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02. Juli 2026

Antifaschismus an die Haustüren tragen

Das Bündnis Erfurt Widersetzen will den AfD-Parteitag blockieren, setzt dabei aber nicht auf die klassische Mobilisierung der linken Szene. Ziel ist es, die Breite der Stadtgesellschaft zu erreichen. Was kann eine Blockade in einer AfD-Hochburg bewirken?

Erfurt bereitet sich auf ein Protest-Wochenende gegen den AfD-Parteitag vor.

Erfurt bereitet sich auf ein Protest-Wochenende gegen den AfD-Parteitag vor.

IMAGO / Jochen Tack

Am 4. und 5. Juli findet in Erfurt der AfD-Bundesparteitag statt. Unterschiedlichste Gruppen rufen zu Gegenprotesten auf. Dazu zählen die Linke, Gewerkschaften und auch das Bündnis Erfurt Widersetzen. Schätzungen gehen von rund 50.000 Protestierenden aus.

Lola Mehring und Michel Schlichtenberger sind beide bei Erfurt Widersetzen aktiv. Im Gespräch mit Jacobin erklären sie, warum das Bündnis schon im Vorfeld auf Haustürgespräche und Organizing setzt – denn für erfolgreiche Blockaden, so argumentieren sie, braucht es die Breite der Stadtgesellschaft.

Als Bündnis Widersetzen kündigt ihr zivilen Ungehorsam und eine Blockade des AfD-Bundesparteitags in Erfurt am kommenden Samstag an. Dafür führt ihr derzeit Haustürgespräche in der Stadt. Warum setzt ihr auf diesen Ansatz?

LM: Für unsere Aktion brauchen wir die breite Stadtgesellschaft und dazu muss man aus der eigenen Bubble raus. Haustürgespräche sind dafür der einfachste Weg – wenn man es einmal macht, fragt man sich eigentlich, warum das nicht schon viel öfter passiert ist. Es gibt sehr viele Menschen, die die AfD ebenfalls schrecklich finden und etwas tun möchten. Viele haben jedoch keine Idee, wie sie antifaschistisch aktiv werden können und bleiben letztlich demobilisiert.

»Wir wissen außerdem, dass Sitzblockaden ausschließlich dann funktionieren können, wenn eine Mehrheit der breiten Zivilbevölkerung mitmacht.«

Genau diese Menschen wollen wir über die Haustürgespräche erreichen und sie einladen, Teil der Proteste gegen den Parteitag zu sein. Wir wissen außerdem, dass Sitzblockaden ausschließlich dann funktionieren können, wenn eine Mehrheit der breiten Zivilbevölkerung mitmacht. Nur so kann eine politische Situation entstehen, in der die Polizei entscheidet, dass es unverhältnismäßig ist, alle Menschen zu räumen.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

MS: Auf die Idee kamen wir, weil ein Freund von uns Haustürgespräche für Nam Duy Nguyens Linke-Wahlkampf in Leipzig geführt hat. Als wir Studis gegen Rechts an unserer Uni gegründet haben, haben wir gesagt: Komm, wir gehen nicht mehr nur in die Uni, sondern bringen den Antifaschismus an die Haustüren! Nach den ersten Erfolgen haben wir beschlossen, das als zentrale Strategie zu wählen. Seitdem ist unser Ziel, an 60.000 Haustüren in Erfurt zu klopfen.

Wie läuft so ein Gespräch an der Haustür konkret ab?

LM: Die Gespräche sind immer gleich aufgebaut und basieren auf Organizing-Methoden. Nachdem wir uns vorgestellt haben, lautet unsere erste Frage immer »Was macht es mit dir zu wissen, dass die AfD hier in Thüringen in den Umfragen bei 40 Prozent steht und ihren Parteitag hier in unserer Stadt abhalten will?« Bei vielen Menschen löst diese Frage etwas aus, denn viele sprechen nie darüber. In diesen Gesprächen merkt man schnell, dass man die gleichen Gedanken und Ängste in Bezug auf die AfD hat, damit jedoch oft allein ist.

