19. Mai 2026
Die UN hat den transatlantischen Sklavenhandel zum schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt. Das sei ein wichtiger Schritt, sagt der Reparationen-Vorkämpfer Kwesi Pratt Jr., aber Gerechtigkeit hieße mehr: eine Neuordnung der Welt.

Der ghanaische Präsident John Dramani Mahama bei einer Rede vor den Vereinten Nationen.
Am 25. März 2026 brachte der ghanaische Präsident John Dramani Mahama eine weitreichende Resolution in die Generalversammlung der Vereinten Nationen ein. Diese Resolution erklärte den transatlantischen Sklavenhandel, in dessen Zuge mindestens 12,6 Millionen Menschen vom afrikanischen Kontinent verschleppt wurden, zum schwersten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Resolution wurde von der Afrikanischen Union und der Karibischen Gemeinschaft CARICOM (eine internationale Organisation karibischer Staaten) unterstützt. Das Votum der Generalversammlung fiel mit 123 Ja-Stimmen eindeutig aus.
Einzig die Vereinigten Staaten, Israel und Argentinien stimmten gegen die Resolution. Die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union enthielten sich. Die für die Verbrechen verantwortlichen Staaten erkennen diese also nicht im geforderten Umfang an. Kwesi Pratt Jr. ordnet die Resolution nichtsdestotrotz als einen wichtigen Schritt in der langen und umfassenden Geschichte des Widerstandes gegen Sklaverei, Kolonialismus und Neokolonialismus sowie der Kämpfe für Reparationen ein.
Der Generalsekretär des Socialist Movement of Ghana hat maßgeblich zur Popularisierung von Reparationen beigetragen. Unter anderem hat er ein im Globalen Süden und insbesondere Afrika stark rezipiertes Buch verfasst, dessen Vorwort von niemand Geringerem als John Mahama stammt. In Accra hat er sich mit Jacobin getroffen, um den Kampf für Reparationen und reparative Gerechtigkeit zu erläutern und zu erklären, warum dieser für die sozialistische Bewegung in Afrika und weltweit von entscheidender Bedeutung ist.
Herr Pratt, was sind die Konsequenzen des transatlantischen Sklavenhandels?
Der transatlantische Sklavenhandel hat uns sehr tief geprägt und wirkt sich bis heute auf uns aus. Nach den niedrigsten Schätzungen wurden 12,6 Millionen Afrikaner von hier verschleppt und zu Sklaven gemacht, zu Nutztieren, die auf den Feldern Amerikas und Europas zur Arbeit gezwungen wurden. Um Mehrwert abzuschöpfen, wurden wir zur Grundlage für den Aufbau dessen unterworfen, was heute Westeuropa, das kapitalistische Europa, ist. Für jeden der 12,6 Millionen Menschen, die aus Afrika verschleppt wurden, wurden drei Menschen getötet. Es gab zahlreiche Widerstandskriege. Diejenigen, die in die Sklaverei verschleppt wurden, waren die Stärksten. Die Sklavenhändler wollten keine schwachen und kranken Menschen. Sie nahmen die Jugend mit. Sie nahmen unsere Architekten, sie nahmen unsere Ingenieure, sie nahmen unsere Ärzte mit. Das hat unter anderem die Entwicklung der afrikanischen Wissenschaften tiefgreifend beeinträchtigt.
Ich möchte Ihnen nur ein Beispiel nennen. Während Covid-19 gab es Diskussionen über Impfstoffe. Es stellte sich in diesen Diskussionen heraus, dass die Technologie der Impfung ursprünglich in Westafrika entwickelt wurde. Dieses Erbe haben wir vollständig verloren. Heute sind wir in der Versorgung mit Impfstoffen von westlichen kapitalistischen Staaten abhängig, obwohl diese Wissenschaft eigentlich uns gehörte.
