13-jährigen Hector Pieterson, auf den Händen getragen von Mbuyisa Makhubu, während neben ihm seine vier Jahre ältere Schwester Antoinette Pieterson rennt. Erschossen wurde Hector Pieterson am ersten Tag des Soweto-Aufstandes. Am 16. Juni 1976 – vor 50 Jahren – entzündete sich ein offener Widerstand schwarzer Schülerinnen und Schüler durch die Einführung von Afrikaans, der Sprache der Unterdrückerinnen und Unterdrücker, in Schwarze Schulen.
Die Apartheid als rassistisch-kapitalistisches System basierte auf der Hierarchisierung von Gruppen nach »rassistischen« Kategorien, um wirtschaftliche Ausbeutung zu forcieren. Die Trennung zeigte sich auch im Bildungswesen. Hier wurden bestimmte Schulen für schwarze Schüler ausgewiesen und unterlagen den Entscheidungen des »Ministeriums für Bantu-Bildung«. Als 1974 die Anweisung erlassen wurde, wonach im kommenden Schuljahr Afrikaans als Unterrichtssprache für Mathematik und Sozialkunde verwendet werden sollte, stieß dies bei der schwarzen Bevölkerung auf Widerstand. Darüber hinaus stellte die Einführung von Afrikaans eine erhebliche Bildungsbarriere dar, da die Schülerinnen und Schüler diese Sprache zuvor nicht lernen mussten. Das war jedoch nicht der einzige Grund: Afrikaans war die Sprache der burischen Nationalisten. Afrikaans musste die Schwarze Bevölkerung mit der Polizei und Bürokratie sprechen.
Seit der Ankündigung kam es immer wieder zu kleineren Protesten an einzelnen Schulen, Unmutsbekundungen und Boykotte durch die Schülerinnen und Schüler. Am 13. Juni trafen sich einige von ihnen und begannen mit der Planung einer größeren Protestaktion in Form eines friedlichen Marsches. Dabei sollten am Protesttag viele Schulen angesteuert werden, um die Schülerschaft zu mobilisieren. Damit wird ein Unterschied zu den Protesten Monate zuvor deutlich: Diesmal waren sie weder spontan noch unkoordiniert.
Viele Diskussionen drehen sich heute um die Frage, welche mobilisierenden Faktoren für den Protest mit ausschlaggebend waren: Einige verweisen auf die beginnenden Einflüsse der Black-Consciousness-Bewegung, andere betonen die Wirkungen von ANC-Strukturen oder die Rolle von Winnie Mandela, manche verweisen auf das soziokulturelle Milieu, in dem Schülerinnen und Schüler in Soweto agierten, weitere betonen die (Selbst)Organisation von Schülerinnen und Schülern wie im South African Students’ Movement. Im Endeffekt muss gesagt werden, dass sich im Aufstand viele Faktoren kumulierten, aber es ein eigenständiger Schüleraufstand auf Basis ihrer eigenen Unterdrückungserfahrungen und gegenseitiger Solidarität war.
Am Morgen des 16. Juni gingen etwa 10.000 Schülerinnen und Schüler aus Soweto auf die Straße. Nach einigen Stunden traf eine mehrere hundert Mann starke Polizeitruppe ein, um die Demonstrationen aufzulösen. Als einige der Kinder und Jugendlichen begannen, Steine zu werfen, löste die Polizei die Demonstration auf, indem sie mit Pistolen und automatischen Gewehren mit scharfer Munition in die Menge schoss. Einige Polizisten warfen zunächst Tränengasgranaten oder feuerten Schüsse über die Köpfe der Demonstranten hinweg ab, doch im Allgemeinen hatten die Protestierenden kaum oder gar keine Vorwarnung erhalten. Innerhalb weniger Minuten wurden zwei Jungen, Hector Pieterson und Hastings Ndlovu im Alter von nur 12 bzw. 15 Jahren, erschossen. Schätzungen zufolge wurden an diesem ersten Tag zwischen elf und 13 weitere Kinder von der Polizei getötet, und als Vergeltung töteten die Demonstrantinnen und Demonstranten zwei weiße Beamte. In den folgenden zwei Tagen wurden weitere 93 Personen von der Polizei erschossen, während Demonstrantinnen und Demonstranten Gebäude und Fahrzeuge in Brand setzten, die mit den Behörden in Verbindung standen.
»Polizeigewalt fand in den Jahren vor dem Soweto-Aufstand versteckt in Gefängniszellen oder durch Anschläge statt. Jetzt passierte sie erneut auf den Straßen, im öffentlichen Raum.«
Während und nach den Gewalttaten behauptete die Polizei wiederholt fälschlicherweise, die Beamten hätten in Notwehr geschossen, doch später stellte sich heraus, dass sie den Befehl erhalten hatten, mit tödlicher Gewalt zu schießen, wobei sie Demonstrantinnen und Demonstranten oberhalb der Taille und oft in den Rücken trafen, während diese flohen. Sehr früh haben anwesende Journalistinnen und Journalisten den Behauptungen der Polizei widersprochen.
