19. Juni 2026
Die Geburtenraten sinken — und alles vom Feminismus bis hin zu Smartphones soll daran schuld sein. Dabei ist es der Kapitalismus, der das Kinderkriegen zu einem Wettbewerbsnachteil macht.

Der Kapitalismus verhindert, dass wir uns umeinander kümmern können.
Es ist kein reines Problem des industrialisierten Nordens mehr: Geburtenraten sinken heute nahezu überall. Das globale Kommentariat reagiert panisch angesichts der nicht ausreichenden Fertilität und hat auf der Suche nach Schuldigen ein breites Portfolio an Bösewichten im Angebot.
So machte Darel E. Paul in einem Artikel mit dem Titel »Feminismus gegen Fruchtbarkeit«, der im April 2025 in der konservativ-katholischen Zeitschrift First Things Magazine erschien, junge Frauen für den Rückgang der Geburtenraten im Westen verantwortlich. Diese wollten demnach kinderfrei bleiben, weil »sie wichtigere Prioritäten haben oder einfach gerne Single sind«. In einem Gastbeitrag für die New York Times vom 7. Mai 2026 stellt Anna Louie Sussman ihre eigene, unglaublich scharfsinnige Diagnose für den Geburtenrückgang: Es herrsche weit verbreitete Angst vor einer ungewissen Zukunft. Kurz darauf wurde in einem Artikel in der Financial Times eine Studie der University of Cincinnati zitiert, um zu behaupten, das Aufkommen von Smartphones trage die größte Verantwortung für den Rückgang romantischer Beziehungen unter jungen Menschen (und damit der Geburtenrate).
Zuletzt stellte Derek Thompson von The Atlantic fest: »Die Geburtenraten sind in den Industrieländern schon seit langem rückläufig – da die Kindersterblichkeit gesunken ist, die Bildung der Frauen zugenommen hat, die Erwerbsbeteiligung von Frauen stark angestiegen ist, der Gebrauch von Verhütungsmitteln sich ausgebreitet hat und moderne Vorstellungen von Feminismus Frauen dazu befähigt haben, mehr Kontrolle über ihren Körper sowie ihre ökonomische Zukunft zu übernehmen.« Er verwies ebenfalls auf Smartphones, aber auch auf die Wohnungskrise, das Internet und den allgemeinen Rückgang persönlicher sozialer Kontakte. Doch wie so viele andere Kommentatoren ließ Thompson das Grundlegende und Offensichtliche, das all diese unterschiedlichen Aspekte gemein haben, außer Acht: den Kapitalismus.
Der Kapitalismus erscheint uns offenbar so natürlich und unumgänglich, dass er als Erklärung nicht einmal mehr in Betracht gezogen wird. In diesem konkreten Fall ist die Verknüpfung aber kaum zu übersehen: Die Anreizstrukturen des Kapitalismus stehen im direkten Widerspruch zum Großziehen von Kindern. Je tiefer die Marktlogik in jeden Aspekt unserer Gesellschaft vordringt, desto weniger ökonomischen Sinn macht es, Kinder zu bekommen. Gebären ist einfach eine schlechte Business-Entscheidung.
