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12. Mai 2026

Wenn Geschichte zur Waffe wird

Politische Akteure, die aus tausendjähriger Geschichte Feindbilder für die Gegenwart ableiten, kommen ohne Rosinenpickerei nicht aus. Denn kein Land ist so lange immer nur Täter oder immer nur Opfer – auch nicht Russland oder die baltischen Staaten.

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Aufnahme vom 10. Juni 2025.

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Aufnahme vom 10. Juni 2025.

IMAGO / ABACAPRESS

»Ein russischer Angriff ist jederzeit möglich. Da sind wir nicht blauäugig. In den letzten tausend Jahren wurden wir 42-mal von Russland angegriffen – im Schnitt alle 25 Jahre«, erklärte der estnische EU-Abgeordnete Riho Terras, Christdemokrat und Ex-Generalstabschef Estlands im Juni 2025.

Nun könnte man das Geschichtsbild eines Politikers aus einem kleinen Land das Geschichtsbild eines Politikers aus einem kleinen Land sein lassen. In Estland leben 1,3 Millionen Menschen (darunter übrigens 300.000 ethnische Russen) – da ist allein München mit 1,5 Millionen Einwohnern deutlich größer.

Doch diese Sichtweise hat sich vor dem Hintergrund des russischen Einmarsches in die Ukraine auch in der übrigen EU festgesetzt. Estland versteht sich – ebenso wie die beiden anderen baltischen Länder Lettland und Litauen – als Frontstaat gegenüber Russland, weil es glaubt, den großen Nachbarn aufgrund geografischer Nähe und historischer Erfahrung besser zu kennen als alle anderen. Eine Politik nachbarschaftlicher Koexistenz mit Russland wird dagegen als naiv geschmäht.

»Interessanterweise verschwand die deutsch-französische Erbfeindschaft nach 1945 schlagartig. Feindbilder sind also nicht naturgegeben, sondern von politischem Willen abhängig.«

Welchen Geschichten Europa Gehör schenkt

2024 beteuerte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in selbstkritischer Attitüde gegenüber den Balten: »Europa hätte zuhören müssen.« 2022 sagte die damalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock bei einem Besuch in Riga schon einmal so ähnlich: »Wir haben vielleicht nicht genau hingehört.« Die Präsidentin des EU-Parlaments, Roberta Metsola, meint sogar, mit dem Ukrainekrieg habe sich »das Zentrum der Entscheidungsfindung auf dem Gebiet der europäischen Verteidigung und Sicherheit« ins Baltikum verlagert.

Das ist zwar übertrieben, und Macron, Merz und Meloni sehen das sicher anders, aber Tatsache ist, dass der Einfluss des baltischen Weltbilds in der EU enorm zugenommen hat. Das zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass für den Posten der EU-Außenbeauftragten eine russophobe Fanatikerin, die ehemalige Premierministerin Estlands, Kaja Kallas, ausgesucht wurde. Zudem ist der Litauer Kubilius EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt. Auch das ist ein Ressort, das im Zuge der massiven Militarisierung der EU von großer Bedeutung ist.

Zusammen mit Polen, das sich ebenfalls als Frontstaat versteht, ist so eine informelle regionale Allianz entstanden. »Es sind unsere vier Länder, die der Ukraine die meisten Waffen, Ausrüstung und Munition liefern, wenn wir unsere Bemühungen pro Kopf zählen«, unterstrich Polens damaliger Außenminister Zbigniew Rau bei einer Konferenz der vier Länder 2023. Die machtpolitischen Gewichte in der EU haben sich nach Osten verschoben, parallel zur militärischen Aufrüstung der sogenannten NATO-Ostflanke.

Jetzt rächt sich, dass nach Ende des Kalten Krieges eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsordnung unter Einbeziehung Russlands nicht gewollt war. Damit wurde auch die Chance vertan, über alle Gräben hinweg die schwierige, hochgradig belastete Geschichte in Osteuropa gemeinsam mit Russland aufzuarbeiten. Stattdessen ist diese Geschichte für neue Konflikte instrumentalisiert worden.