So war der friedliche Marsch, den die Schülerinnen und Schüler geplant hatten, zu gewalttätigen Auseinandersetzungen eskaliert. Der Historiker Julian Brown betont, dass die Polizeibrutalität keineswegs neu war. Aber sie fand in den Jahren vor dem Soweto-Aufstand versteckt in Gefängniszellen oder durch Anschläge statt. Jetzt passierte sie erneut – nach dem Massaker von Sharpeville 1960, wo 69 Schwarze getötet wurden – auf den Straßen, im öffentlichen Raum.
Aufgrund des Namens wird dem Aufstand oftmals eine lokale Bedeutung zugeschrieben. Doch Soweto war lediglich der Ausgangspunkt und die Proteste lösten rasch einen landesweiten Aufstand – vorwiegend in den Townships – gegen das gesamte Apartheid-System aus. Schnell solidarisierten sich Menschen aus den Townships Alexandra oder Tembisa und weiße Studentinnen und Studenten protestierten an der University of the Witwatersrand.
In der jüngeren Zeit betonen vermehrt Studien, wie der Unmut nicht nur auf andere größere Städte wie Kapstadt überschwappte, sondern auch kleinere und ländliche Gemeinden erreichte. In den folgenden Monaten von Juni 1976 bis Oktober 1977 kam es zu einem fast ununterbrochenen Kreislauf aus Aufständen und Repressionen. Die Zeit, die von jugendlichem Aktivismus und Polizeigewalt geprägt war, gipfelte im Tod des prominenten Anti-Apartheid-Aktivisten Steve Biko in einer Gefängniszelle und der Niederschlagung der Black-Consciousness-Bewegung, für die Biko prägend war.
»Nach dem Aufstand erkannten viele Schüler- und Studentenführerinnen und -führer die strategische Notwendigkeit generationsübergreifender Solidarität, insbesondere mit Arbeiterinnen und Arbeitern.«
Im weiteren Verlauf des Jahres ernannte die südafrikanische Regierung einen Einzelrichter zum Vorsitzenden einer Kommission, die den Soweto-Aufstand »aufarbeiten« sollte. Trotz ihrer Einschränkungen gilt die Cillié-Kommission (benannt nach dem vorsitzenden Richter Petrus Malan Cillié) als wichtige Informationsquelle zu den Ereignissen vom 16. Juni. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass 575 Menschen bei den Protesten ums Leben gekommen und 3.907 verletzt worden seien. Doch diese Zahlen sind umstritten. Da viele Menschen ihre Beteiligung an den Unruhen verschwiegen haben dürften, um einer Verhaftung zu entgehen, herrscht allgemein Einigkeit darüber, dass die tatsächlichen Opferzahlen höher lagen.
Der Soweto-Aufstand hat kurz- und langfristige Dynamiken ausgelöst. In Soweto gründete sich die Black Parents’ Association. Hierin verbündeten sich Aktivistinnen und Aktivisten der älteren Generation wie Winnie Mandela oder Fatime Meer mit den Protestierenden. Sie unterstützten betroffene Familien im Kampf gegen die Autoritäten und organisierten Begräbnisse.
Ein Jahr nach dem Aufstand konnte der neugegründete Soweto Students’ Representative Council (SSRC) einen beeindruckenden Erfolg verbuchen. Im April 1977 kündigte der West Rand Administration Board (WRAB) an, dass die Mieten in Soweto ab dem 1. Mai 1977 steigen würden. Diese Erhöhung würde – mit Verweis auf die Zerstörungen im Jahr zuvor – deutlich höher ausfallen als üblich. Der Urban Bantu Council (UBC) – ein wirkungsloses Gremium, das die Bewohnerinnen und Bewohner von Soweto vertreten sollte – zeigte sich nicht bereit, sich den Maßnahmen zu widersetzen; das SSRC sah darin eine Gelegenheit, sowohl gegen die Mietsteigerungen zu protestieren als auch die offensichtliche Kollaboration des Rates zu verurteilen.
Wenige Tage später führte der SSRC einen Marsch durch Soweto an, um gegen die Mietsteigerungen zu protestieren, erneut kam es zu Polizeigewalt, ohne die Proteste zu unterdrücken. Schon kurz darauf wurde die geplante Mieterhöhung ausgesetzt und der UBC aufgelöst. Um nochmals Julian Brown zu zitieren: »Die Township war nicht mehr einfach von außen oder von oben regierbar«. So musste die Apartheid-Regierung auf weitere »klassische« Methoden ihres Repressionsapparates zurückgreifen. Der SSRC wurde zusammen mit 17 weiteren Gruppierungen, die dem Black Consciousness Movement angehörten, verboten. Daher bauten Aktivisten des SSRC Strukturen wie den South African Youth Revolutionary Council auf.