Der Kapitalismus basiert auf Verträgen. Seine frühen intellektuellen Fürsprecher argumentierten, freiwilliger Tausch kurbele die Wirtschaft an und mache die Menschen reich. Das Streben nach Reichtum sei insgesamt ein lohnenswertes Unterfangen, das letztlich allen zugutekommt. Die aufgeklärte, eigennützige Kapitalistin geht freiwillig vertragliche Beziehungen ein, um Arbeit gegen Lohn oder Waren gegen Profit zu tauschen. Das schafft Anreize für alle, zu arbeiten, innovativ zu sein und Neues zu schaffen – und auf diese Weise Wohlstand anzuhäufen (der der Einzelnen zugutekommt) sowie Fortschritt voranzutreiben (der der Gesellschaft als Ganzes zugutekommt). Wie Adam Smith schrieb: »Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers erwarten wir unser Essen, sondern von ihrer Rücksicht auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Menschlichkeit, sondern an ihre Eigenliebe, und sprechen mit ihnen nie über unsere eigenen Bedürfnisse, sondern über ihre Vorteile.«
»Wenn alle gesellschaftlichen Beziehungen als Verträge zwischen eigennützigen Parteien, die ihren eigenen Vorteil maximieren wollen, verstanden werden, ergibt es schlichtweg keinen Sinn, eine Familie zu gründen.«
Allerdings: Wenn alle gesellschaftlichen Beziehungen als Verträge zwischen eigennützigen Parteien, die ihren eigenen Vorteil maximieren wollen, verstanden werden, ergibt es schlichtweg keinen Sinn, eine Familie zu gründen. Ein Kind zu bekommen ist immer eine kostspielige, manchmal kräftezehrende, meist zeitaufwändige Verpflichtung von mindestens 18 Jahren gegenüber einem Menschen, den man nie zuvor getroffen hat. In einer sich immer schneller drehenden Wirtschaft, die wenig Sicherheit bietet und selbst Grundbedürfnisse wie Wohnraum und eine angemessene Gesundheitsversorgung nicht garantiert, ist es ein massiver Sprung ins Ungewisse, wenn man eine zwei Jahrzehnte währende rechtliche Bindung eingeht und sich zu Fürsorge und Unterstützung für ein Kind verpflichtet.
Rechtliche Verträge können gekündigt, Schulden gerichtlich abgestritten, Ehen geschieden und Verwandtschafts- und Freundschaftsbeziehungen ignoriert oder beendet werden. Das Vernachlässigen von Kindern ist in den meisten Ländern hingegen eine Straftat. Damit soll der Besonderheit der Eltern-Kind-Beziehung sowie der Schutzbedürftigkeit von Kindern Rechnung getragen werden. Die Entscheidung, ein Kind zu bekommen, geht für die Eltern mit rechtlich bindenden Pflichten einher, ganz gleich, ob und wie sehr sich ihre persönlichen Lebensumstände ändern mögen. So ist im deutschen Strafgesetzbuch unter Paragraf 221 beispielsweise festgeschrieben, dass Gefängnisstrafen von bis zu zehn Jahren verhängt werden können, wenn jemand eine Tat »gegen sein Kind oder eine Person begeht, die ihm zur Erziehung oder zur Betreuung in der Lebensführung anvertraut ist«.
Ein Kind bekommen bedeutet also, einen ganz besonderen, weil unauflösbaren Vertrag einzugehen – wohl einer der letzten seiner Art im Kapitalismus. In einem Wirtschaftssystem, das auf dem Recht beruht, Beziehungen je nach ihrem momentanen Nutzen frei einzugehen und zu beenden, und in dem eigennütziges Handeln und Wettbewerb belohnt werden, bringt die Geburt eines Kindes ein besonderes Risiko und diverse Einschränkungen mit sich.
Es überrascht daher nicht, dass sich immer weniger junge Menschen entscheiden, Eltern zu werden. Ebenso wenig überraschend ist, dass relativ viele es später bereuen, überhaupt Kinder bekommen zu haben. Als in einer YouGov-Umfrage im Jahr 2016 2.045 deutsche Elternteile gefragt wurden, ob sie die Entscheidung für Kinder rückblickend bereuen, antworteten 20 Prozent mit Ja. Begründet wurde dies mit einem empfundenen Mangel an Unterstützung für Familien mit kleinen Kindern: 64 Prozent der Eltern gaben an, dass die Kinderbetreuung in Deutschland unzureichend ist. Der Aussage, ohne Kinder wären sie vermutlich beruflich erfolgreicher gewesen, stimmten 20 Prozent der Väter und 44 Prozent der Mütter zu.
