13. Juli 2026
Der kürzlich verstorbene Mikrohistoriker Carlo Ginzburg betrachtete gesellschaftlichen Wandel von unten. Sein Ansatz war stark geprägt von Erfahrungen mit dem italienischen Faschismus sowie den antifaschistischen Traditionen der Nachkriegszeit.

Carlo Ginzburg ist am 17. Juni 2026 in Bologna verstorben.
Wer die Bedeutung des Historikers Carlo Ginzburg und das Verhältnis seiner Familie zum Antifaschismus erfassen will, tut gut daran, Winter in den Abruzzen (1944) zu lesen, eine der schönsten Erzählungen seiner Mutter, der berühmten Schriftstellerin Natalia Ginzburg.
Carlos Vater, Leone Ginzburg, studierte seinerseits russische Literatur und gehörte zu den Gründern des Einaudi-Verlags in Turin. Als »ziviler Kriegsgefangener« (da er sowohl Antifaschist als auch Jude war) wurde er 1940 von den Faschisten ins inneritalienische Exil in das Dorf Pizzoli in Mittelitalien gezwungen. Für Natalia blieben diese Jahre eine Quelle der Inspiration für ihre Prosa: eine bäuerliche Welt, die geradezu außerhalb der Zeit zu schweben schien, bestimmt nur vom Rhythmus der Jahreszeiten, von Schnee und Sonnenschein, vom Klang der Kirchenglocken – und von verschiedenen Arten von Feuer.
In dieser ebenso zauberhaften wie beängstigenden Welt – geprägt von Giròs Dorfladen mit Kerzen und Orangen und den »langen Geschichten über Tod und Friedhöfe« der dortigen Verkäuferin Crocetta – lebten Leone und Natalia bis 1943. Sie schrieben und redigierten Korrekturfahnen für den Einaudi-Verlag, während ihre Kinder Carlo, Andrea und Alessandra auf dem Boden spielten. Nach dem zwischenzeitlichen Sturz von Benito Mussolini im Sommer 1943 kehrte Leone nach Rom zurück, um sich der Resistenza anzuschließen. Später wurde er als Redaktionsmitglied der klandestinen antifaschistischen Zeitung Italia Libera verhaftet. Leone Ginzburg starb am 5. Februar 1944 im römischen Gefängnis Regina Coeli infolge von Folterungen der Nazis.
»Für Carlo Ginzburg bedeutete politisches Engagement in erster Linie, sich mit der antifaschistischen Tradition auseinanderzusetzen, die fest im kollektiven Gedächtnis seiner Familie verankert war.«
An die Zeit in Pizzoli sollte Natalia Erinnerungen behalten, die von melancholischem Glück durchdrungen waren, aber für immer überschattet von »dem Schrecken [Leones] einsamen Todes« und »der Qual, die seinem Tod vorausging«.
Carlo Ginzburg wurde später zu einem der einflussreichsten Historiker seiner Generation, bekannt vor allem als Wegbereiter der Mikrogeschichte sowie für seinen Klassiker Der Käse und die Würmer, in dessen Mittelpunkt der Müller und Ketzer Menocchio im 16. Jahrhundert steht. Anstatt politische Geschichte von oben oder pauschale Sozialgeschichte zu schreiben, konzentrierte sich Ginzburg auf Menocchio – eine offenbar marginale Figur –, um die Welt der Volkskultur zu erforschen.
Doch die Betonung seiner methodologischen Innovationen (ein Thema, das sich durch viele der nach seinem Tod am 17. Juni 2026 veröffentlichten Nachrufe zieht) birgt die Gefahr, einen anderen, nicht minder wichtigen Aspekt seines intellektuellen Werdegangs zu übertünchen: sein indirektes, aber beständiges Engagement für die Politik oder, genauer gesagt, für das Problem der Revolution, wie es sich in der antifaschistischen Tradition widerspiegelt. Es ist ein umfangreiches und komplexes Thema, das an dieser Stelle nur anhand einer Reihe vorläufiger Beobachtungen beleuchtet werden kann.