»Institutionen wie die UN wurden so aufgebaut und strukturiert, dass sie die Interessen der Kolonialmächte und ihrer Verbündeten förderten.«
Die Sklaverei selbst basierte auf rassistischen Annahmen von Überlegenheit und Unterlegenheit. Die päpstliche Bulle von 1452, die König Afonso von Portugal die Befugnis erteilte, in unsere Welt zu kommen und uns zu zivilisieren, ist Zeugnis der uns zugeschriebenen afrikanischen Unterlegenheit. Man kann Menschen, die man als gleichwertig ansieht, nicht gefangen nehmen und als Nutztiere einsetzen. Diese Annahme unserer Unterlegenheit ist Ursprung des Problems. Heute leiden wir unter Rassismus, rassistischen Übergriffen, rassistischer Ausbeutung und so weiter. All das hat seine Wurzeln im transatlantischen Sklavenhandel, im klassischen Kolonialismus, und findet seinen Ausdruck im heutigen Neokolonialismus. Ich denke, dass der Kolonialismus eine natürliche Weiterentwicklung der Sklaverei war.
Weil die Sklaverei den Grundstein für die Abwertung schwarzer Menschen legte …
… was wiederum Grundlage für den Kolonialismus war. Und wenn man verstehen will, was der Kolonialismus uns angetan hat, muss man sich nur mal unser Eisenbahnsystem ansehen. Schauen Sie sich das Eisenbahnsystem überall in Afrika an. In Ghana beginnen alle Eisenbahnstrecken in den Gebieten, in denen sich unser Reichtum konzentriert, wo Gold, Bauxit, Diamanten, Holz und so weiter liegen. Und sie enden alle in den Häfen. Dieses System der Rohstoffextraktion förderte keine Wertschöpfung in unseren eigenen Ländern, sondern lediglich Wertabschöpfung.
Gibt es heute in Ghana ein starkes Bewusstsein für diese Zusammenhänge?
Das Bewusstsein ist vielleicht nicht sehr ausgeprägt, weil diese Systeme der Herrschaft und Ausbeutung ein weiteres System mit sich brachten, das uns ignorant und töricht machen sollte: das Bildungssystem, das wir bis heute betreiben. In der Schule mussten wir Aufsätze über die positiven und negativen Auswirkungen des Sklavenhandels schreiben. Die Schulkinder schreiben auch heute noch Aufsätze über die positiven und negativen Auswirkungen des Kolonialismus. Das ist Gehirnwäsche.
»Es gibt nur einen Weg zu einer sinnvollen Entwicklung für die afrikanischen Völker und letztlich für die ganze Welt. Und das ist der Weg des Sozialismus.«
Sogenannte gebildete Menschen, die in diesem Land die Geschicke lenken, haben diese Gehirnwäsche jahrelang durchlaufen. In meiner Kindheit mussten wir alle zur Sonntagsschule gehen. Was war die Sonntagsschule? Die Sonntagsschule war ein System christlicher Indoktrination. Und wenn man nicht zur Sonntagsschule ging, bekam man am Montagmorgen 12 bis 24 Schläge mit dem Rohrstock. Also gingen wir alle zur Sonntagsschule. Die Sonntagsschulen verfestigten die Vorstellung, dass die afrikanische Kultur minderwertig sei – dass man für immer verdammt sei, wenn man Jesus Christus den Erlöser nicht als den Weg in den Himmel akzeptierte. Es ist im Anbetracht dessen kaum verwunderlich, dass einige unserer Leute die grausamen Auswirkungen des transatlantischen Sklavenhandels und des Kolonialismus nicht verstehen.
Dennoch brachte John Mahama am 25. März eine Resolution in die UN-Generalversammlung ein, die den transatlantischen Sklavenhandel als das schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet. Was ging dieser UN-Resolution voraus?
