15. April 2026
Der Dokumentarfilm »A Single Day« behandelt das Leben dreier US-Soldaten, die sich während des Vietnamkriegs widersetzten, am Massaker von Mỹ Lai teilzunehmen. Er ist eine Lehre für alle Kriege – und alle einfachen Soldaten.

Frauen und Kinder aus Mỹ Lai, kurz bevor US-Soldaten sie massakrierten.
A Single Day wirkt auf den ersten Blick wie aus der Zeit gefallen. Warum der Dreh eines Films über ein Ereignis, das bereits aufgearbeitet scheint? Das Massaker von Mỹ Lai, bei dem im Zuge des Krieges der USA gegen Nordvietnam am 16. März 1968 US-Soldaten 504 Zivilisten brutal ermordeten, wurde bereits in vielerlei Hinsicht bearbeitet, nachdem der US-Investigativ-Journalist Seymour Hersh die Geschichte aufgedeckt hatte. Und wer interessiert sich heute in Deutschland für Mỹ Lai, während Bomben auf Kiew, Teheran oder Beirut fallen, und heutige Kriege und Konflikte ins Unermessliche eskalieren?
Der Film ist von Belang. Denn der deutsche Dokumentar-Filmemacher, Filmproduzent und Künstler Christoph Felder wählt einen Zugang zu dem Thema, der nicht nur das Besondere von Mỹ Lai, sondern das Universelle des Krieges, der Psyche von Soldaten im Krieg und des Mutes zum Widerstand offenbart. Der 68-Jährige, der schon im Jahr 2018 eine Dokumentation über Mỹ Lai gedreht hatte, erzählt die Geschichte des Massaker-Ortes nun anders: entlang der Geschichte eines Protagonisten, der dabei war, jedoch ein stiller Held wurde.
Denn gemeinsam mit dem ranghöheren und sechs Jahre älteren Hubschrauber-Piloten Hugh Thompson hat der damals 18-jährige Larry Colburn nicht nur nicht beim Töten mitgemacht. Vielmehr hat er gemeinsam mit Thompson und dem Soldaten Glenn Andreotta elf vietnamesische Zivilisten aus der Hölle retten können. Dabei, das wird im Film deutlich, blieben die drei offenbar die einzigen, die sich dem verbrecherischen Gemetzel widersetzten, bei dem vor allem Frauen, Kinder und Ältere getötet wurden.
»Colburn beschreibt eine Situation, in der er an diesem Tag in Mỹ Lai eine vietnamesische Frau im Reisfeld entdeckt, und ihr rät, sich zu verstecken. Als er und Thompson wiederkommen, entdecken sie die Frau tot.«
Der Film, der durch eine Crowdfunding-Kampagne finanziert wurde, leuchtet die politischen Hintergründe des Krieges nicht eingehend aus. Sie spielen ihre Rolle im Hintergrund. Der Regisseur fokussiert vielmehr auf jene, die die Befehle ausführen (sollen), auf die Folgen dieser Befehle, oder ihrer Missachtung. Der Film konzentriert sich auf die vier mörderischen Stunden jenes 16. März 1968 und überlässt es dem Zuschauer, sich auszumalen, welche Verheerungen dieser Krieg darüber hinaus bedeutete: je nach Angaben zwei bis vier Millionen getötete Vietnamesen, ein Großteil Zivilisten, zudem laotische und kambodschanische Opfer, sowie fast 60.000 getötete US-Soldaten. Von den Traumatisierten auf beiden Seiten ist bei diesen Zahlen nicht die Rede. In Felders Film schon.
Larry Colburn litt faktisch bis zu seinem Tod im Jahr 2016 an posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS), auch wenn er dies durch eine spätere zivile Arbeit, durch eine intakte Familie und vor allem auch durch bewusste Aufarbeitung lindern konnte. Und lindern musste er vor allem die Folgen eines Erlebnisses: Colburn beschreibt eine Situation, in der er an diesem Tag in Mỹ Lai eine vietnamesische Frau im Reisfeld entdeckt, und ihr rät, sich zu verstecken, weil er weitergehen muss. »Es schien, als wäre sie dort sicher«, sagt er. Als er und Hugh Thompson wiederkommen, entdecken sie die Frau tot. Das Bild habe ihn seither jeden Tag verfolgt.
Ähnlich eindrücklich schildert er die Ermordung einer Frau durch Ernest Medina, Captain der US-Army und Kompaniechef jener Einheit, die das Massaker verübte. Medina gab diesen Mord später vor Gericht zu, sagte aber, er habe geschossen, weil er bei der Frau eine Granate vermutete. Er kam zwar drei Jahre später vor ein US-Kriegsgericht, wurde aber letztlich freigesprochen. Er starb 2018, sechs Jahre vor William Calley, der als einziger Beteiligter an dem Massaker verurteilt wurde, aber letztlich nur einen dreieinhalbjährigen Hausarrest verbüßen musste.