»Als Elternteil kann man sich dem Wettbewerb nicht entziehen – während man unter den sehr besonderen Einschränkungen eines unkündbaren Vertrags konkurriert.«
In den USA sagt die Mehrheit der Menschen unter 50, die angeben, dass sie wahrscheinlich keine Kinder haben werden, der Hauptgrund dafür sei, dass sie »es einfach nicht wollen«. Diese Zahl ist bei den weiblichen Befragten deutlich höher als bei den männlichen. Auf die Frage, warum sie keine Kinder wollen, gaben viele an, sie befürchteten, dass Elternschaft – also insbesondere Mutterschaft – ihr Leben komplett umkrempeln würde.
Das ist keine irrationale Angst. Elternschaft kann sehr gut dafür sorgen, dass jeder persönliche Traum oder jedes persönliche Ziel einem sich ständig wandelnden, aber stets präsenten Gebot untergeordnet wird – nämlich alles zu tun, um den Erfolg der eigenen Kinder sicherzustellen. Im Kapitalismus ist Elternsein Konkurrenzkampf: Jeder Vorteil oder jedes Privileg, das jemand anderes für sein eigenes Kind erwirbt, ist oft ein Nachteil für den eigenen Nachwuchs. Mit anderen Worten: Als Elternteil kann man sich dem Wettbewerb nicht entziehen – während man unter den sehr besonderen Einschränkungen eines unkündbaren Vertrags konkurriert. Es ist, als würde man mit einer Hand auf dem Rücken kämpfen. Die meisten Menschen, vor allem Frauen, auf die nach wie vor der Löwenanteil der Last und der etwaigen Schuldzuweisungen fällt, finden diese Aussicht nicht sonderlich attraktiv.
Geburtenraten können sich abhängig von einer Vielzahl von Faktoren erhöhen oder verringern. Doch der jüngste rapide Rückgang der Geburtenzahlen vollzog und vollzieht sich in einer Zeit, in der der globale Kapitalismus triumphiert und es kaum Alternativen zu seiner Vorherrschaft zu geben scheint. Um die Auswirkungen des freien Marktwettbewerbs auf die Geburtenrate zu verstehen, ist es aufschlussreich, einen Blick in die Vergangenheit und auf das zu werfen, was Sozialwissenschaftler als »natürliche Experimente« bezeichnen. Hier ist die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei unterschiedliche Staaten mit unterschiedlichen Wirtschaftssystemen ein perfektes Beispiel.
Nach 1945 schlugen die beiden besiegten deutschen Staaten bei ihren Bemühungen um eine rasche Bevölkerungszunahme nahezu komplett gegensätzliche Wege ein. Westdeutsche Politiker glaubten, traditionell monogame Kernfamilien mit einer starren Arbeitsteilung zwischen Ernährer und Hausfrau würden die Geburtenraten steigern. Frauen sollten an »Kinder, Küche und Kirche« gefesselt bleiben. Man könne die kapitalistische Wirtschaft wiederaufbauen, hofften diese Politiker, indem sichergestellt wird, dass alle notwendigen reproduktiven Arbeiten fest im privaten Bereich bleiben. Im Osten beschlossen die Behörden hingegen, so viel wie möglich von der traditionellen »Frauenarbeit« zu vergesellschaften. Dafür mussten zahlreiche neue Institutionen zur Unterstützung von Müttern mit kleinen Kindern geschaffen werden. Junge Frauen bekamen nun die Möglichkeit, verstärkt Bildung und berufliche Qualifikationen für Rollen in der formellen Wirtschaft zu erlangen.
»Da ostdeutsche Frauen Vollzeitstellen hatten und ihr eigenes, partnerunabhängiges Einkommen verdienten, waren sie wirtschaftlich weniger von ihren Männern abhängig – und konnten Mutter werden, ohne zu heiraten.«
In der Deutschen Demokratischen Republik schloss das Muttersein, selbst in jungen Jahren, andere Möglichkeiten im Leben nicht aus, dank der konsequenten Unterstützung durch Staat und Gesellschaft. Die ostdeutsche Regierung bemühte sich, neue gesellschaftliche Ideale zu schaffen. »Mutter« zu sein sollte nicht die einzige identitätsstiftende Rolle sein, sondern nur ein Aspekt der Persönlichkeit einer Frau. Vor allem sollte diese Rolle nicht dazu führen, dass die Frau ökonomisch von einem Mann abhängig war. In einem typischen Fall von Schismogenese schien die traditionelle Mutterschaft im Westen umso mehr verherrlicht zu werden, je mehr sich im Osten nicht-traditionelle Mutterschaftsansätze verbreiteten.