Oftmals wird der Soweto-Aufstand als ein »turning point« – als Wendepunkt – beschrieben. Diese Sichtweise ist vertretbar. Schülerinnen und Schüler, die protestierten und die Polizeibrutalität durch ein institutionalisiertes rassistisches Regime hautnah erlebten, wurden politisiert. Eindrücklich die Aussage von Solly Mpeshe:
»Damals fingen wir erst richtig an, über Politik zu sprechen. Damals fingen wir an, über den ANC [African National Congres], den PAC [Pan-African Congress] und Umkhonto we Sizwe [Bewafffneter Arm des ANC und der SACP] zu sprechen. Und wir begannen, uns wirklich für die Black-Consciousness-Bewegung zu interessieren … Damals fingen wir erst richtig an, einen Zusammenhang zwischen Politik und unserer Situation herzustellen.«
Auf einen oftmals ignorierten Aspekt weist der Historiker Noor Nieftagodien hin: Nach dem Aufstand erkannten viele Schüler- und Studentenführerinnen und -führer die strategische Notwendigkeit generationsübergreifender Solidarität, insbesondere mit Arbeiterinnen und Arbeitern. Und mit Erfolg: Am einem »Stay-at-home-Protesttag« im August 1976 blieben 75 Prozent der afrikanischen Arbeitskräfte in Johannesburg der Arbeit fern, der größte Erfolg seit den 1960er Jahren.
Die Schülerinnen und Schüler sowie die Studentinnen und Studenten schafften es ebenfalls, trotz anfänglicher Widerstände, die Wanderarbeiter in den Townships für einen Streik zu bewegen. Oftmals hielten sich diese aus der Politik fern. Doch die Bezugnahme auf Solidarität, die gemeinsame politische Unterdrückung und wirtschaftliche Ausbeutung führte zu einem Umdenken.
»2015 forderten und bewirkten Studierende den Abriss der Statue des britischen Kolonialisten Cecil John Rhodes auf dem Campus der Universität Kapstadt.«
In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu strategischen Allianzen und erfolgreichen (Boykott)Kampagnen zwischen Schülerinnen und Schülern und ihren Jugendverbänden und Arbeiterinnen und Arbeitern. 1979 traten Arbeiter, die der Gewerkschaft der Lebensmittel- und Konservenarbeiter angehörten, in den Streik, weil sich Fattis & Monis – eine südafrikanische Nudelmarke – weigerte, die Gewerkschaft anzuerkennen. Dieser Arbeitskampf der farbigen und afrikanischen Arbeiterinnen und Arbeiter fand in Form eines Konsumentenboykotts breite Unterstützung in den Gemeinden. Studierende führten die Mobilisierung für den Boykott an, dessen Erfolg das Unternehmen zwang, mit der Gewerkschaft zu verhandeln.
Mit dem Soweto-Aufstand bekam der Widerstand eine weitere Dynamik, waren viele Aktivitäten des ANC oder der Südafrikanischen Kommunistischen Partei aufgrund von Exil und fehlenden Strukturen im Land in den Jahren zuvor ziellos und wenig erfolgreich. Zum einen baute der ANC innerhalb des Landes neue Zellen aus; zum anderen strömte die »Soweto-Generation« zum bewaffneten Kampf des Umkohonto weSizwe ins Exil. Sowohl (unabhängige) Gewerkschaften als auch selbstorganisierte Gruppen im Bildungsbereich oder Strukturen wie die United Democratic Front gewannen an Bedeutung. In der Folge wurde Südafrika immer unregierbarer und legte damit den Grundstein für die Überwindung der Apartheid.
Dabei sind die langfristigsten Wirkungen bis heute spürbar. Immer wieder werden universitäre Proteste wie #Rhodesmustfall oder #Feesmustfall in die Tradition des Soweto-Aufstandes gestellt. 2015 forderten und bewirkten Studierende den Abriss der Statue des britischen Kolonialisten Cecil John Rhodes auf dem Campus der Universität Kapstadt. Nur wenige Monate später protestierten Studierende erneut, diesmal gegen eine geplante Erhöhung der Studiengebühren an den staatlichen Hochschulen. Ähnlich wie beim Soweto-Aufstand ging es nicht nur um eine Verbesserung eines dysfunktionalen Bildungssystems, sondern um Forderungen nach »freier Bildung«, einer Dekolonisierung von Hochschulen und gegen die neoliberale Universitätsstruktur.
Andreas Bohne ist Journalist und Autor aus Berlin.