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04. Juli 2026

Die Amerikanische Revolution war radikaler als die Gründerväter wollten

Viele Historiker haben die Amerikanische Revolution zu einem Konflikt zwischen britischen und amerikanischen Eliten heruntergespielt. Doch die Revolution setzte auch radikale Kräfte frei, die die Gründerväter nicht kontrollieren konnten.

Das Gemälde »Declaration of Independence« von John Trumbull.

Das Gemälde »Declaration of Independence« von John Trumbull.

Wikimedia Commons

Laut einer in den USA bekannten Anekdote mussten die Pfeifer und Trommler des britischen Regiments von Lord Charles Cornwallis nach seiner Niederlage bei Yorktown auf Anweisung von George Washington die britisch-royalistische Hymne The World Turned Upside Down spielen. Die Geschichte mag ihren Reiz haben, ist aber mit ziemlicher Sicherheit erfunden.

Traditionell hätte die verlierende Armee eine Melodie gespielt, die mit der Siegerseite verknüpft ist, in diesem Fall also eine amerikanische oder französische Weise. Washington aber habe den Briten angeblich diese Kriegsehren verweigert und ihnen befohlen, ein Lied ihres eigenen Landes zu spielen. Und so sollen Cornwallis’ Männer dieses Proteststück gespielt haben, das nach früheren Bürgerunruhen 1646 verfasst worden war.

Die erste Erwähnung dieser Geschichte findet sich in den Anecdotes of the American Revolution des betagten Kriegsveteranen Alexander Garden aus dem Jahr 1828 – wobei der Autor selbst einräumte, bei der Schlacht von Yorktown nicht zugegen gewesen zu sein. Der Historiker Henry Phelps Johnston übernahm die Behauptung in sein 1881 erschienenes Buch The Yorktown Campaign and the Surrender of Cornwallis, das später wiederum vom Musikwissenschaftler John Tasker Howard in dessen Werk The Music of George Washington’s Time von 1931 zitiert wurde.

»Die Unabhängigkeitserklärung feiert ihr 250. Jubiläum – in der zweiten Amtszeit von Donald Trump.«

Von dort waren es nur noch kleine, verklärende Schritte bis hin zu Lin-Manuel Miranda, der einen besonders wehmütigen Titel aus seinem Musical Hamilton nach der vermeintlich historischen Darbietung benannte. In jedem Fall ist es eine fesselnde Geschichte, deren Implikationen unverkennbar sind: Das Spielen dieses Liedes wird als Eingeständnis der Briten verstanden, dass ein Zeitalter zu Ende ging und ein neues begann – dass die Welt wortwörtlich auf den Kopf gestellt worden war.

Nun feiert die Unabhängigkeitserklärung ihr 250. Jubiläum – in der zweiten Amtszeit von Donald Trump. Die große Frage sollte nicht die der Authentizität der Yorktowner Playlist sein, sondern die, inwiefern es in der Amerikanischen Revolution Radikalismus und einen radikalen Umbruch gegeben hat. Ob nun The World Turned Upside Down gespielt wurde oder nicht: War die Welt nach Ende dieses Krieges, dessen Sieger ein novus ordo seclorum (eine neue Ordnung der Zeitalter) versprochen hatten, nicht letztlich unverändert geblieben?

Bourgeoiser Bürgerkrieg oder Kampf um Freiheit?

Behauptungen, die Amerikanische Revolution sei einzigartig gewesen, kennt man bislang vor allem aus den Dokumentarfilmen von Ken Burns und den Biografien von David McCullough. Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem 18. Jahrhundert befassen, verstehen sie als einen internen Streit zwischen der britischen und der neuen amerikanischen Elite.