Beide deutschen Regierungen riefen Frauen dazu auf, Mütter zu werden. Trotzdem hatten ostdeutsche Frauen ab 1972 die Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch im ersten Trimester sowie einfachen Zugang zu zuverlässiger, staatlich subventionierter hormoneller Verhütung. Eine hervorragende Sexualaufklärung wirkte ungewollten Schwangerschaften entgegen. Wenn Frauen sich dafür entschieden, Mütter zu werden, genossen sie großzügigen, beschäftigungssicheren Mutterschaftsurlaub, gefolgt von garantierten Plätzen in qualitativ hochwertigen Krippen und Kindergärten für ihren Nachwuchs. Da ostdeutsche Frauen Vollzeitstellen hatten und ihr eigenes, partnerunabhängiges Einkommen verdienten, waren sie wirtschaftlich weniger von ihren Männern abhängig – und konnten Mutter werden, ohne zu heiraten. Ein loses Netzwerk aus Großmüttern, Tanten, älteren Schwestern, Nachbarinnen, Kolleginnen und Freundinnen half dabei, eine junge Mutter zusätzlich zu den offiziellen staatlichen Leistungen zu unterstützen.
Infolgedessen war der Anteil alleinerziehender Mütter in Ostdeutschland weitaus höher als im Westen. Da es für eine Mutter mit Kleinkind völlig normal war, eine eigene Karriere zu verfolgen, musste sich auch niemand als »Rabenmutter« beleidigen lassen, wenn sie bereits nach einem Jahr daheim zum Arbeitsplatz zurückkehrte.
Noch wichtiger: Es war keine wirklich große Sache, Mutter zu werden, sondern ganz normaler Teil des Lebens, den man mit so viel Würde und Humor wie möglich annehmen konnte. Obwohl auch ostdeutsche Frauen meist unter der bekannten Doppelbelastung litten, sowohl Erwerbsarbeit als auch einen Großteil der häuslichen Pflichten zu übernehmen, war Muttersein eine Erfahrung, die fast alle jungen Frauen machten. Tatsächlich hatten die meisten Frauen relativ früh ihr erstes Kind und es war weniger üblich, kinderlos zu bleiben: Trotz der guten Bildung der Frauen, trotz ihrer hohen Erwerbsbeteiligung und trotz des einfachen Zugangs zu Schwangerschaftsabbrüchen, Sexualaufklärung und Verhütungsmitteln blieb die Geburtenrate pro ostdeutscher Frau bis zur Wiedervereinigung etwas höher als die der Frauen im Westen.
»Diejenigen, die in der Ex-DDR aufgewachsen sind, haben die Erfahrung gemacht, dass der Lebensweg einer jungen Frau durch die Geburt eines Kindes nicht unwiderruflich verändert wurde.«
Nach der Wiedervereinigung brach die Geburtenrate in der Ex-DDR ein. Ostdeutsche Frauen gingen in Reaktion auf die plötzlichen wirtschaftlichen Umwälzungen, die die ostdeutsche Industriebasis weitgehend zerstörten, in einen sogenannten »Gebärstreik«. Unmittelbar nach der Wende sank die Fertilitätsrate um 60 Prozent bis auf einen historischen Tiefstand von 0,8 im Jahr 1992 (2,1 ist die Rate, die notwendig ist, um den aktuellen Bevölkerungsbestand zu erhalten). Im Zuge der explodierenden Arbeitslosigkeit gingen die Führer des wiedervereinigten Deutschlands davon aus, dass sich die ostdeutschen Frauen überaus gerne weg vom Arbeitsmarkt und in die Freuden der Mutterschaft zurückziehen würden, wenn sie nun endlich vom sozialistischen Arbeitszwang befreit wären. Stattdessen wanderten gut ausgebildete ostdeutsche Frauen auf der Suche nach neuen beruflichen Möglichkeiten in die kapitalistische Wirtschaft ab, die berufstätigen Müttern allerdings überaus feindlich gesinnt war. Diese Frauen hatten eine simple Antwort auf die gesellschaftliche Erwartung, dass Frauen mit kleinen Kindern daheim bleiben sollten: Sie bekamen einfach keine Kinder mehr.