Sie ist ein weiteres Kapitel einer langen Geschichte. Wir haben uns immer gegen Fremdherrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung gewehrt. Es gab Kriege gegen die Sklavenhändler. Es gibt zahlreiche Belege für Aufstände auf den Sklavenschiffen. Es gibt zahlreiche Belege für Aufstände auf den Plantagen. Haiti, die erste unabhängige, Schwarze Republik, die von Toussaint Louverture gegründet wurde, entstand aus dem Widerstand. Der Kampf gegen den klassischen Kolonialismus war eine weitere Manifestation dieses Widerstands. Wir haben uns über die Jahrhunderte hinweg immer zur Wehr gesetzt.
Was ging speziell dieser Resolution zu Reparationen voraus?
Die Forderung nach Reparationen ist sehr alt. Sie lastete schon viel länger auf den Schultern der karibischen Staaten. Erst letztes Jahr, hat sich die Afrikanische Union in den Kampf um Reparationen eingeklinkt. Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass einige Länder, insbesondere das Vereinigte Königreich, schon vor langer Zeit beschlossen haben, Reparationen zu zahlen. Aber: sie zahlten Reparationen an die Sklavenhalter, nicht an die Sklaven. Das Vereinigte Königreich zahlte den Nachkommen der Sklavenhalter noch bis 2015 Reparationen. Reparationen sind also kein neues Phänomen. Es ist keine neue Forderung. Es wurden Reparationen an die Opfer des Holocausts gezahlt, ebenso wie an das Volk Namibias, das Opfer eines Völkermordes wurde.
Von größter Bedeutung ist heute, im Kontext der Resolution, dass die Völker Afrikas und die Völker der Karibik, einstimmig – alle 55 Staaten der Afrikanischen Union und alle CARICOM-Mitgliedstaaten – für diese Resolution gestimmt haben. Das ist ein neuer Höhepunkt unserer Kämpfe. Die Verabschiedung dieser Resolution zeigt, dass wir uns um gemeinsame Themen, um gemeinsame Forderungen vereinen und breite internationale Solidarität aufbauen können. Dass 123 Länder für diese Resolution gestimmt haben, ist für mich von größter Bedeutung für unseren Kampf.
»Wenn wir die Welt neu ordnen wollen, muss diese neue Welt eine Welt sein, in der wir alle – ob Mann, Frau oder welches Geschlecht auch immer – unser volles Potenzial entfalten können.«
Aber diese Resolution ist weder der Anfang noch das Ende. Zunächst einmal müssen wir anerkennen, dass Resolutionen der Generalversammlung nicht bindend sind. Sie sind nicht mehr als eine Geste. Es ist ein wackeliger, vorsichtiger Schritt. Aber: Was wir von hier an tun, wird entscheidend sein. Ein Problem ist dabei die Struktur der UN selbst. Es gibt 1,4 Milliarden Afrikaner auf der Welt, ein sehr bedeutender Anteil der Weltbevölkerung. Und doch hat Afrika keine Stimme im UN-Sicherheitsrat, wo alle bindenden Entscheidungen getroffen werden. Wir sind auf die Generalversammlung beschränkt, sodass, selbst wenn die Mehrheit der Welt auf unserer Seite steht, die Resolutionen, die wir in der Generalversammlung verabschieden, keine Bedeutung haben. Warum ist das so? Das liegt daran, dass zum Zeitpunkt der Gründung der UN die meisten unserer Staaten Kolonien waren. Sie saßen nicht mit am Tisch. Diese Institutionen wurden so aufgebaut und strukturiert, dass sie die Interessen der Kolonialmächte und ihrer Verbündeten förderten.
Nun, ich habe immer argumentiert, dass es bei reparativer Gerechtigkeit darum gehen muss, eine neue Weltordnung aufzubauen. Und diese Neuordnung muss eine vollständige Umgestaltung der UN und der internationalen Institutionen beinhalten. Das betrifft auch die Weltbank, den Internationalen Währungsfonds und die Welthandelsorganisation.
Sie sehen den Kampf um Reparationen also als Teil eines umfassenderen Kampfes für Befreiung, für eine Neuordnung der Welt?