Leone und Natalia benannten ihren Sohn in Gedenken an Carlo Rosselli. Weniger als zwei Jahre vor Carlo Ginzburgs Geburt am 15. April 1939 war Rosselli zusammen mit seinem Bruder Nello bei einem Hinterhalt ermordet worden, den eine französische Terroristengruppe auf Befehl Mussolinis verübte. Rosselli war der Gründer der revolutionären antifaschistischen Bewegung Giustizia e Libertà, in der auch Leone Ginzburg in den 1930er Jahren in Turin eine führende Rolle gespielt hatte.
Für Carlo Ginzburg bedeutete politisches Engagement in erster Linie, sich mit der antifaschistischen Tradition auseinanderzusetzen, die fest im kollektiven Gedächtnis seiner Familie verankert war. Doch obwohl er »tief von der Tradition des Antifaschismus geprägt« war, räumte Ginzburg später ein, er habe durchaus versucht, sich gegen die Art des Antifaschismus zu wehren, die im Zuge der Protestbewegungen der 1960er und 1970er Jahre zu einer »überwältigenden Kraft« geworden sei.
Seit der Zwischenkriegszeit standen hinter dem Begriff des Antifaschismus (sowohl in Italien als auch anderswo) viele oft divergierende und manchmal sogar widersprüchliche politische Ideen und Praktiken. Nach 1945 wurde er zu einer der verfassungsrechtlichen Grundlagen der Italienischen Republik. Vor allem aber wurde er in Italien von der kommunistisch-politischen Kultur vereinnahmt, die sich auf ihre führende Rolle in der Resistenza berief, um ihr Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie zu legitimieren.
»Die disruptive Kraft von Ginzburgs Forschung lag in ihrer beißenden Kritik an den vorherrschenden linken Kulturen, die auf deterministischen Vorstellungen vom modernen industriellen Fortschritt beruhten.«
In den 1960er und 70er Jahren wurde der Antifaschismus von neuen, aufstrebenden Studenten- und Arbeiterbewegungen als Sprache der ideologischen Mobilisierung neu interpretiert. Er zielte nun auf nicht weniger als die radikale Umgestaltung der italienischen Gesellschaft. In diesem Zusammenhang nahm er oftmals totalisierende, kompromisslose – und bisweilen gewalttätige – Formen an.
Ginzburg erklärte dazu: »Viele Menschen meiner Generation wurden davon völlig mitgerissen. Ich glaube, dass es mir in gewisser Weise gelungen ist, mich davon fernzuhalten und eine andere Entscheidung zu treffen. Ich denke, dass dieser Unterschied – oder, wenn man so will, diese Loyalität auf verschlungenen und nicht offensichtlichen Wegen – letztlich all meine Entscheidungen motiviert hat, manchmal sogar unbewusst.«
Es ist keine einfache Aufgabe, die Bedeutung dieser Entscheidungen, einschließlich ihrer »unbewussten« Dimensionen, zu erfassen und ihre »verschlungenen« Wege nachzuvollziehen. Es ist ebenfalls nicht einfach, die Bedeutung der Erinnerung an Leone (1909–44) zu entwirren – einen Vater, der im Leben seines Sohnes zugleich abwesend und doch zutiefst präsent war – sowie die zentrale Rolle, die seine Mutter Natalia (1916–91) in der privilegierten sozialen und kulturellen Welt spielte, in der Carlo aufwuchs. Ebenso wenig ist es einfach, den vielfältigen und vielschichtigen Werdegang eines der wichtigsten Vertreter der Geschichtswissenschaft der vergangenen Jahrzehnte jenseits der vielen Selbstdarstellungen, die er selbst lieferte, historisch einzuordnen. Kurz gesagt: Es ist nicht einfach, Ginzburg durch Ginzburg, nach Ginzburg, neu zu lesen. Wir können aber immerhin mit einem Blick auf seine umfassendere intellektuelle Prägung und seinen Werdegang beginnen.