Nach gängiger Meinung, zumindest unter vielen Historikern, Philosophinnen und Politikwissenschaftlern, war nicht das Jahr 1776, sondern vielmehr 1789 das entscheidende Ereignis: Die Moderne sei nicht von der Amerikanischen, sondern vielmehr von der weitaus radikaleren Französischen Revolution eingeleitet worden. Der Historiker Daniel J. Boorstin, ein Vertreter dieser »Konsensschule« und selbst politisch konservativ, schrieb 1953 in The Genius of American Politics: »Die Amerikanische Revolution war keine Revolution, sondern lediglich ein Kolonialaufstand.« Sechs Jahre später bezeichnete der liberale Historiker Carl N. Degler sie als grundsätzlich »konservativ«. In einem Essay des rechtsgerichteten Philosophen Russell Kirk aus dem Jahr 1985 werden die Jahre nach 1776 als eine »Revolution, die nicht vollzogen, sondern verhindert wurde« bezeichnet. In jüngerer Zeit argumentierte der marxistische Historiker Gerald Horne, dass die US-amerikanischen Gründerväter tatsächlich vor allem wegen einer zunehmend abolitionistischen Anti-Sklaverei-Stimmung in London kämpften.

Diese Sichtweise erhielt durch das 1619 Project der New-York-Times-Journalistin Nikole Hannah-Jones breitere Popularität. Zwar gibt es offensichtlich unterschiedliche Interpretationen, doch der rote Faden dieser Argumente bleibt: Die Amerikanische Revolution habe wenig Revolutionäres an sich gehabt; der Konflikt lasse sich besser als ein Bürgerkrieg zwischen rivalisierenden Aristokraten dies- und jenseits des Atlantiks verstehen.

Was auch immer die Mythologisierung des 4. Juli bewirken mag: Solche Interpretationen sind unter Historikerinnen und Historikern seit langem Konsens. Das Spektrum reicht dabei von Reaktionären, die die Amerikanische Revolution als Triumph betrachten, bis hin zu Marxisten, die sie als Farce ansehen. Schon im 18. Jahrhundert waren sich britische Kritiker wie Samuel Johnson (»Wie kann es sein, dass wir die lautesten Rufe nach Freiheit von Sklavenhaltern hören?«) überaus sicher, woran die revolutionäre Sache innerlich krankte. Der Begründer des philosophischen Konservatismus, Edmund Burke, stellte die Amerikaner und ihr 1776 positiv den Franzosen und ihrem 1789 gegenüber. Selbst im heutigen öffentlichen Diskurs wird immer wieder auf die Heuchelei von Revolutionären wie Washington und insbesondere Thomas Jefferson hingewiesen, der seine Oden auf die Gleichheit verfasste, gleichzeitig aber mehr als 600 Menschen als sein persönliches Eigentum beanspruchte. In einem solchen Kontext erscheint die Aufführung von The World Turned Upside Down weniger wie eine prophetische Aussicht auf die anbrechende Zukunft und vielmehr wie ironischer Spott.

»George Washington war der reichste Mann in den Vereinigten Staaten. Doch die in der Unabhängigkeitserklärung verkündeten egalitären Ideale stellten auch eine neue Artikulation radikalen Denkens dar.«

Es gibt jedoch einige bemerkenswerte Gegenstimmen, auch von der Linken. Gordon S. Wood schreibt in seinem 1991 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Buch The Radicalism of the American Revolution: »Die republikanische Revolution war die größte utopische Bewegung in der amerikanischen Geschichte. Die Revolutionäre strebten nichts Geringeres an als einen Umbau der amerikanischen Gesellschaft.« Entgegen der Konsensschule verteidigte Wood (der sich kürzlich auch öffentlich mit den Autorinnen des 1619 Project angelegt hat) die Amerikanische Revolution mit aller Kraft. Diese sei die Revolution des 18. Jahrhunderts gewesen – nicht bloß ein Prolog zum Hauptgeschehen in Frankreich, sondern eine Art Ur-Revolution, die die Vorlage für künftige Versuche lieferte, die Gesellschaft radikal nach emanzipatorischen Gesichtspunkten umzugestalten.

Für Wood verbindet eine direkte Linie das Jahr 1776 mit 1789 sowie weiter mit 1848 und sogar 1917. Wood konzentriert sich mehr auf den intellektuellen Gehalt und die kulturellen Umwälzungen dieser Zeit als auf die persönlichen Makel und Heucheleien der Gründerväter. Er hebt das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung hervor und betrachtet sie als ein durch und durch radikales Dokument mit entsprechenden materiellen Auswirkungen. »Gleichheit war in der Tat die radikalste und mächtigste ideologische Kraft, die durch die Revolution entfesselt wurde«, argumentiert er. »Ihre Anziehungskraft war weitaus stärker, als es sich irgendeiner der Revolutionäre bewusst war.« Mit anderen Worten: Welche Beweggründe die Gründerväter auch immer gehabt haben mögen, durch die Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung entfesselten sie eine gerechtfertigte Wut, die selbst sie nicht mehr einzudämmen vermochten: »Einmal heraufbeschworen, war die Idee der Gleichheit nicht mehr aufzuhalten, und sie erfasste die amerikanische Gesellschaft und Kultur mit gewaltiger Wucht.«