Natürlich gab es die russische Westexpansion seit Iwan dem IV. (»dem Schrecklichen«) im 16. Jahrhundert, mit Peter dem Großen, die drei Polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert, den Hitler-Stalin-Pakt und sowjetische Panzer 1968 in Prag. Aber die reale Geschichte ist komplizierter und widersprüchlicher, als es die Schwarz-weiß-Malerei nationalistischer Erzählungen wahrhaben will.

Was ist Geschichtspolitik?

Zurück zu unserem estnischen EU-Abgeordneten. Sein Statement ist ein typisches Beispiel nationalistischer Geschichtspolitik zwecks Feindbildproduktion. Geschichtspolitik ist der Versuch, Geschichte aktuellen Interessen dienstbar zu machen. Dafür gibt es viele Instrumente: von Denkmälern, Straßennamen, Gedenkstätten, Fahnen und Museen über Lehrpläne, Medien und die Künste bis hin zur akademischen Geschichtsschreibung. So sickern Geschichtsbilder bis ins Alltagsbewusstsein hinein.

Das gab es zu allen Zeiten. In Epochen von Konfrontation und Krieg hat Geschichtspolitik Hochkonjunktur und kann abgerufen werden, um Kriegstüchtigkeit in der Bevölkerung zu erzeugen. Sie arbeitet dabei auch mit Ressentiments, oft mit Geschichtsfälschung, ist selektiv. Denn Unangenehmes aus der eigenen Geschichte wird unter den Teppich gekehrt, Positives – oder das, was als Heroisch gilt – wird aufgeblasen und der Gegner in extremen Klischees gezeichnet.

»Ziel systematischer Unterwerfung vor fast tausend Jahren wurden die Stämme auf dem Gebiet des heutigen Estlands tatsächlich. Dabei wurden sie aber nicht von Russen unterworfen, sondern von Dänen, Schweden und Deutschen.«

Ein klassisches Beispiel liefert die estnische Tageszeitung Neatkariga Rita Avize: »So schwer es auch sein mag, es zuzugeben, aber es ist der Moment der Wahrheit gekommen, in dem Europa die Überlegenheit seiner Zivilisation über die primitive Ordnung des Dschungels beweisen muss«. Mit dem Dschungel ist Russland gemeint.

Wir kennen das aus Zeiten der 150-jährigen »Erbfeindschaft« zwischen Deutschen und Franzosen. Obwohl jahrhundertelang Nachbarn, war das Bild des jeweils anderen durch Vorurteil und Hass verzerrt. So wollte zum Beispiel Heinrich von Kleist, der Autor einer so antiautoritären und feministischen Komödie wie Der zerbrochene Krug in seinem Gedicht Germania an ihre Kinder den Rhein mit den Leichen und Knochen von Franzosen zu einem Damm aufstauen, damit der Fluss im Westen um die Pfalz herumfließt und so die Grenze gegenüber Frankreich bildet. Derartige Monstrositäten lieferten die ideologische Munition für drei Kriege, darunter zwei Weltkriege. Interessanterweise aber verschwand die deutsch-französische Erbfeindschaft nach 1945 schlagartig. Feindbilder sind also nicht naturgegeben, sondern von politischem Willen abhängig.

In tausend Jahren 42 mal von Russland überfallen?

Vor tausend Jahren gab es so etwas wie Estland nicht. Die Menschen auf dem Territorium des heutigen Estlands lebten in Stammesverbänden, die jeweils nicht mehr als einige hundert Personen umfassten. Staatlichkeit existierte nur in Keimformen. Untereinander führten sie immer mal wieder Krieg. Kriegsgefangene wurden als Sklaven gehalten.

Aber schon in dieser Zeit gab es Angriffe von nicht-estnischen Völkern: »Schon vor und besonders während der Wikingerzeit fielen Schweden und Dänen mit dem Ziel des Raubes und der Tributerpressung im Baltikum ein«, schreiben Norbert Angermann und Karsten Brüggemann in ihrer Geschichte der baltischen Länder. 1031 kam es dann tatsächlich zu einem Überfall ostslawischer Ritter unter Führung von Jaroslaw dem Weisen auf einen estnischen Stamm in der Gegend der heutigen Stadt Tartu. Möglicherweise hatte unser Europaabgeordneter dieses Ereignis im Kopf.