Die grundlegenden Bücher für diesen Werdegang – Antonio Gramscis Gefängnishefte, Ernesto de Martinos Die magische Welt, Carlo Levis Christus kam nur bis Eboli und Cesare Paveses Gespräche mit Leuko – verweisen alle auf die Welt des ländlichen Raums, bevölkert von »subalternen Klassen« mit ihren Mythen und Riten.
Es war jene ländliche Welt, für die schon die russischen Populisten (narodniki) Ende des 19. Jahrhunderts gekämpft hatten. Sie versuchten, Gemeinschaftsbräuche zu mobilisieren und zu fördern, um den traumatischen Übergang zum Kapitalismus abzuwenden. Carlos Vater Leone war 1909, noch zu Zeiten des Russischen Zarenreiches, in Odessa geboren worden und fühlte sich diesen Traditionen tief verbunden. Zweifellos prägte diese intellektuelle Genealogie in vielerlei Hinsicht Ginzburgs Interesse an der Geschichte des religiösen Radikalismus der Bauernschaft in den 1950er und frühen 1960er Jahren.
In Carlos eigener Zeit zeichneten sich gewaltige historische Prozesse ab: Italiens wirtschaftlicher Aufschwung in der Nachkriegszeit, der Niedergang einer jahrhundertealten agrarisch geprägten Kultur und das Zweite Vatikanische Konzil, ein Moment tiefgreifender Erneuerung der gesellschaftlichen wie liturgischen Lehren der Kirche. In diesem von widersprüchlichen Tendenzen geprägten Kontext nahmen Ginzburgs erste außergewöhnliche Studien zu den agrarischen Kulten der friaulischen Benandanti Gestalt an.
»Als Ende der 1960er Jahre die Protestbewegungen größer wurden, kam es zu politischen und gesellschaftlichen Konflikten, die auch aus dem Gefühl herrührten, die Resistenza von 1943–45 sei irgendwie unvollendet geblieben.«
Er durchforstete Akten der Inquisitionsprozesse zum »Hexenwesen« im 16. und 17. Jahrhundert; und seine frühe Forschung – darunter I Benandanti (1966), I costituti di Don Pietro Manelfi (1970), Nicodemismo (1970), Giochi di pazienza (zusammen mit Adriano Prosperi, 1975) und letztlich Il formaggio e i vermi (Der Käse und die Würmer, 1976) – brachten eine radikale bäuerliche Tradition ans Licht. Sie schlugen Risse in die massive Mauer der Geschichtsschreibung der herrschenden Klassen und vorherrschenden Ideologien jener Zeit. Sie trugen zudem dazu bei, die hierarchische Dichotomie zwischen »hoher« und »niederer« Historie teilweise zu überwinden und der Geschichtsschreibung die Stimmen »einer bäuerlichen Religion, die Dogmen und Zeremonien überdrüssig war« wieder hinzuzufügen, die zuvor per inquisitorischer Autorität zum Schweigen gebracht worden waren.
Die disruptive Kraft von Ginzburgs Forschung, mit der er sowohl Fragmente als auch tiefliegende Schichten bäuerlichen Radikalismus zutage förderte, lag in ihrer beißenden Kritik an den vorherrschenden linken Kulturen, die auf deterministischen Vorstellungen vom modernen industriellen Fortschritt beruhten. Seiner Auffassung nach waren diese modernen Kulturen selbst auf ihre eigene Weise »Opfer« des früheren historischen Bruchs, der durch den Triumph der Gegenreformation, die Durchsetzung einer hierarchischen Kultur, die Marginalisierung dissidenter Gruppen und die Auslöschung der weitgehend vorchristlichen Volkskultur im Laufe des 17. Jahrhunderts hervorgerufen wurde.
Die Bedeutung vergangener Niederlagen, verflochten mit denen der Gegenwart, wurde zum Gegenstand seiner Reflexionen. In diesen verband sich das Bewusstsein für die sehr langen Zeiträume der Geschichte mit der Bereitschaft, die Bedeutung der kürzeren Zeiträume in der Politik anzuerkennen. Als Ende der 1960er Jahre die Protestbewegungen größer wurden, kam es zu politischen und gesellschaftlichen Konflikten, die auch aus dem Gefühl herrührten, die Resistenza von 1943–45 sei irgendwie unvollendet geblieben oder ihre Ergebnisse seien »verraten« worden. Zu dieser Zeit bewegte sich Ginzburg lose im Umfeld der außerparlamentarischen Linken, insbesondere bei Adriano Sofris Lotta Continua.