Es mag zutreffen, dass die Amerikanische Revolution eine weitgehend (allerdings nicht ausschließlich) bürgerliche Rebellion war, von der eine amerikanische Elite vor allem wirtschaftlich profitierte. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass George Washington der reichste Mann in den Vereinigten Staaten war. Doch es ist ebenso wahr, dass die in der Unabhängigkeitserklärung verkündeten egalitären Ideale eine neue Artikulation und Zusammenfassung des radikalen Denkens darstellten, das zu 1776 geführt hatte. Das Dokument wurde bald zum Leitstern für künftige Kämpfe um Befreiung, Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit.

Der Radikalismus der Amerikanischen Revolution

Oft scheint es, als habe es eine Kluft gegeben zwischen den Idealen der Amerikanischen Revolution und der Art und Weise, wie sie umgesetzt wurden. Wood zeigt, wie die erste Generation der Republikaner mit radikalen gesellschaftlichen und ökonomischen Arrangements experimentierte und wie spätere historische Entwicklungen – einschließlich des Images der Vereinigten Staaten als Hort der kapitalistischen Exzesse – keineswegs durch die Revolution selbst vorbestimmt waren.

Wood war bei weitem nicht der erste linke Historiker, der diese intellektuelle und rhetorische Trennlinie aufzeigte. Karl Marx räumte zwar ein, dass sich der Kapitalismus in den Vereinigten Staaten wie in einem »Treibhaus« entwickelte, doch er verstand die bürgerliche Revolution auch als notwendige Etappe im Kampf um die spätere, echte Befreiung der Arbeiterklasse. Im Jahr 1864 sandte Marx anlässlich der Wiederwahl von Abraham Lincoln einen bemerkenswerten Brief an den 16. US-Präsidenten. Marx schreibt darin, wie seit der US-amerikanischen Revolution die »Arbeiter Europas instinktiv spürten, dass das star-spangled banner das Schicksal ihrer Klasse in sich trug«.

Der populistische Hitzkopf Eugene Debs sagte 1901 vor einer Menschenmenge in Chicago: »Ich mag den 4. Juli. Er atmet den Geist der Revolution.« Siebzehn Jahre später schwärmte auch der sowjetische Führer Wladimir Lenin in seinem Brief an die amerikanischen Arbeiter, die Geschichte des modernen Amerika sei »durch einen jener wirklich revolutionären Befreiungskriege eröffnet« worden. Dieser sei »der Krieg des amerikanischen Volkes gegen die räuberischen Engländer« gewesen. Als Ho Chi Minh 1945 auf dem Ba-Dinh-Platz in Hanoi das Podium bestieg, um die vietnamesische Unabhängigkeitserklärung zu verkünden, waren seine Worte bewusst gewählt und dürften sich für Menschen in den USA sehr vertraut angehört haben: »Alle Menschen sind gleich geschaffen. Sie sind von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet; dazu gehören das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.«

»Was Historiker der Konsensschule oft unterschlagen, ist, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was die Revolution war, und dem, was sie noch hätte werden können.«

Es ist bedeutend, dass Lenin die Amerikanische Revolution als einen vom amerikanischen Volk geführten Krieg beschreibt. Eine Betrachtung des wahren Radikalismus der Amerikanischen Revolution ist unvollständig, wenn sie sich lediglich auf die Gründerväter konzentriert. Natürlich wird ein Ereignis, das so vielschichtig und kompliziert ist wie dieses, immer auch widersprüchliche Fraktionen von Reaktionären und Konservativen über Liberalen bis hin zu Radikalen umfassen. Lenins Ausdrucksweise ist wichtig, denn die Revolution wurde nicht nur von George Washington ausgefochten, sondern von seinen Männern in Valley Forge, Trenton und Yorktown sowie von den Frauen zu Hause in Boston und Philadelphia – die für die Verbreitung revolutionärer Ideale von zentraler Bedeutung waren und nicht selten die radikalsten Vorschläge einbrachten.