Eine vollständige Neuordnung der Welt, ja. Manche Menschen behaupten, dass es bei der reparativen Gerechtigkeit nur um Geld ginge. Das ist eine herbe Beleidigung. Kein Geldbetrag dieser Welt kann den Schaden wiedergutmachen oder aufwiegen, der dem afrikanischen Volk durch den transatlantischen Sklavenhandel, den klassischen Kolonialismus und den heutigen Neokolonialismus zugefügt wurde. Kein Geldbetrag.
Der Kern der reparativen Gerechtigkeit ist der Kampf für eine Neuordnung der Welt, der Aufbau einer völlig neuen Welt; einer Welt, in der Ressourcen für die Förderung von Gesundheit, den Zugang zu Bildung und der Schaffung menschenwürdigem Wohnraums eingesetzt werden. Diese Neuordnung der Welt muss die Abschöpfung von Mehrwert durch Ausbeutung von Arbeit überwinden.
»Es ist für mich absolut klar, dass der transatlantische Sklavenhandel das schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist.«
In Afrika wird uns oft gesagt, der Weg nach vorn bestünde darin, dem Beispiel der fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten zu folgen. Eine Analyse der Geschichte zeigt jedoch ganz eindeutig, dass das keine Option ist, die uns offensteht. Heute gibt es keine Völker mehr, die wir unterwerfen könnten, wie es die Briten taten, um Mehrwert für ihren Fortschritt zu generieren. Heute gibt es keine Länder, die wir kolonisieren könnten. Die Optionen, die der Westen genutzt hat, stehen uns also nicht offen. Die einzige Option, die uns offensteht, ist der Aufbau eines Systems kollektiver Selbstversorgung und der Produktion zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Und dieses System kennt nur einen Namen: Sozialismus. Es gibt nur einen Weg zu einer sinnvollen Entwicklung für die afrikanischen Völker und letztlich für die ganze Welt. Und das ist der Weg des Sozialismus.
In Ihrem Buch schreiben Sie über die geschlechtsspezifischen Logiken des transatlantischen Sklavenhandels und für Reparationen.
Ja. Denn wenn wir die Welt neu ordnen wollen, muss diese neue Welt eine Welt sein, in der wir alle – ob Mann, Frau oder welches Geschlecht auch immer – unser volles Potenzial entfalten können. Und eine solche Welt kann es in einer patriarchalischen Gesellschaft nicht geben. Die Gleichstellung der Geschlechter ist entscheidend für unseren Weg in die Zukunft. Nehmen wir ein Land wie Ghana: Frauen machen etwa 52 Prozent der Bevölkerung aus. Wie kann man Entwicklung erreichen, wenn 52 Prozent der Bevölkerung ihr volles Potenzial nicht ausschöpfen können? Daher muss die Geschlechterfrage in unserem Kampf für reparative Gerechtigkeit oberste Priorität haben.
Entsprach das Ergebnis der Abstimmung über die UN-Resolution Ihren Erwartungen oder gab es Überraschungen?
Es gab überhaupt keine Überraschungen.
Haben Sie also erwartet, dass die USA, Israel und Argentinien gegen die Resolution stimmen würden?
Ja, aufgrund ihrer Geschichte und ihrer aktuellen Praktiken. Wenn wir Reparationen fordern, werden die Vereinigten Staaten zu den am stärksten betroffenen Ländern gehören. Das basiert auf ihrer Geschichte der Plantagen, ihrer Geschichte der »Rassen«-diskriminierung und ihrer Geschichte der Ausrottung der indigenen Bevölkerung Amerikas. Es ist mir dennoch sehr wichtig zu betonen, dass die Stimme der USA in der Generalversammlung die Stimme der US-Oligarchen ist. Es ist nicht die Stimme der Massen. Es sind die Oligarchen, die die Macht und die Politik in den Vereinigten Staaten kontrollieren.