In einer für ihn charakteristisch scharfsinnigen und selektiven Interpretation, die er in der Einaudi-Ausgabe Die Geschichte Italiens (mit seinem Aufsatz von 1973: Folklore, Magie, Religion) vorlegte, argumentierte er, die katholische Hierarchie habe, sobald »die Auswirkungen des Schocks, den der bewaffnete Kampf und der Aufstand der italienischen Gesellschaft versetzt hatten«, nachzulassen begannen, »einen regelrechten Kreuzzug« gestartet, »wenn auch mit modernen technischen Mitteln«. Angesichts des Aufkommens neuer Impulse in Richtung einer »karnevalesken Befreiung« erinnerte er seine Leserschaft auch daran, dass »Revolution« eine »lange und mühsame Angelegenheit« sei.
In einem seiner wichtigsten Werke, Der Käse und die Würmer, analysiert Carlo Ginzburg die Kosmologie des Müllers Domenico Scandella, genannt Menocchio, und dessen »Sehnsucht nach einer neuen Welt«, in der ein uraltes Substrat aus Volksglauben und messianischen Erwartungen an Gerechtigkeit zusammenfließt.
Es war kein Zufall, dass Walter Benjamin Ginzburg bei dieser Untersuchung als Wegweiser diente: »Nichts, was je geschehen ist, darf für die Geschichte als verloren gegeben werden«, allerdings werde »erst der erlösten Menschheit ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar« werden. Diese messianische und libertäre Vision der Geschichte der Besiegten kam jedoch zusammen mit einer anderen, völlig unterschiedlichen Sicht – einer düsteren und verzweifelten wie der von Louis-Ferdinand Céline: »Alles Interessante ereignet sich im Dunkeln, ganz ohne Zweifel […] Die wirkliche Geschichte der Menschen ist nicht bekannt.« Man kann also fragen: Wie viele andere Menschen sind für jeden wiederentdeckten Menocchio in Vergessenheit geraten?
Der deutsch-jüdische marxistische Philosoph Benjamin und der französische profaschistische sowie antisemitische Schriftsteller Céline mögen ein seltsames Duo bilden. Tatsächlich eröffnete Ginzburgs Treue zur antifaschistischen Tradition – wenn auch außerhalb ihres Mainstreams – einen weiten Spielraum für breiten kulturellen Austausch, ohne seine kompromisslose politische Ausrichtung dabei infrage zu stellen. Vielleicht sprach Ginzburg auch von sich selbst, als er schrieb, dass Menocchio »das Bedürfnis verspürte, sich die Kultur seiner Gegner anzueignen«.
»Seine frühe Faszination für das, was unter der Oberfläche der historischen Erfahrung liegt, blieb eine Konstante.«
In Anlehnung an seine marxistischen Kritiker – insbesondere Eric J. Hobsbawm und Perry Anderson – könnten wir uns fragen, inwieweit Ginzburgs Faszination für die Verfolgten, die Besiegten, die Ausgegrenzten und die Ketzer ihn an die Schwelle einer irrationalen Identifikation mit diesen brachte – wobei er sie aber nie überschritt. Seine frühe Faszination für das, was unter der Oberfläche der historischen Erfahrung liegt, blieb eine Konstante. Zunächst im »Beweisparadigma« auf der Grundlage von »Hinweisen« formuliert, entwickelte sie sich später zu einer Reflexion über den erkenntnistheoretischen Status von »Distanz« und »Beweis« und fand durch seine Auseinandersetzung mit Marc Bloch ihren umfassenderen Ausdruck: »Was am tiefsten in der Geschichte liegt, mag auch das Gewisseste sein«, wie es in der Apologie der Geschichtswissenschaft (1949) heißt.