Anstatt eine weitere Heiligenlegende über die Gründerväter zu liefern, lenken die Historiker Alfred F. Young, Gary B. Nash und Ray Raphael mit ihrer unentbehrlichen Anthologie Revolutionary Founders: Rebels, Radicals, and Reformers in the Making of the Nation dementsprechend den wissenschaftlichen Fokus auf die proletarischen Soldaten und Aktivistinnen, die unter der rot-weiß-blauen Fahne marschierten. Zwar räumen die Herausgeber ein, dass historische Details aus der Konsensschule in Bezug auf Washington, Jefferson und John Adams weitgehend korrekt sind, doch machen sie ebenso deutlich, dass »viele ihrer Zeitgenossen die bestehenden Ungleichheiten grundlegend bekämpfen und die Regierungsstrukturen radikalisieren wollten«. Mit anderen Worten: Innerhalb der Amerikanischen Revolution war Radikalismus durchaus von Bedeutung.

Revolutionary Founders beschreibt nicht nur jene, deren Denkmäler in Washington stehen oder deren Gesichter auf Geldscheinen abgedruckt sind, sondern auch einflussreiche Persönlichkeiten aus der Arbeiterklasse wie den Bostoner Schuhmacher und Stamp-Act-Gegner Ebenezer Mackintosh, den radikalen Schmied und Veteranen von Lexington und Concord, Timothy Bigelow, sowie Edward Wright und James Cleveland, die in Virginia blutige Aufstände gegen die Briten führten und sich dabei derselben Sprache bedienten, die die radikalen Leveller des Englischen Bürgerkriegs mehr als ein Jahrhundert zuvor verwendet hatten.

Revolutionary Founders hinterfragt zudem das Bild der US-amerikanischen Revolution als rein weiß und patriarchalisch, indem Schwarze Revolutionäre wie Prince Hall und Richard Allen sowie Wegbereiterinnen der späteren Frauenwahlrechtsbewegung wie Judith Sargent Murray und Abigail Adams berücksichtigt werden. Die Herausgeber merken an: »Wir werden das Ausmaß der Amerikanischen Revolution niemals ganz erfassen können, […] solange wir ihre progressivsten Teilnehmenden nicht ernst nehmen und sie in unsere nationale Geschichtsschreibung einbeziehen.«

Besonders interessant sind in dieser Hinsicht Fälle wie der von Jedediah Peck. Peck, ein überzeugter Republikaner und Anti-Föderalist, war ein Veteran aus der Arbeiterklasse, der als Mühlenbauer arbeitete. Er kandidierte für ein politisches Amt im Staat New York, wo er maßgeblich an der Reform des Schulsystems beteiligt war, und agitierte gegen den Alien Act und den Sedition Act. Peck, der nach genau jenen Bestimmungen im Sedition Act strafrechtlich verfolgt wurde, gegen die er protestierte, war ein aufständischer Politiker und aus dem gleichen Holz geschnitzt wie jene, die Aufstände nach der Verabschiedung der Verfassung anführten. Erinnert sei hier an die Shays-Rebellion und die Whiskey-Rebellion. Wie Peck zu sagen pflegte: »Lasst uns alle gemeinsam mit einer Stimme die Souveränität des Volkes verkünden.«

Hoffnung auf eine neue Welt

In Revolutionary Founders wird deutlich: Die Bedeutung des Jahres 1776 war bereits während der Revolution umstritten, selbst unter denjenigen, die in ihr kämpften. Es gab zweifellos sowohl konservative als auch radikale Strömungen. Es ist sinnvoll, diese beiden Stränge voneinander zu trennen.

Genau dafür plädierte der Theoretiker Marshall Berman in Adventures in Marxism. Er stellte sich unter anderem eine genuin amerikanische revolutionäre Politik, einen »Jeffersonianischen Marxismus«, vor. Wie der Mississippi »von tausend Bächen gespeist wird«, so setze sich auch die amerikanische Arbeiterklasse zusammen aus den »Massen anonymer, gewöhnlicher Männer und Frauen aus allen Berufen […] jeder Rasse, Hautfarbe und ethnischen Gruppe, jeder Klasse – mit Ausnahme der allerhöchsten, jenen mit den Zylindern«. Was Historiker der Konsensschule oft unterschlagen, ist, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was die Revolution war, und dem, was sie noch hätte werden können.