»Die Forderung nach Reparationen ist eine Forderung nach einer Neuordnung der Welt.«
Was Israel betrifft, wie kann ihr Votum jemanden überraschen? Israel ist ein Land, das heute aktiv Völkermord begeht. Achtzigtausend Palästinenser wurden in Gaza massakriert. Zwei Drittel von ihnen Frauen und Kinder. Israel hat imperialistische Ambitionen und verfolgt diese ungeachtet der menschlichen Kosten. Wir können von Israel nicht erwarten, dass es sich den Bemühungen anschließt, die Welt auf multiethnischer Basis wiederaufzubauen, auf einer Basis, die Ausbeutung verurteilt. Außerdem macht Israel gemeinsame Sache mit den USA, die schließlich maßgeblich für die Aufrechterhaltung der zionistischen Apartheid und Besatzung in Palästina verantwortlich sind.
In Argentinien gab es viele Plantagen, auf denen Sklaven arbeiteten. Und doch ist heute, wenn man sich Argentinien ansieht, die schwarze Bevölkerung stark geschrumpft und schrumpft weiter. Was sind die Gründe dafür? In Argentinien herrscht kein günstiges Klima für die Etablierung einer multiethnischen Gesellschaft. Es herrscht kein Klima, das die Integration der Nachfahren der afrikanischen Sklaven in die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben fördert.
Ein Teil der Begründung zur Enthaltung der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union war die Formulierung als »schwerstes Verbrechen«, die Verwendung des Superlativs. Die Europäer behaupteten, das würde ihre These der Singularität des Holocaust angreifen. Was halten Sie davon?
Ich halte es für das dümmste Argument, das man sich ausdenken kann. Sie wehren sich damit gegen eine Hierarchisierung des Rechts. Aber: Das Recht war immer schon hierarchisch. Deshalb wird Ladendiebstahl nicht mit derselben Strafe geahndet wie Mord. Deshalb haben wir in Ghana das Amtsgericht, das Bezirksgericht, das Obergericht, die Berufungsgerichte und schließlich den Obersten Gerichtshof. Das zu Grunde liegende Argument gegen die Einführung einer Hierarchie von Verbrechen ist absolut töricht.
Der israelische Botschafter in Ghana und andere argumentieren, dass die Verbrechen nicht vergleichbar seien. Nun, schauen Sie sich die Zahlen an. Die historische Beweislage besagt, dass sechs Millionen Juden unter dem Holocaust gelitten haben. Die historischen Beweise zeigen, dass 15 Millionen Afrikaner unter dem transatlantischen Sklavenhandel gelitten haben. Wenn man den Vergleich rein zahlenmäßig betreibt, ist es doch offensichtlich. Betrachtet man nun die dauerhaften Auswirkungen dieser Verbrechen, so spricht das ebenfalls Bände.
»Wir schuften immer noch, um die Bankkonten derer zu füllen, die in den Vorstandsetagen der multinationalen Konzerne in den Kolonialmetropolen sitzen.«
Afrika ist der potenziell reichste Kontinent der Welt. Wir verfügen über zwei Drittel der weltweiten Ackerfläche. Allein in der Demokratischen Republik Kongo liegen Mineralvorkommen im Wert von etwa 74 Billionen Dollar im Boden vergraben. Und doch: Schauen Sie sich in Afrika um – die Verzweiflung, die Armut. Wo sonst findet man solche Zustände? In Israel? Nein. Israel ist nach wie vor eine Klassengesellschaft. Die Arbeiterklasse arbeitet in Israel zum Nutzen der Bourgeoisie. Aber selbst diese Arbeiterklasse ist viel besser geschützt als die afrikanische Arbeiterklasse.
Es ist für mich absolut klar, dass der transatlantische Sklavenhandel das schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist. Die Israelis argumentieren, dass dies die Tragweite des Holocaust schmälern würde. Das muss es auch. Sehen wir den Tatsachen ins Auge. Aber wer interessiert sich überhaupt für diese Debatte?
Die Europäer, insbesondere die Deutschen. Dafür gibt es historische Gründe. Viele davon sind meiner Meinung nach falsch, weil wir die falschen Lehren aus unserer Geschichte ziehen. Anstatt Völkermorde und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bekämpfen, unterstützt Deutschland den von Israel begangenen Genozid… Aber dennoch sind diese Argumente weit verbreitet...