Das gilt für beide Seiten: Auch für uns Aktive ist es empowernd zu merken, wie viele Leute es gibt, die gegen die AfD sind. Daher laden wir die Leute dann zu einer Aktivität ein, um aus der Vereinzelung zu kommen: Das kann eine Stadtversammlung sein, ein Nachbarschaftsfest oder ein offener Brief. Wenn die Gespräche gut verlaufen, stellen wir am Ende immer eine »Entscheidungsfrage«: »Gibst du mir die Hand darauf, dass du dir am Parteitag den Wecker auf 5 Uhr stellst und wir uns gemeinsam auf der Straße bei den Blockaden sehen?«

»Die meisten Wählerinnen und Wähler der AfD schlagen uns direkt die Tür vor der Nase zu.«

Wenn am Ende eine Zusage zur Blockade steht, ist das natürlich das Optimum. Aber selbst wenn nicht, haben wir das Ziel erreicht, den Menschen wieder zu zeigen, wie wichtig es ist, antifaschistisch zu sein – und das aus der reinen »Antifa-Ecke« herauszuholen. Nach jedem Gespräch tragen wir in einer App ein: »Tür geöffnet«, »Gespräch geführt«, und »gutes Gespräch« oder »Zusage«. Neun von zehn der Gespräche laufen gut.

Eine Zusage an der Tür ist schnell gegeben. Übertragen sich die Gespräche am Ende in echte Beteiligung?

MS: Der Moment, der hier besonders hervorsticht, ist die Stadtversammlung vor zwei Wochen. Dafür haben wir knapp 900 Zusagen in den Wochen zuvor gesammelt. Letztlich kamen sogar noch mehr, viele haben angegeben, dass sie an der Haustür eingeladen wurden. Das hat uns allen Kraft gegeben, weil man gesehen hat, dass es funktioniert. Insbesondere weil wirklich die Breite der Gesellschaft da war: von jung bis alt, von Studi über Azubi bis Pfarrerin. Letztere hat sogar zugesagt, ein Aktionstraining zur Vorbereitung auf die Sitzblockaden in ihrer Kirche stattfinden zu lassen.

LM: Auch an den Unis merken wir, dass die Mischung aus der offenen Art und dem Minimalkonsens von »wir finden die AfD doof« ganz neue Leute anspricht. Unser Auftakttreffen mussten wir auf eine große Wiese verlegen, weil letztlich über 600 Studierende teilgenommen haben. Gemeinsam haben sie bei der »Wissenschaft gegen Faschismus« Woche über 70 Seminare zum Thema Antifaschismus organisiert.

Bei der letzten Bundestagswahl haben knapp 27 Prozent der Erfurterinnen und Erfurter, die zur Wahl gegangen sind, die AfD gewählt. Denen begegnet ihr sicherlich auch an den Haustüren. Was erlebt ihr da?

LM: Die meisten Wählerinnen und Wähler der AfD schlagen uns direkt die Tür vor der Nase zu. Manchmal kommt es dazu, dass vor allem Männer sich unangenehm aufspielen oder uns sogar anschreien. Das sind kurze, unangenehme Begegnungen, die wir dann kollektiv nachbesprechen, falls nötig.

Falls es doch zu einem Gespräch kommt, sind diese oft zäh und anstrengend. Zu Beginn unserer Kampagne haben wir für solche Gespräche eine kleine Zusammenfassung mit Gegenargumenten zusammengestellt und sind in die Diskussion gegangen. Oftmals dreht man sich dabei aber im Kreis, das kostet viel Energie – und vom Antifaschismus überzeugt man die meisten AfD-Wählenden auch nicht in einer halben Stunde.

Daher raten wir inzwischen davon ab. Wir gehen nicht an die Türen, um Leute zu bekehren. Das ist nicht unser Ziel. Wir wollen Menschen aus Ohnmacht und Unwirksamkeit herausholen, nicht vom Gegenteil ihrer Meinung überzeugen.

Die AfD ist in Thüringen in den Umfragen mit Abstand stärkste Kraft. Was bringt da eigentlich ein punktueller Versuch, ihren Parteitag zu blockieren? Insbesondere, wenn es schon die letzten Male nicht geklappt hat.

MS: Es stimmt, dass die bisherigen Aktionen von Widersetzen die Parteitage nie ganz verhindern, sondern nur verzögern konnten. Der Unterschied ist diesmal, dass wir vorher mit den Menschen in der Stadt gesprochen haben. Es ist klarer geworden, dass das nicht »irgendwelche Linken, die Bock auf Krawall haben« sind, sondern Menschen, die die Gefahr durch die AfD als so groß empfinden, dass sie sich ihr mit dem eigenen Körper entgegenstellen wollen.

»Wir wollen Menschen aus Ohnmacht und Unwirksamkeit herausholen, nicht vom Gegenteil ihrer Meinung überzeugen.«

Außerdem ist das Ziel nicht nur, etwas zu verhindern, sondern auch auf die Gefahr aufmerksam zu machen – dabei geht es um eine Normverschiebung: Die AfD ist keine normale Partei, sondern im Kern faschistisch. Damit spielen sie mittlerweile sogar öffentlich: Das Datum und der Ort des Parteitags sind bewusst so gewählt, dass die Parallele zum NSDAP-Reichsparteitag offensichtlich wird – dieser fand vor genau 100 Jahren im nahegelegenen Weimar statt. Genauso aktuell ist der Verweis auf das Regierungsprogramm der AfD aus Sachsen-Anhalt. Wir waren zum Beispiel bei einer Person, die im Bereich der schulischen Inklusion arbeitet – dort haben wir darüber gesprochen, dass die AfD diesen Bereich komplett abschaffen will.