Die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen merkte in einem Interview 2006 treffend an: »Wir müssen uns darüber klarwerden, dass Männer und Frauen in Deutschland arbeiten werden […] Die Frage ist, ob sie noch Kinder haben werden.«
2008 war die Geburtenrate in Ostdeutschland wieder auf das Niveau der (niedrigen) westdeutschen von 1,4 gestiegen. Allerdings gab es faszinierende Unterschiede. Eine Studie aus dem Jahr 2010 im Journal of Population Economics ergab, dass Ostdeutsche nach wie vor »deutlich egalitärere oder nicht-traditionelle Einstellungen zu Geschlechterrollen« hatten als ihre westlichen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Dies stehe in einem kausalen Zusammenhang mit den emanzipatorischen Zielen und der Politik in ihrer sozialistisch geprägten Vergangenheit.
Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung bestehen bis heute erhebliche Unterschiede in den Fertilitätsmustern von Ost- und Westdeutschen. Die niedrige Fertilität im Osten lässt sich dadurch erklären, dass die meisten Frauen lediglich ein Kind haben. Die niedrige Fertilität im Westen beruht hingegen darauf, dass einige Frauen mehrere Kinder haben, während aber ein erheblicher Prozentsatz überhaupt keine Kinder bekommt. Darüber hinaus finden es gebildete Frauen im Osten nach wie vor leichter, Beruf und Mutterschaft zu vereinbaren, als Frauen im Westen, die stärker das Gefühl haben, Familienwünsche zugunsten der Karriere opfern zu müssen.
Die Forschenden Uwe Jirjahn und Cornelia Struewing haben festgestellt, dass diese Unterschiede weniger mit wirtschaftlichen Faktoren oder der relativen Verfügbarkeit von Kinderbetreuung zu tun haben als mit unterschiedlichen kulturellen Idealen mit Blick auf Mutterschaft. Am auffälligsten war, dass alleinstehende Frauen in Ostdeutschland eher ein Kind ohne Partner zur Welt brachten. Das galt sowohl für geplante als auch für ungeplante Schwangerschaften. Trotz des guten Zugangs zu Schwangerschaftsabbrüchen sahen sich ostdeutsche Frauen weniger unter Druck, vor der Geburt eines Kindes eine feste Partnerschaft einzugehen. Und wenn sie ungeplant schwanger wurden, waren die wirtschaftlichen Folgen schlichtweg nicht so gravierend wie im Westen.
»In Gesellschaften, in denen der Wert einer Person an deren Erwerbsfähigkeit geknüpft ist und in denen die Vergütung von den unberechenbaren Schwankungen von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, sind Arbeiterinnen und Arbeiter mit Betreuungsaufgaben immer benachteiligt.«
Im Mikrozensus 2022 werden weitere Unterschiede zwischen Ost und West deutlich. Die Studie listet die sogenannte Kohortenfertilität von Frauen, die zwischen 1973 und 1977 geboren wurden, nach dem höchsten erreichten Bildungsabschluss. Bei Frauen ohne Berufsausbildung ist die Kinderlosigkeit in Ost- und Westdeutschland noch gleich hoch und liegt bei rund 13 Prozent; in den drei Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen beträgt sie 14 Prozent. Unter den ostdeutschen Frauen mit einer nicht-akademischen beruflichen Qualifikation waren hingegen nur 15 Prozent kinderlos (ohne Berlin), verglichen mit 22 Prozent der westdeutschen Frauen (ohne Hamburg und Bremen). Bei potenziellen Müttern mit einer akademischen beruflichen Qualifikation blieben 17 Prozent der ostdeutschen Frauen ohne Kinder, verglichen mit 23 Prozent der westdeutschen Frauen. In den drei Großstädten (zwei vollständig im Westen und eine historisch zwischen Ost und West geteilt) lag die Kinderlosigkeitsquote bei Frauen mit nicht-akademischem Berufsabschluss bei 27 Prozent und bei Frauen mit akademischem Abschluss bei 29 Prozent. Das heißt: Fast ein Drittel der berufstätigen Frauen in den Städten hatte keine Kinder.