Um Carlo Ginzburgs intellektuellen Werdegang und sein Verhältnis zu Literatur, Kultur und im weiteren Sinne zur Politik zu verstehen, ist es unerlässlich, die Beziehung zu seiner Mutter Natalia zu verstehen. Als Hüterin des Andenkens an Leone, als zentrale Figur im Einaudi-Verlag in der Nachkriegszeit und als Schriftstellerin, die sich über die Partito Comunista Italiano (PCI) zunehmend im öffentlich-gesellschaftlichen Leben engagierte, übte Natalia einen tiefgreifenden Einfluss auf ihren Sohn aus.
Sie übernahm nicht nur Verantwortung für die Erziehung von Carlo (sowie seinen Bruder Andrea und seine Schwester Alessandra), sondern machte ihn auch mit einigen der führenden Schriftsteller ihrer Zeit bekannt, allen voran Italo Calvino. Ebenso wichtig war, dass sie Carlos erzählerisches Talent – eines der prägenden Merkmale seines Werks als Historiker – förderte und ihn ermutigte, mit neuen Ausdrucksformen zu experimentieren. Diese sollten später Teil der intellektuellen und stilistischen Grundlagen der Mikrogeschichte werden.
Der weitere akademische Werdegang, der ihn dann von Bologna nach Los Angeles führte – gerade als er gemeinsam mit Giovanni Levi die Einaudi-Reihe Microstorie (1981–91) ins Leben rief und vorantrieb – veränderte und erweiterte den Umfang seiner Forschung. Seine Interessen hatten sich inzwischen dramatisch verlagert und erweitert und schlugen Richtungen ein, die auch auf eine implizite Selbstkritik an seinen früheren Positionen hindeuten. Ginzburg kämpfte gegen den postmodernen Neoskeptizismus, der den Status von »Wahrheit« dementierte, ihre Verbindung zur gelebten Realität kappte und damit den Weg für Negationismus und Holocaustleugnung ebnete.
In seinem methodologisch »extremsten« Werk, Hexensabbat: Entzifferung einer nächtlichen Geschichte (1989), verband sich die Mikrogeschichte mit einer Form der Globalgeschichte avant la lettre, von Friaul bis Sibirien über die weite eurasische Welt des Schamanismus, auf der Suche nach historischen und morphologischen Zusammenhängen. Der Hexensabbat wurde als »Form des kulturellen Kompromisses« zwischen Elementen hochgelehrter und folkloristischer Herkunft interpretiert, der sich im 14. Jahrhundert im westlichen Alpenraum herauskristallisierte. Er ging demnach hervor aus der Inquisitionstätigkeit gegen Juden, Leprakranke und Muslime sowie später gegen Hexen und Zauberer.
Ähnlich der royalen Heilkraft der Könige von Frankreich und England, die Marc Bloch in Die wundertätigen Könige (1924) beschrieben hatte, handelte es sich hierbei um »ein fabriziertes Objekt«. Ginzburg schrieb 1989: »Schließlich ist die Verschwörung nur ein extremes, fast karikaturhaftes Beispiel für ein viel komplexeres Phänomen: den Versuch, die Gesellschaft zu transformieren (oder zu manipulieren). Die wachsende Skepsis gegenüber der Wirksamkeit und den Ergebnissen sowohl revolutionärer als auch technokratischer Projekte zwingt uns, die Art und Weise zu überdenken, wie politisches Handeln in tiefe gesellschaftliche Strukturen eingreift, und seine tatsächliche Fähigkeit, sie zu verändern.«
Das waren Worte, die sich von der europäischen revolutionären Tradition zu verabschieden schienen – der Höhepunkt eines Weges, der den postkommunistischen Umbrüchen in Osteuropa 1989 vorausging.