»Hugh Thompson, der als der Hauptprotagonist der Rettungsaktion in Mỹ Lai gelten kann, wurde für seinen Einsatz nicht geehrt, sondern von Teilen der Armee als ›Verräter‹ gesehen.«
Thompson und Colburn indes bekamen in den Jahren unmittelbar nach ihrem Einsatz den Widerstand und Druck von ihren Vorgesetzten und großen Teilen der US-Bevölkerung zu spüren, weil sie die Massaker gemeldet hatten. Sie wurden nach Colburns Aussage in der Folge zu besonders gefährlichen Einsätzen geschickt, tatsächlich starb Glenn Andreotta nur wenige Wochen nach dem Massaker später bei einem solchen. Hugh Thompson, der als der Hauptprotagonist der Rettungsaktion in Mỹ Lai gelten kann, wurde für seinen Einsatz nicht geehrt, sondern von Teilen der Armee als »Verräter« gesehen. Er erhielt Morddrohungen, vor seinem Haus wurden tote Tiere abgelegt. Er litt später an Alkoholproblemen, seine Beziehungen fielen auseinander.
Sowohl Colburn als auch Thompson, deren Wege zunächst auseinandergingen, wurden von der Armee zwischenzeitlich für tot erklärt. Thompson konnte Colburn 1986 mit Hilfe des Autors Michael Bilton auffinden, die beiden Ex-Soldaten wurden für die nächsten zwanzig Jahre bis zu Thompsons Tod Freunde. Später wurden die beiden rehabilitiert, erhielten 1998, und Glenn Andreotta posthum, die »Soldiers Medal« der US-Armee. »Sie erhielten die Medaillen dafür, dass sie den Feind stoppten – und der Feind an diesem Tag waren die amerikanischen Soldaten«, sagt Bilton.
Neben den Aussagen Larry Colburns und seines Sohnes Connor sind es vor allem die Reflexionen Biltons, die den Film Felders vervollständigen. Der US-Amerikaner hatte bereits 1989 gemeinsam mit Kevin Sim einen Dokumentarfilm mit dem Titel Vier Stunden in Mỹ Lai. Anatomie eines Massakers gedreht, später kam ein gleichnamiges Buch heraus. In Felders Film verteidigt Bilton Medina in gewisser Weise – er hatte den Kommandeur in späteren Jahren interviewt. Medina habe sicher zu seiner Rolle und seinen Taten gelogen, sagt Bilton. Doch er sei selbst »durch den Krieg traumatisiert« gewesen. Wer dies nicht sehe, »versteht die Natur des Krieges nicht«.
Felder zeigt in dem Kontext eine Einblendung, in der Fotos von Folter, von Drangsalierung, von exzessiver Brutalität zu sehen sind – jenseits des Vietnam-Krieges. Warum handeln Menschen so? Unter welchen Bedingungen tun sie das? Und welche Bedingungen sind notwendig, um die offenbar in jedem Menschen innewohnende Aggressions- und Tötungsbereitschaft einzuhegen, zu domestizieren?
Der Untertitel des Filmes lautet Vom Abenteuer zum Widerstand – und man wünscht sich, dass auch heute viele Soldaten einen Weg gehen, wie ihn Colburn, Andreotta und Thompson gingen. Und zwar am besten nicht vom »Abenteuer zum Widerstand« kommen, sondern den Widerstand bereits vor dem »Abenteuer« leisten. Wie etwa Colburns Sohn Connor, der in dem Film prominent zu Wort kommt, und selbst, durch die Prägung seines Vaters, in keinen Krieg ziehen würde, wie er sagt.