Ich habe kürzlich mit einer ostdeutschen Kollegin, die wie ich eine Tochter Anfang zwanzig hat, über meine Forschung gesprochen. Sie schien nicht überrascht, dass in der ehemaligen DDR deutlich weniger Frauen überhaupt keine Kinder haben.
»Ein Kind zu haben war im Osten nie eine Tragödie. Ist es bis heute nicht«, erklärte sie mir auf Englisch. »Meine Tochter hat einige westdeutsche Freundinnen. Deren Mütter bläuen ihnen immer ein: ›Natürlich kannst Du Sex haben, wenn Du willst. Aber pass’ bloß auf, dass Du auf keinen Fall schwanger wirst.‹ Schwangerwerden wäre ein Desaster. Eine ostdeutsche Mutter sagt ihrer Tochter: ›Natürlich kannst Du Sex haben, wenn Du willst.‹ Wir sagen den zweiten Teil nie. Unsere Töchter wissen schon, was sie tun. Und wenn sie schwanger werden? Na und? Das schaffen wir ja wohl. Für eine westdeutsche Mutter ist das eine Katastrophe; es ist scheinbar unheimlich peinlich. Für uns ist das kein großes Ding. Wir wissen, dass wir das gemeinsam schon hinbekommen.«
Diejenigen, die in der Ex-DDR aufgewachsen sind, haben die Erfahrung gemacht, dass der Lebensweg einer jungen Frau durch die Geburt eines Kindes nicht unwiderruflich verändert wurde. Das lag daran, dass Mutterschaft damals eher als gemeinschaftliches, denn als individuelles und kompetitives Unterfangen betrachtet wurde. Vor 1989 wurde die Vertrags-Denkweise, die kapitalistische Gesellschaftsverhältnisse kennzeichnet, durch das solide soziale Sicherheitsnetz für Mütter deutlich entschärft. Von Müttern wurde nicht erwartet, dass sie für ihre Kinder alles sein und alles tun müssten. Nicht nur, weil sie auf zuverlässige Kinderbetreuung zurückgreifen konnten, sondern weil die sozialistische Politik allen Kindern einen Mindestlebensstandard garantierte, unabhängig davon, ob sie nun die perfekten Eltern hatten oder nicht. Wie ich an anderer Stelle dargelegt habe, waren die Mutterschaftspflichten leichter zu bewältigen, weil sie geteilt wurden. Familien entstanden aufgrund von Anreizen über reines Selbstinteresse hinaus.
»Gerade der historische Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt, dass niedrige Geburtenraten keine Folge der Frauenemanzipation sind, sondern vielmehr ein Beweis dafür, dass die Emanzipation noch nicht weit genug gegangen ist.«
Letztendlich sind alle Debatten über sinkende Geburtenraten auch Debatten über die Unvereinbarkeit von kapitalistischen Idealen wie Eigeninteresse und persönlicher Vermögensbildung mit altruistischen Unterfangen, die eine langjährige Verpflichtung erfordern. Wo das Streben nach Profit alle anderen Erwägungen übertrumpft, sind sinkende Geburtenraten erwartbare Kollateralschäden, eine negative Externalität der Technologien und individualistischen Einstellungen, die Menschen dazu ermutigen, ihren eigenen Nutzen zu maximieren und ihre persönlichen »Marken« aufzupolieren. Das gilt sogar für die Momfluencer auf Social Media: Sie verdienen Geld damit, die Freuden der Mutterschaft öffentlich zu zelebrieren. Die Kinder sind lediglich Requisiten in einem profitorientierten Business.