Gut, es gibt Gründe dafür, aber das ist wirklich nicht unser Problem. Unsere Aufgabe ist es jetzt, nach Verabschiedung der Resolution, Wege zu finden, unser Volk zu mobilisieren, um uns der Aufgabe zu widmen, zumindest unsere Welt neu aufzubauen, neu zu ordnen. Die Ausbeutung dauert bis heute an. Wir schuften immer noch, um die Bankkonten derer zu füllen, die in den Vorstandsetagen der multinationalen Konzerne in den Kolonialmetropolen sitzen. Das müssen wir überwinden. Wir müssen unser Volk mobilisieren, um politische und wirtschaftliche Systeme aufzubauen, die es uns ermöglichen, unsere Ressourcen in unseren Besitz zu bringen und zu unserem Vorteil zu nutzen. Es geht uns nicht darum, die Debatte mit der zionistischen Bewegung oder mit den imperialistischen Mächten zu gewinnen. Das ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, zu diskutieren, wie wir von hier aus weiterarbeiten und welcher Weg am effektivsten ist, um unser Ziel zu erreichen.
Und was ist Ihrer Meinung nach der effektivste Weg, um Ihre Ziele zu erreichen?
Zwei Worte: Massenmobilisierung. Solidarität. Massenmobilisierung bedeutet, unsere Geschichte, die wahre Geschichte des afrikanischen Volkes, neu zu erzählen, um die Menschen zu mobilisieren. Diese Mobilisierung muss parallel an zahlreichen Fronten stattfinden. Ein Aspekt ist, dass die Abwertung der Afrikaner auch mit der Abwertung der afrikanischen Spiritualität zusammenhängt. Afrikanische Spiritualität und europäische Spiritualität müssen auf einer gleichberechtigten Ebene stehen. Außerdem müssen wir Narrative über Entwicklung und den Weg zur Entwicklung hinterfragen.
Und ich nenne Ihnen noch einen weiteren Aspekt unserer Geschichte, den wir neu erzählen müssen. Uns wird von afrikanischen Artefakten in europäischen Museen erzählt, die gestohlen wurden. Die Geschichte wird so erzählt, dass man denkt, es gehe um Trommeln und Schnitzereien und so weiter. Aber ist das die ganze Geschichte? Zu dem, was als Artefakte klassifiziert wird, gehören die Überreste unserer Vorfahren. Die Köpfe unserer Vorfahren, die Körper unserer Vorfahren. Die Überreste, die in diesen europäischen Museen aufbewahrt werden, sind die Überreste unserer Helden, jener, die sich der Ausbeutung widersetzten, jener, die sich der Herrschaft widersetzten, jener, die getötet wurden. In einigen Fällen wurden sie enthauptet und ihre Köpfe nach Europa gebracht. Heute sind sie in Ausstellungen zu sehen.
»Es gibt keine einzige Institution im Westen, die nicht auf dem Mehrwert aufgebaut wurde, der durch Sklavenarbeit erwirtschaftet wurde.«
Das aufzuarbeiten würde uns auch helfen, Missverständnisse bezüglich des transatlantischen Sklavenhandels zu bereinigen. Heute wird uns gesagt: »Die Afrikaner waren mitschuldig«, dass wir unser eigenes Volk verkauft hätten. Das ignoriert die Tatsache, dass es Widerstandskriege gab. Diejenigen, die diese Widerstandskriege führten, können wohl kaum der Mitschuld bezichtigt werden. Wenn wir mitschuldig wären, warum haben sie dann unsere Helden getötet? Warum werden die Leichname unserer Helden in Westeuropa ausgestellt? Wenn wir die Rückgabe dieser sogenannten Artefakte fordern, wird uns gesagt, wir seien nicht entwickelt genug, um diese aufzubewahren. Wir hätten keine so hochmodernen Museen. Das ist zutiefst beleidigend.