Wood verstand, dass die »wahre Quelle demokratischer Gleichheit« nicht nur in aufklärerischen Salons und philosophischen Schriften zu finden war, sondern es vielmehr eine gelebte und gemeinsam empfundene Gleichheit gebe, »die weitaus wirkungsvoller war als der bloße Locke’sche Glaube, dass jeder bei seiner Geburt mit demselben unbeschriebenen Blatt beginnt. Jefferson und andere, die sich auf diesen egalitären moralischen Anspruch beriefen, hatten natürlich kaum eine Ahnung, wie weit dieser in demokratischer Hinsicht noch getrieben werden könnte.« Das Revolutionäre begann und endete nicht in der Independence Hall, wo die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde. Das Erbe des Radikalismus dieses Ereignisses reicht weiter und tiefer, als es sich die damaligen Anführer hätten vorstellen können.

Wenn es einen Gründervater gibt, der zum offiziellen Kanon der bedeutenden Persönlichkeiten der Revolution gehört und auf den trotzdem das Adjektiv »radikal« voll und ganz zutrifft, dann ist es der englische Flugblattschreiber, religiöse Nonkonformist sowie überzeugte Republikaner und Demokrat Thomas Paine.

»Paine war maßgeblich daran beteiligt, aus einer ursprünglich regionalen Rebellion gegen Steuern eine Revolution zu machen, die sich den aufklärerischen Prinzipien von Freiheit und Gleichheit verschrieb.«

Obwohl ihm hier und da zugeschrieben wird, in Common Sense (veröffentlicht im Januar 1776) als Erster den Namen »Vereinigte Staaten von Amerika« geprägt zu haben, gibt es auf der National Mall kein offizielles Thomas-Paine-Denkmal. Auch erscheint sein Bildnis auf keiner Banknote. Dabei war Paine maßgeblich daran beteiligt, aus einer ursprünglich regionalen Rebellion gegen Steuern eine Revolution zu machen, die sich den aufklärerischen Prinzipien von Freiheit und Gleichheit verschrieb. Wortgewandt, schlagfertig und mit einem Gespür für einprägsame Formulierungen (»Zeiten wie diese prüfen die Seele der Menschen«; »Je schwerer der Kampf, desto ehrenvoller der Triumph«; »Mein eigener Verstand ist meine Kirche«): Paines Republikanismus war echter als der von Washington, und sein Säkularismus authentischer als der von Jefferson.

Wie Paine es mit Leidenschaft selbst formulierte: »Es liegt in unserer Macht, die Welt zu verändern.« Während Mainstream-Historiker behaupten, für viele der Männer, die die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten (und sicherlich für diejenigen, die später die Verfassung unterzeichneten) sei der Krieg lediglich ein Mittel gewesen, bestimmte eigene Privilegien zu sichern, steht Paine dem entgegen. Er zeigte echtes, idealistisches Engagement und den Willen, die Welt mit Blut und Schweiß neu zu gestalten. Ob die Amerikanische Revolution einen radikalen Charakter hatte oder nicht, mag in der Geschichtswissenschaft umstritten sein, doch bei Paine war dies ganz eindeutig der Fall.

Wie die Herausgeber von Revolutionary Founders betonen, ging es dem Visionär, den Theodore Roosevelt einst als »schmutzigen kleinen Atheisten« bezeichnete, in Wirklichkeit um weit mehr als bloße Unabhängigkeit. Er habe sich für »soziale Gleichheit, Volkssouveränität und einen Sozialstaat eingesetzt, der den Reichtum umverteilt – nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Großbritannien, Frankreich und überall sonst«. Paine war der Sohn eines Korsettmachers, der im bescheiden-ländlichen Norfolk in Ostengland aufwuchs. Seine philosophische Bildung bezog er nicht nur aus der Lektüre von John Locke, sondern vielmehr aus der weitaus radikaleren Tradition religiöser Abweichler wie den Quäkern, denen seine Eltern angehörten. Er entwickelte für sich nicht nur eine Philosophie der Würde und Emanzipation der Arbeiterklasse, sondern eine Weltanschauung, deren Ursprünge in der Arbeiterklasse selbst lagen.

