23. März 2026
Die meisten Menschen denken bei »Familienunternehmen« an die Bäckerei von nebenan. In vielen Fällen verbergen sich dahinter jedoch Weltkonzerne, die durch geschickte Lobbyarbeit ihre Privilegien schützen.

Auch eine »Familienunternehmerin«: die BMW-Erbin Susanne Klatten.
Die deutsche Unternehmerlandschaft ist gemeinhin bekannt für ihre Tradition der kleinen und mittleren Unternehmen, den Mittelstand, fleißiges, ehrliches Arbeiten, die oft bemühte Figur des ehrbaren Kaufmanns. In Deutschland sind gute 99 Prozent der Unternehmen KMUs, also Unternehmen mit bis zu 249 Beschäftigten. Dann gibt es eine mittlere Größe: nicht börsennotierte, private Unternehmen, darunter die sogenannten Hidden Champions, die Weltmarktspitzenprodukte herstellen. Am oberen Ende gibt es kapitalmarktorientierte Unternehmen – davon in Deutschland etwas unter 500. Sie sind börsennotiert, am Markt handelbar und meist international ausgerichtet.
KMUs und Mittelstand werden oft mit Familienunternehmen gleichgesetzt, was definitorisch nicht ganz sauber ist. Ein zentrales Merkmal von Familienunternehmen ist, dass mindestens 25 Prozent des Unternehmensvermögens, also eine Sperrminorität, von der Familie gehalten wird, auch über Stiftungen oder andere Vehikel. Hinzu kommen oft Familienmitglieder im Aufsichtsrat oder Management.
Die Bezeichnung »Familienunternehmen« mutet nach schützenswerten, zarten Pflänzchen an. In einem Panorama-Beitrag wurden Menschen einmal gefragt, was sie sich unter Familienunternehmen vorstellen: Die meisten denken an Bäckereien oder kleine Betriebe. In der öffentlichen Wahrnehmung wird übersehen, dass es sich bei diesen Unternehmen mitunter um riesige globale Konzerne handelt, die profitorientiert wirtschaften und Milliardenumsätze erzielen. Dazu zählen etwa Sartorius, Henkel, Beiersdorf, Merck, VW, Porsche oder BMW.
»Die Stiftung Familienunternehmen wird maßgeblich durch einige der größten und reichsten Unternehmen finanziert.«
Das Label »Familienunternehmen« ist gerade für die Einflussnahme riesiger Player günstig. Neben ihrer wirtschaftlichen Schlagkraft helfen auch Lobbyorganisationen wie die Stiftung Familienunternehmen und Die Familienunternehmer bei der Durchsetzung von Konzerninteressen.
Lobbyismus ist in der deutschen Demokratie gang und gäbe. Die Stiftung Familienunternehmen wird allerdings maßgeblich durch einige der größten und reichsten Unternehmen finanziert. Sie nimmt bewusst Einfluss auf Gesetzgebung, wie etwa bei der Erbschaftsteuer, die in ihrer aktuellen Form Betriebsvermögen beinahe gänzlich ausspart und damit insbesondere für Unternehmenserben relevant ist. Auf der Gegenseite stehen wesentlich kleinere NGOs, die sich für gerechtere Finanzmärkte und faire Besteuerung einsetzen. Es herrscht ein massives Ungleichgewicht in der finanziellen Ausstattung und damit in der Sichtbarkeit und Einflussnahme.
In unserer Studie zeigen wir, dass börsennotierte Familienunternehmen gemessen an der Wertschöpfung höhere Ersparnisse haben als Nicht-Familienunternehmen. Das ist gerade ob der Börsennotation bemerkenswert, da es hier, im Gegensatz zum Mittelstand, Aktionärinnen und Aktionäre gibt, die Dividenden und Aktienrückkäufe fordern. Außerdem ist die Lohnquote im Schnitt geringer; der Anteil der Löhne an der aggregierten Wertschöpfung fällt vergleichsweise kleiner aus. Zusammengenommen führt das zu deutlich mehr einbehaltenen Gewinnen bei Familienunternehmen – und damit einem höheren Anteil konzentrierter Unternehmensvermögen in wenigen Händen.
Das verstärkt die ohnehin hohe Ungleichheit in Deutschland. Gerade die Vermögensungleichheit ist maßgeblich davon beeinflusst, dass unterschiedliche Vermögensarten sehr unterschiedliche Renditen abwerfen. Studien des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass die unteren 20 Prozent der Bevölkerung Schulden haben oder kein Nettovermögen besitzen, während die nächsten 30 Prozent insbesondere Fahrzeuge halten. Das 50. bis 90. Perzentil besitzt vor allem Immobilien, deren Preise und damit Vermögenswerte stark gestiegen sind.
»Bei Aktienvermögen rechnet man jährlich und nominell im Durchschnitt mit etwa 8 Prozent Rendite. Autos hingegen verlieren an Wert. Während die einen also viel Vermögen haben, dessen Wert zudem steigt, besitzen die anderen wenig Vermögen, dessen Wert zudem sinkt.«
Je weiter man in der Verteilung nach oben kommt, desto größer wird der Anteil der Unternehmensvermögen, je nach Schätzungen zwischen 56 und 80 Prozent. Und diese werfen hohe Renditen ab. Bei Aktienvermögen rechnet man jährlich und nominell im Durchschnitt mit etwa 8 Prozent Rendite. Autos hingegen verlieren an Wert. Während die einen also viel Vermögen haben, dessen Wert zudem steigt, besitzen die anderen wenig Vermögen, dessen Wert zudem sinkt.
Die großen börsennotierten Familienunternehmen tragen durch ihre Eigentumsstruktur und ihr Wirtschaften also besonders zur Vermögensungleichheit bei und haben gleichzeitig eine starke politische Lobby. So gibt es ein reges Interesse und politische Einflussnahme, um eine progressive Besteuerung von Vermögen zu verhindern. Neben der Erbschaftssteuer gilt das insbesondere für die Vermögensteuer, die es formal noch gibt, die aber seit 1997 ausgesetzt ist, unter anderem wegen der Ungleichbehandlung verschiedener Vermögenswerte. Statt sie zu reformieren, wurde sie faktisch abgeschafft. Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbände fordern eine Wiedereinführung. Arbeitgeberverbände und Organisationen wie die Stiftung Familienunternehmen positionieren sich dagegen.
Auch aus wissenschaftlicher Sicht gilt, dass eine Vermögensteuer, sei sie auch noch so gering, notwendig wäre, um deutlich bessere Kenntnisse über existierende Vermögen und deren Verteilung in Deutschland zu gewinnen. Denn Studien basieren maßgeblich auf Befragungen und Schätzverfahren und sind gerade bei Betriebsvermögen umso komplexer, je weniger Informationen über die Unternehmen vorliegen.
Das betrifft insbesondere die Unternehmen, die eben nicht börsennotiert sind und damit keine öffentlichen Preise über Unternehmenswerte verfügbar sind, aber das Gros der Unternehmen in Deutschland ausmachen. Das ist ein großes Problem für Wissenschaft und Gesellschaft, weil Transparenz fehlt. Eine demokratische Gesellschaft muss wissen, wie Besitz verteilt ist, um entscheiden zu können, wie sie sich gestalten will.
Carmen Giovanazzi ist Politökonomin und hat zum deutschen Unternehmenssektor promoviert. Sie leitet den Brumaire Verlag, in dem Jacobin erscheint.