Die Sache hat aber einen Haken: Jaroslaw war Großfürst von Kiew. Und so wie unser Ex-Generalstabschef eine tausendjährige Kontinuität estnischer Geschichte konstruiert, so macht es auch die nationalistische Geschichtsschreibung der Ukraine und erfindet eine tausendjährige ukrainische Geschichte von der Kiewer Rus bis Selenskyj. Würde man das ernst nehmen, könnte man behaupten, 1031 hätte die Ukraine Estland angegriffen.

Hinzu kommt, dass die estnischen Stämme nicht nur Opfer von Angriffen von außen waren, sondern auch Täter. Denn sie unternahmen, so Angermann und Brüggemann, »auch Gegenschläge […], was ebenso für die Litauer gilt, die seit dem späten 12. Jahrhundert sogar sehr oft ihrerseits in die nordwestrussischen Länder einfielen.« Würde man das Geschichtsverständnis unseres EP-Abgeordneten teilen, könnte man sagen, dass das moderne Estland bis in unsere Tage eine Tradition beim Überfallen anderer Völker hat. Schließlich war Estland Teil der US-geführten »Koalition der Willigen«, die 2003 einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak führte.

Vom Deutschen Orden unterworfen

Ziel systematischer, dauerhafter Unterwerfung vor fast tausend Jahren wurden die Stämme auf dem Gebiet des heutigen Estlands tatsächlich. Dabei wurden sie aber nicht von Russen unterworfen, sondern bis ins 15. Jahrhundert hinein von Dänen, Schweden und Deutschen. 1194/95 erklärte Papst Coelestin III. den ersten livländischen Kreuzzug. Dänische Ritter etablierten 1219 ein erstes Herzogtum Estland, und ein aus Bremen stammender Bischof gründete 1201 Riga, heute Hauptstadt von Lettland.

Daraus sollte sich dann der Staat des Deutschen Ordens entwickeln. Parallel zur gewaltsamen Osterweiterung des Ritterordens kam es im Zuge der deutschen Ostkolonisation zur Einwanderung von deutschen Kaufleuten und Handwerkern ins Baltikum. Sie stellten bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Mehrheit der städtischen Bevölkerung und sicherten die herrschenden Klassen des Ordensstaates von unten ab.

»Polen-Litauen besetzte 1610 für zwei Jahre Moskau. Das weiß in Polen heute kaum jemand. Dagegen spielt es in der russischen Geschichtspolitik immer noch eine Rolle.«

Die ethnischen Esten dagegen lebten als unterjochte Bevölkerung vorwiegend als Bauern auf dem Land. 1400 führte der Ritterorden sogar die Leibeigenschaft ein, und die Esten wurden fortan von vorwiegend deutschen Gutsherren ausgebeutet.

Als der Ritterorden im 11. Jahrhundert wiederholt versuchte, seine Herrschaft auf das Gebiet der Kiewer Rus auszudehnen, die russische Handelsstadt Pskow eroberte und nach (Alt-)Nowgorod vorstieß, kam es 1240 zur legendären Schlacht auf dem zugefrorenen Peipussee. Der Deutsche Ritterorden erlitt eine vernichtende Niederlage und musste fortan seine Osterweiterung einstellen.

Die russische Westerweiterung

Von systematischen Versuchen russischer Expansion in Richtung Baltikum kann erst ab Mitte des 16. Jahrhunderts mit den drei Nordischen Kriegen gesprochen werden. In den Jahrhunderten davor war der russische Ostseehandel von der Hanse beherrscht und danach durch Schwedens Blockade des Ostseezugangs behindert worden.

Nachdem Russland unter Iwan III. die Folgen des Zerfalls der Kiewer Rus und die Tatarenherrschaft überwunden hatte, begannen mit Iwan IV. die Versuche zur Westexpansion durch Krieg. Es kam immerzu zu Konflikten zwischen Russland, Schweden – manchmal unter Beteiligung von Dänen, Preußen und Habsburgern – und dem zur Großmacht aufgestiegenen Königreich Polen-Litauen. Die Ostseeregion war zum Konfliktherd geworden, mit wechselnden Allianzen. Mal waren die Schweden Angreifer, mal Russland, mal Polen-Litauen.