Aber braucht es für solche Aufklärungsarbeit eine Blockade?

LM: Unsere Proteste schaffen den Anlass für diese Gespräche. Die etablierte Politik hat keinen Plan, wie man die AfD aufhält. Aber wir haben einen. Wenn wirklich eine schweigende, unmobilisierte Mehrheit aufsteht, mit ganz unterschiedlichen Menschen in der ersten Reihe, dann zeigt das ein Umdenken, das weit über Erfurt hinaus reichen kann. Ob wir dann den Parteitag am Ende vollständig blockieren oder nicht, sei dahingestellt. Wir glauben, wir werden es schaffen. Und selbst wenn nicht: Die Menschen haben die Erfahrung selbst gemacht, sich beteiligt zu haben, und das ist das Entscheidende. Das ist wie Muskelaufbau: Wir bauen darüber weiter Kraft auf – und die wird es in Zukunft brauchen.

Mit der Muskelaufbau-Metapher zielst du darauf, dass die Menschen, die ihr einladet, über den 4. Juli hinaus politisiert bleiben und Teil der Bewegung werden. Ihr habt von einem »Minimalkonsens« gesprochen – man muss sich nur in der Ablehnung der AfD einig sein. Funktioniert das in der Praxis über das politische Spektrum hinweg?

MS: Ja, das funktioniert. Beim Aktionstraining in einer Kirche standen wir zum Beispiel beide ganz vorne am Banner, direkt neben einem Stadtrat der Grünen. Auch eine Pfarrerin war mit dabei. Das ist genau das, was der Minimalkonsens mit sich bringt. Es bleibt immer das Gefühl: Wir sind hier alle aus demselben Grund. Egal ob an den Haustüren, beim Aktionstraining oder bei einer Gegendemo zu einer »Remigrations«-Kundgebung – da kommen Menschen, die wir vorher noch nie gesehen haben, was in einer Stadt wie Erfurt schon ungewöhnlich ist.

»Entscheidend ist, dass die Person da ist, weil sie findet, dass wir etwas tun müssen und dass sie sich ab jetzt politisch organisiert.«

Die bringen eigene Buttons, Flyer und selbstgemalte Banner mit. Das mag für die linke Szene komisch klingen, aber welche Partei jemand wählt – außer der AfD natürlich –, spielt in dem Moment überhaupt keine Rolle. Entscheidend ist, dass die Person da ist, weil sie findet, dass wir etwas tun müssen und dass sie sich ab jetzt politisch organisiert. Nur so können wir wirklich Veränderung von unten schaffen.

Ihr arbeitet unter anderem mit der App der Linken und seid davon auch organisatorisch inspiriert. Welche Rolle spielt die Linke konkret vor Ort?

LM: Auf Bundesebene unterstützt uns die Linke mit Bekanntheit und Personal, weil sie ein antifaschistisches Grundverständnis teilt. Für die Aktion selbst stellt sie parlamentarische Beobachterinnen und Beobachter, die einen gewissen rechtlichen Schutz bieten. Und auch sonst läuft im Hintergrund einiges an Unterstützung, gerade bei der Infrastruktur.

Die Linke wird sich auf jeden Fall solidarisch mit uns gemeinsam widersetzen – sie hat vergangene Woche auch zu einer Pressekonferenz eingeladen, bei der Widersetzen geredet hat. Strukturell sind wir aber nicht an eine Partei gebunden. Auch viele andere Akteure unterstützen uns in Erfurt, zum Beispiel Kulturvereine oder Kirchen. Umgekehrt kann die Mobilisierungskraft, die hier aus Erfurt entsteht, durchaus auch Kämpfen anderer linker Bewegungen zugutekommen. Wir unterstützen uns einfach gegenseitig.

MS: In dem Zuge wollen wir alle einladen, am kommenden Samstag nach Erfurt zu kommen und sich uns anzuschließen – aus Berlin, Leipzig, Frankfurt und vielen anderen Städten gibt es bereits organisierte Anreisen.

Lola Mehring ist Teil des Presseteams von Erfurt Widersetzen. 

Michel Schlichtenberger ist Teil des Presseteams von Erfurt Widersetzen.