Es gibt noch ein weiteres lächerliches Argument. Die Europäer sagen uns: »Wir können doch nicht für Verbrechen verantwortlich gemacht werden, die von unseren Vorfahren begangen wurden.« Dieses Argument ist völlig unhaltbar. Die heutige Generation profitiert weiterhin von diesen Verbrechen. Ein Beispiel, das ich immer anführe, ist die Barclays Bank. Die Barclays Bank wurde von den beiden Barclay-Brüdern gegründet, die Sklavenhändler waren. Heute spielt die Barclays Bank eine zentrale Rolle in der europäischen Wirtschaft. Das ist ein Beitrag zum europäischen Fortschritt, der bis heute andauert. Wenn Europa also heute von den Geschäften der Barclays Bank profitiert, kann man nicht argumentieren, dass die Barclay-Brüder schon vor langer Zeit gestorben sind und die heutige Generation nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. Es gibt keine einzige Institution im Westen, die nicht auf dem Mehrwert aufgebaut wurde, der durch Sklavenarbeit erwirtschaftet wurde.
Ein weiteres Argument, das oft gegen Reparationszahlungen vorgebracht wird, ist, dass ein solcher Prozess zu kompliziert wäre. Man wüsste nicht, wer an wen zahlen müsste, welche Akteure, welche Institutionen …
Dieses Argument basiert auf der Annahme, dass die Forderung nach Reparationen auf Geld reduziert werden kann. Das ist falsch. Es ist eine Forderung nach einer Neuordnung der Welt. Daran kann sich jeder beteiligen. Wir wollen eine neue Welt aufbauen, in der Ressourcen nicht für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen verwendet werden, sondern zur Förderung der Gesundheit. Jeder kann sich an diesem Vorhaben beteiligen. Dieses Argument entspringt also einem Missverständnis von reparativer Gerechtigkeit.
Gibt es noch etwas, das die Menschen über Ihre Kämpfe wissen sollten?
Ein Argument, das wir hervorheben müssen, ist das Argument, dass wir unser eigenes Volk verkauft hätten. Nehmen wir der Argumentation halber einmal an, dass wir uns an diesem Handel mitschuldig gemacht hätten. Selbst wenn das zutreffen würde: Wie kann es denn sein, dass die Profite des Handels ausschließlich in Europa geerntet werden? Selbst wenn es also wahr wäre, dass unsere Vorfahren bereitwillige Komplizen waren, macht die Tatsache, dass sich die Profite nicht in Afrika, sondern in Amerika und Europa angesammelt haben, unser Argument für Reparationen nur noch stärker.
Und dann gibt es noch das Argument, dass afrikanische Staatsführer korrupt seien und dass reparative Gerechtigkeit letztendlich nur dazu führen würde, afrikanische Staatsführer zu bereichern. Das ist eine Beleidigung der Menschen Afrikas. Korruption ist kein ausschließlich afrikanisches Phänomen. Korruption ist universell. Korruption entspringt Systemen der Privilegierung. Diese gibt es überall. Was sind denn die Epstein-Akten, wenn nicht Zeugnis massiver Korruption? Wir sollten erstmal über die Lords im britischen Oberhaus sprechen, die Steuergelder zum Kauf von pornografischem Material nutzen, bevor wir Afrikaner der Korruption bezichtigen. Diese ganze Vorstellung, dass afrikanische Staats- und Regierungschefs besonders korrupt seien, ist ein Element eines zutiefst rassistischen Diskurses. Diesen dürfen wir nicht akzeptieren. Es ist Zeit, ihn zu überwinden.
Kwesi Pratt Jr. ist ghanaischer Journalist, Generalsekretär der Socialist Movement of Ghana, Chefredakteur der Zeitung Insight und Direktor von Pan African TV. Im Jahr 2025 veröffentlichte er das Buch Reparations: History, Struggle, Politics and Law mit einem Vorwort von John Mahama.