An potenzielle und faktische Soldaten richtet Connor Colburn den Appell: »Ich würde sagen, geht nicht hin, um diese Kriege für diese reichen Politiker auszufechten, die niemals die eigenen Kinder an die Frontlinie oder auch nur in ihre Nähe bringen würden. Sie kümmern sich einen feuchten Dreck um euch.«
Connor Colburn zitiert aus einem eindringlichen Brief eines US-Veteranen des Irakkrieges von 2003, Tomas Young. Dieser war 23 Jahre alt, als er als US-Soldat in den Irakkrieg zog. Inspiriert durch eine Rede George W. Bushs war er in die Armee eingetreten, und ab dem sechsten Tag seines Einsatzes im Jahr 2004 durch einen Schuss an der Wirbelsäule querschnittsgelähmt. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich in den folgenden Jahren, er litt unter kaum erträglichen Schmerzen. Ein Jahr vor seinem qualvollen Tod schrieb Young im März 2013 in einem Brief an den Ex-Präsidenten George W. Bush und seinen Ex-Vizepräsidenten Dick Cheney, anlässlich des zehnten Jahrestags des US-Angriffskrieges im Irak, folgende Worte:
»Ich schreibe diesen Brief im Namen von uns allen – den menschlichen Trümmern, die euer Krieg hinterlassen hat, denjenigen, die ihr Leben in unendlichem Schmerz und Trauer verbringen werden. […] Ich schreibe nicht, weil ich glaube, dass ihr die schrecklichen menschlichen und moralischen Folgen eurer Lügen, Manipulationen und eures Durstes nach Reichtum und Macht begreift. Ich schreibe diesen Brief, weil ich vor meinem eigenen Tod klarstellen möchte, dass ich und Hunderttausende meiner Veteranenkollegen, zusammen mit Millionen meiner Mitbürger, zusammen mit Hunderten von Millionen weiteren im Irak und im Nahen Osten, genau wissen, wer ihr seid und was ihr getan habt. […] Wie viele andere behinderte Veteranen bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass unsere geistigen und körperlichen Wunden Sie nicht interessieren, vielleicht auch keinen Politiker. Wir wurden benutzt. Wir wurden verraten. Und man hat uns im Stich gelassen.«
»Colburn und Thompson konnten Jahre später an den Ort des Massakers reisen und wurden dort von den Einheimischen, den Überlebenden und ihren Nachfahren wie Brüder behandelt.«
Connors Vater sagt in dem Film ebenfalls viele bedenkenswerte Worte: am Tag seines Schwurs beim Eintritt zum Militär habe er gefühlt, dass er einen Fehler gemacht hatte, und »dass ich nicht hierher gehöre«. Beeinflusst war er bei seiner Entscheidung zum Armee-Eintritt nicht nur durch den Wunsch, daran mitzuwirken, den Kommunismus zurückzudrängen, sondern auch, weil er unter dem Einfluss der Vita des Vaters stand – dieser war an der Landung der US-Amerikaner in der Normandie 1944 beteiligt. Der Vater war bereits tot, und zuvor selbst traumatisiert, doch es war ein Onkel Larry Colburns, der es dem damals 18-Jährigen nahelegte, es sei selbstverständlich, dass auch er Soldat werden müsse.
Nach Colburns Geschichte zu urteilen, hat er mit seiner Aussage, er sei in der Armee »am falschen Ort« Recht und Unrecht zugleich. Denn wären er sowie sein direkter Vorgesetzter Hugh Thompson sowie Glenn Andreotta an jenem Tag nicht in Mỹ Lai gewesen, wären noch mehr Menschen gestorben. Sie und ihre Nachfahren sehen gerade Colburns Schwur sicher nicht als Fehler. Und auch deswegen konnten er und Thompson Jahre später an den Ort des Massakers reisen und wurden dort von den Einheimischen, den Überlebenden und ihren Nachfahren wie Brüder behandelt. Nach Thompsons Tod im Jahr 2006 konnte Colburn 2011 noch ein von ihm über Jahrzehnte herbeigesehntes Treffen verwirklichen, das Regisseur Felder arrangiert hatte: Er traf in Deutschland den Sohn jener Frau, die er damals im guten Glauben im Versteck gelassen hatte, und sie wenig später erschossen fand.
»Ich warte immer noch, dass noch etwas Positives aus all dem entspringen wird, und es wird«, sagt Colburn an einer Stelle im Film. Er meinte damit zwar die Überlebenden, und das, was man für sie noch tun könne, vor Ort, woran auch er mitwirke. Doch ein weiteres dieser positiven Dinge, die aus Colburns, Thompsons und Andreottas Geschichte entsprungen ist, ist auch dieser Film. Auch viele Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben ihn bereits gesehen. Und sie können sehen, dass es Menschen und Vorbilder gibt, die in fundamentalen Grenzsituationen Nein zum Verbrechen sagen können. Und Ja zu etwas Besserem.
A Single Day. Vom Abenteuer zum Widerstand (englisch mit deutschen Untertiteln) ist ab dem 15. April auf der Plattform Gumroad zu sehen.
Jan Opielka ist freier Journalist und arbeitet vorwiegend für deutschsprachige Print- und Radiomedien in Deutschland, Österreich und der Schweiz (Freitag, Frankfurter Rundschau, WOZ, Deutschlandfunk, ORF Ö 1).