In Gesellschaften, in denen der Wert einer Person an deren Erwerbsfähigkeit geknüpft ist und in denen die Vergütung von den unberechenbaren Schwankungen von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, sind Arbeiterinnen und Arbeiter mit Betreuungsaufgaben immer benachteiligt. In unserer von brutaler Ungleichheit geprägten Wirtschaft, in der die attraktivsten potenziellen Arbeitnehmer immer diejenigen sind, die am wenigsten gebunden erscheinen, kommt die Geburt eines Kindes einer Selbstfesselung gleich: Eine Frau kettet sich mit einem Kind quasi einen Amboss ans Bein, während alle um sie herum ihre Jetpacks anschnallen.
In Deutschland ist das ohnehin schon arg gebeutelte soziale Sicherheitsnetz heute unter massivem Beschuss; rechte Kräfte drängen auf eine Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen. Unter diesen Umständen ist es unerlässlich zu betonen, dass das Problem nicht in »zu viel Feminismus« liegt, wie manche Kommentatoren behaupten. Gerade der historische Vergleich zwischen Ost- und Westdeutschland zeigt, dass niedrige Geburtenraten keine Folge der Frauenemanzipation sind, sondern vielmehr ein Beweis dafür, dass die Emanzipation noch nicht weit genug gegangen ist.
Frauen, die in einer Gesellschaft, die Reichtum und Privilegien verherrlicht, zu rationalen Wirtschaftsakteurinnen erzogen wurden, wissen, dass sie wahrscheinlich die Hauptverantwortung für die Kindererziehung tragen werden. Sie wissen, dass sie unzureichende gesellschaftliche sowie sozialpolitische Unterstützung erhalten und verurteilt werden können, wenn sie es wagen, Mutterschaft als nur einen Aspekt eines ansonsten erfüllten und autonomen Lebens zu betrachten. Diese Realitäten machen den impliziten Vertrag, der mit dem Kinderbekommen einhergeht, sowohl nicht umsetzbar als auch nicht erstrebenswert.
»Eine Vergesellschaftung der Pflegearbeit, eine solide staatliche Unterstützung bei und für die Kindererziehung sowie die ernsthafte Befreiung der Frauen von der Erwartung, ihre einzige Rolle in der Gesellschaft sollte darin bestehen, zu Hause bei den Kindern zu bleiben.«
Kinderkriegen im Kapitalismus widerspricht dessen grundlegenden Prinzipien. Um Adam Smith zu paraphrasieren: »Nicht vom Wohlwollen der Tradwives erwarten wir unsere Kinder, sondern von ihrer Rücksicht auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Menschlichkeit, sondern an ihre Eigenliebe, und sprechen mit ihnen nie über unsere eigenen Bedürfnisse, sondern über ihre Vorteile.«
Stattdessen müssen wir auf die Dinge drängen, auf die sozialistische Feministinnen schon immer gepocht haben: Eine Vergesellschaftung der Pflegearbeit, eine solide staatliche Unterstützung bei und für die Kindererziehung sowie die ernsthafte Befreiung der Frauen von der Erwartung, ihre einzige Rolle in der Gesellschaft sollte darin bestehen, zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Aus dieser Perspektive ist die Antwort auf den Bevölkerungsrückgang nicht »weniger Feminismus«. Vielmehr braucht es ein erneutes Bekenntnis zu einem umfassenderen Projekt der Frauenemanzipation – im Rahmen eines breiteren sozialistischen Programms, mit dem wir die Gesellschaft neu gestalten.
Kristen Ghodsee ist Professorin für Russland- und Osteuropastudien an der University of Pennsylvania und Autorin von zwölf Büchern, darunter Warum Frauen im Sozialismus besseren Sex haben und Utopien für den Alltag: Eine kurze Geschichte radikaler Alternativen zum Patriarchat.