»Rot stiegen die Wolken vom Atlantik empor in riesigen Rädern aus Blut / Und in den roten Wolken erhob sich ein Wunder über dem Atlantik«, schrieb der Dichter William Blake, der im selben radikalen religiösen Umfeld aufgewachsen war, über die Revolution. Diese sei ein »menschliches Feuer, das heftig glühte, wie der Keil / Aus Eisen, im Hochofen erhitzt«, so Blake in America: A Prophecy von 1793. »Der König von England, der nach Westen blickt, zittert bei diesem Anblick.« Ebenso inspiriert von den radikalen Strömungen, die bis zum Englischen Bürgerkrieg zurückreichten, sah Blake die Amerikanische Revolution als ein Mittel zur Neugestaltung der Welt. Er zählte Paine sogar neben Benjamin Franklin, Jefferson und Washington zu den »Engeln« dieser neuen Weltordnung. Freilich sollten Franklin, Jefferson und Washington Blake letztendlich das Herz brechen – doch eine Zeitlang konnte der revolutionäre Dichter in Amerika eine Chance erkennen, die Welt von Grund auf neu zu gestalten.

Unveränderliche Rechte

Der britische Autor Christopher Hitchens äußerte häufig, mit der Fünften Republik in Frankreich und dem Zusammenbruch der Sowjetunion gebe es nur noch eine Revolution, die (noch) nicht gescheitert ist: die Amerikanische. Das mag man so sehen; doch wenn man sich die Lage der Nation zu ihrem 250. Jahrestag ansieht, bekommt man den Eindruck, dass viele Versprechen schon lange bewusst gebrochen wurden.

Dennoch bleibt eine gewisse politische Poesie, wenn bestimmte »Wahrheiten« als »selbstverständlich« angesehen werden – wie zum Beispiel die Ansicht, dass alle Menschen gleich geschaffen und mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, darunter das Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.

»Vielleicht ist es – wie der chinesische Staatsmann Zhou Enlai mit Blick auf die Französische Revolution gesagt haben soll – noch zu früh, um den radikalen Charakter der Amerikanischen Revolution abschließend zu beurteilen.«

Damals kannte jeder John Lockes klassische Formulierung von fast einem Jahrhundert zuvor: »Leben, Freiheit, Eigentum.« Thomas Jefferson ersetzte das libertäre Versprechen seines Vorgängers durch etwas weitaus Persönlicheres und Kraftvolleres. Jeffersons eigene Schwächen und Heucheleien (siehe oben) sind für die Wahrheit dieses Prinzips irrelevant. »Wie alle großen revolutionären Denker«, schreibt der Philosoph Michael Hardt, »versteht Jefferson sehr wohl, dass das revolutionäre Ereignis, der Bruch mit der Vergangenheit und die Zerstörung des alten Regimes, nicht das Ende der Revolution ist, sondern eigentlich nur ein Anfang.« Eine Revolution, in deren Mittelpunkt das menschliche Glück steht – eine vordergründig bürgerliche Revolution, bei der aber das Wort »Eigentum« aus dem Gründungsdokument gestrichen wurde –, hat gewisse Implikationen. Diese können nur dann verspottet und mit Füßen getreten werden, wenn wir uns weigern, ihren latenten Radikalismus konsequent weiterzuverfolgen.

Es fühlt sich an, als gäbe es in dieser Revolution etwas, das sich nicht so leicht abtun lässt; etwas, das weiterhin darauf wartet, zum Vorschein zu kommen. Vielleicht ist es – wie der chinesische Staatsmann Zhou Enlai mit Blick auf die Französische Revolution gesagt haben soll – noch zu früh, um den radikalen Charakter der Amerikanischen Revolution abschließend zu beurteilen. Ihr endgültiger Ausgang liegt in der Zukunft.

Ed Simon ist Journalist bei Millions sowie Redakteur bei Berfrois. Sein Buch Furnace of This World; or 36 Observations about Goodness ist bei Zero Books erschienen.