In diesem Zusammenhang kam es Anfang des 17. Jahrhundert zu einem Bürgerkrieg in Russland, der sogenannten »Zeit der Wirren«. Polen-Litauen ergriff die Gelegenheit beim Schopf und besetzte für zwei Jahre Moskau (1610 bis 1612). Das weiß in Polen heute kaum jemand. Dagegen spielt es in der russischen Geschichtspolitik immer noch eine Rolle – das Ende der Besatzung bietet bis heute den Anlass für einen nationalen Feiertag. An russischer Kultur Interessierten ist diese Geschichte bekannt, weil Puschkin darüber ein Drama geschrieben hat: Boris Godunow, auf dem wiederum Mussorgskys gleichnamige Oper basiert.

Die Geschichte Osteuropas unterschied sich damals in ihrer Blutigkeit also nicht vom Westen des Kontinents, wo im gleichen Jahrhundert der Dreißigjährige Krieg tobte (1618 bis 1648). Eine lang gültige Veränderung gab es erst mit dem Ausgang des Dritten Nordischen Krieges, der 1700 mit einem Angriff einer Allianz aus Polen und Russland – ja, auch das gab es – sowie Dänemark gegen die Schweden begann. Schweden erlitt eine vernichtende Niederlage. Sie besiegelte das Ende Schwedens als Großmacht. Das gesamte Baltikum fiel damit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs an Russland.

Napoleon und die polnisch-russische Erbfeindschaft

Eine wichtige Periode in den Beziehungen Russlands zum Westen ist Napoleons Feldzug nach Moskau 1812. Die große Rolle, die dieser Krieg im russischen Selbstverständnis spielt, wird nur durch die noch frischere Erinnerung an den Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands übertroffen.

Napoleons Grande Armée war eine multinationale, europäische Armee. Zum einen mussten die von Frankreich abhängigen Staaten Truppenkontingente stellen. Auch Preußen musste 20.000 Mann beisteuern. Im Rahmen eines Abkommens von Napoleon mit den Habsburgern beteiligten sich 30.000 Österreicher. Für das polnisch-russische Verhältnis ist zudem interessant, dass die Polen vor dem Hintergrund der drei Teilungen durch Preußen, Russland und Österreich (1772, 1793, 1795) mit circa 100.000 Mann das größte nicht-französische Kontingent stellten.

Mit Ende des Ersten Weltkriegs wurden Polen und die baltischen Staaten unabhängig. Aber schon kurz danach ergriff Polen wieder die Gelegenheit und marschierte in Sowjetrussland ein, das durch Bürgerkrieg und ausländische Intervention geschwächt war. Am 7. Mai 1920 besetzten polnische Truppen Kiew. Staatschef Pilsudskis Ziel: Make Poland Great Again – zu alter Größe wie vor 1772 mit einer Ostgrenze entlang des Dnjepr. Mit einem Siegfrieden für Polen wurde der Krieg 1921 mit dem Vertrag von Riga beendet. Polen genehmigte sich darin eine Osterweiterung um bis zu 250 Kilometer auf sowjetisches Territorium. Die neue Ostgrenze Polens hielt bis zum 17. September 1939, als Moskau im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts die alten Grenzen wiederherstellte.

»Die Esten, Polen, Russen, Deutschen und so weiter von heute sind sich untereinander näher als gegenüber ihren Vorfahren vor tausend Jahren.«

Auch in den Folgejahren zeigt die Geschichte, wie schnell aus einem Opfer ein Täter wird. So hört man selten, dass einen Tag nach der im Münchner Abkommen vereinbarten Besetzung des Sudetenlandes am 1. Oktober 1938 durch die Nazis Polen seinerseits die Gelegenheit nutzte, Truppen in das zur Tschechoslowakei gehörende Gebiet Teschen an der Olsa schickte und es annektierte.