Im Hintergrund schwebte dabei die schmerzhafte Erinnerung an Italiens »bleierne Jahre« – die turbulenten 1970er, die geprägt waren von politischer Gewalt, Terrorismus und sozialen Konflikten. Es war kein Zufall, dass Ginzburg in diesen Jahren dieselben philologischen Methoden, die er bei der Analyse von Inquisitionsdokumenten angewandt hatte, nun für seine Arbeit im Zusammenhang mit dem Prozess gegen Adriano Sofri nutzte. Der ehemalige Anführer der linksradikalen Gruppe Lotta Continua wurde später wegen seiner Rolle bei der Ermordung des Polizeikommissars Luigi Calabresi – einer der meistdiskutierten politischen Mordfälle der »bleiernen Jahre« – vor Gericht gestellt und verurteilt.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September und dem Beginn des von den USA geführten »Kriegs gegen den Terror« richtete sich Ginzburgs Aufmerksamkeit zunehmend auf Niccolò Machiavelli, Thomas Hobbes und die neuen tyrannischen Elemente der Macht, die auf »Angst, Ehrfurcht und Schrecken« beruhten. Doch auch Ginzburgs Faszination für rebellische Individuen und für die revolutionäre Energie, zu der sie inspirieren konnten, war bei Weitem nicht erloschen. Das lässt sich beispielsweise in der subtilen Struktur seiner Schriften über den von ihm so hochgeschätzten Stendhal erkennen: »Julien Sorel [der Hauptcharakter in Stendhals Rot und Schwarz] ist kein Liberaler; er ist ein anachronistischer Jakobiner. Rot und Schwarz erzählt die Geschichte einer tragischen, individuellen Niederlage, nicht die einer siegreichen Revolution.«
»Ginzburg achtete sorgfältig darauf, den Radikalismus des Denkens vom Radikalismus des Handelns zu unterscheiden.«
In dieser Hinsicht verfehlt Perry Andersons Polemik bezüglich Ginzburgs angeblicher Tendenz hin zu einem »konservativen Liberalismus« einen grundlegenden Punkt. Sicherlich nahm seine Treue zur antifaschistischen Tradition im Zuge globaler Umbrüche und deren lokaler Auswirkungen (angefangen mit dem Aufstieg von Silvio Berlusconis Populismus in den frühen 1990er Jahren) noch verschlungenere und subtilere Wege, ohne aber dabei den Faden einer persönlichen und politischen Kontinuität zu durchtrennen. Es war eine Haltung, von der Ginzburg selbst sagte, er habe sie durch die Lektüre von Gramscis Gefängnishefte gelernt. Darin habe Gramsci erkannt, dass »der Faschismus triumphierte, weil er in der Lage war, eine (reaktionäre) Antwort auf Fragen zu geben, die an sich nicht reaktionär waren«.
Wie er 2002 in einem Gespräch mit dem Gewerkschafter und langjährigen Antifaschisten Vittorio Foa – einem Ex-Mitglied von Giustizia e Libertà und Freund von Carlos Vaters Leone – erklärte, achtete Ginzburg sorgfältig darauf, den Radikalismus des Denkens vom Radikalismus des Handelns zu unterscheiden. Dies sei eine der bleibenden Lehren, die er aus den »bleiernen Jahren« gezogen habe.
Derweil hatte ihn sein Kampf gegen den Neoskeptizismus zu einem intellektuellen Projekt geführt, das sich deutlich von dem unterschied, mit dem er begonnen hatte: Er verlagerte seinen Schwerpunkt allmählich vom Problem der »Revolution« hin zur modernen Funktion der politischen Lüge als »Verschwörung«. Da er sich zunehmend mit politischer Propaganda und deren Mechanismen der Massenmanipulation beschäftigte, richtete er seine Aufmerksamkeit auf das, was der russische Psychologe Wladimir Drabovitch in einem fast vergessenen Werk von 1934 als »die Zerbrechlichkeit der Freiheit und die Verführung durch Diktaturen« bezeichnet hatte.
In der ebenso trostlosen wie erschreckenden Welt von Donald Trump, Wladimir Putin und Fake News – Phänomene, die auf dem von extremem Dekonstruktivismus bebauten Terrain zu gedeihen scheinen – betonte Ginzburg bis zu seinem Lebensende, die Suche nach der Wahrheit sei eine unverzichtbare Voraussetzung für die individuelle Freiheit.
Marco Bresciani lehrt Europäische Zeitgeschichte am Institut für Politik- und Sozialwissenschaften der Universität Florenz.