Trotz der wechselvollen Geschichte hält sich bis heute die Vorstellung, Polen sei immer nur Opfer benachbarter Großmächte gewesen. Einer Umfrage von 2019 zufolge glauben 74 Prozent, dass ihr Land mehr gelitten hat als andere. Entstanden ist der Opfermythos in der Romantik. So meinte der Nationaldichter Adam Mickiewicz, Polen sei »der Christus der Nationen«. Und noch 2016 erklärte der damalige Verteidigungsminister Antoni Macierewicz: »Dieses unglaubliche Martyrium, das es nirgendwo sonst auf der Welt gibt, dieser Versuch, eine große europäische Nation durch das Zusammenspiel zweier Weltmächte und das Schweigen und den Verrat unserer eigenen Verbündeten auszulöschen – all das wurde durch die Kraft des großen polnischen Geistes, die Kraft unserer nationalen Tradition, die Kraft unseres Glaubens überwunden, die uns sagte, niemals aufzugeben oder zu kapitulieren.«

Die Logik von Geschichtspolitik

Neben unverblümten Fakes, Fälschungen und Klischees spielt in der Geschichtspolitik vor allem das Rosinenpicken eine große Rolle. Ruhmreiche oder vermeintlich ruhmreiche Phasen werden in helles Licht getaucht. Niederlagen und Schandtaten lässt man lieber im Dunkeln.

Außerdem ist es grundsätzlich ein Irrweg, über lange Zeiträume hinweg eine Kontinuität eines Landes beziehungsweise eines Volkes zu konstruieren. Dafür gibt es in der turbulenten und wechselvollen Geschichte Europas zu viele Brüche. Die Esten, Polen, Russen, Deutschen und so weiter von heute sind sich untereinander näher als gegenüber ihren Vorfahren vor tausend Jahren. Denn »das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse«, wie Karl Marx einst schrieb. Und das »Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« ist heute nun einmal total anders als vor tausend Jahren.

Schon rein sprachlich würden heutige Deutsche ihre Vorfahren von vor tausend Jahren nicht verstehen: »Ik gihorta đat seggen, đat sih urhettun ænon muotin, hiltibraht enti hađubrant, untar heriun tuem sunufatarungo. iro saro rihtun, garutun se iro guđhamun, gurtun sih iro suert ana, helidos, ubar hrina«, heißt es im Hildebrandslied. Alles klar? Ganz zu schweigen von einer Geschichtspolitik, die territoriale Ansprüche in der Gegenwart aus dem Alten Testament ableitet. So tut es die israelische Regierungspartei Likud schon in ihrem Programm von 1977, wo es heißt, dass man »Judäa und Samaria [gemeint ist das Westjordanland] keiner ausländischen Verwaltung übergeben« werde, denn: »Zwischen dem Meer und dem Jordan wird es nur israelische Souveränität geben.«

All das heißt nicht, dass Geschichte bedeutungslos wäre. Je kürzer eine Ära zurückliegt, umso mehr Einfluss hat sie auf eine aktuelle Situation. Es bestehen dann Pfadabhängigkeiten, die nicht ohne Weiteres verschwinden. Je weiter man zurückgeht, umso dünner werden die Kontinuitäten jedoch. Spätestens nach drei, vier Jahrhunderten lösen sie sich ganz auf. Nationalistische Geschichtspolitik und ihre Feindbilder machen die Menschen zu Gefangenen der Vergangenheit. Russland ist dann schon immer böse, und deshalb kann man nur in der Sprache der Macht mit ihm reden.

Aber internationale Beziehungen sind ein Wechselspiel von Aktion, Reaktion, Reaktion auf die Reaktion und so weiter im Heute. Lösungen für die Konflikte unserer Tage finden sich deshalb nur in der Gegenwart. Dennoch muss man die Geschichtserzählungen ernst nehmen – allerdings auf allen Seiten – und sie kritisch unter die Lupe nehmen. Denn Geschichtspolitik spielt eine wichtige Rolle im Kampf um die Köpfe.

Peter Wahl ist Gesellschaftswissenschaftler und Publizist mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen sowie Mitbegründer von Attac Deutschland.

Detlef Bimboes ist Mitglied im Gesprächskreis Frieden und Sicherheitspolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung und hat zu Ostseegeschichte und Energieversorgung gearbeitet.