14. Juli 2026
Fast 150.000 Menschen sind seit September den britischen Grünen beigetreten. Während die deutschen Grünen im Bürgertum verharren, treibt Zack Polanski seine Partei nach links – zu Mietern, Migranten und einer Mittelschicht, die vom Abstieg bedroht ist.

Zack Polanskis Politik erinnert eher an Zohran Mamdani als an die deutschen Grünen.
Im Englischen redet man von »green shoots«, grünen Trieben: Spuren des Wachstums, die zu ungünstigen Zeiten einen Grund zur Hoffnung geben. Wie verbrannte Erde wirkte in den letzten Jahren die Parteienlandschaft in Großbritannien – zumindest wenn es darum ging, eine Politik links der Mitte zu betreiben. Unter der Parteiführung des gerade zurückgetretenen Regierungschefs Keir Starmer verließen Hunderttausende die Labour Party. Vom Ausschluss linker Kandidaten sowie Starmers volksfernem und unsolidarischem Kurs erschrocken, fanden sie sich plötzlich politisch heimatlos.
Die Zäsur verkörperte eine lächelnde Frau im pinken Hemd. Als sie Ende Februar die Bühne in einem Vorort Manchesters betrat, war die Grüne Hannah Spencer gerade in das britische Unterhaus gewählt worden. Bei einer Zwischenwahl besiegte die gelernte Klempnerin (mit erstaunlichen 40 Prozent der Stimmen) nicht nur die amtierende Labour-Partei, sondern auch die rechte Partei Reform UK.
In ihrer Siegesrede war die Botschaft eine kämpferische: »Wir haben es satt, dass aus unserer harten Arbeit andere ein Vermögen machen«. Wie der noch relativ neue Parteichef Zack Polanski bezog sie sich auf Milliardäre, die an Reform gespendet hatten, sowie auf rasant steigende Lebenshaltungskosten.
»Polanski betreibt keine ›grüne‹ Politik im klassischen Sinne. Vielmehr ist er als Vertreter eines linken Populismus zu verstehen, der sowohl Möglichkeiten als auch Gefahren birgt.«
Eine Politik also, die eher an die deutsche Linkspartei als an ihre grüne Schwestervereinigung erinnert. Oder eben an die so genannten »Gründungsgrünen«, die in der Ökologie- und Friedensbewegung verwurzelt waren. Die Rufe nach einem Systemwechsel sind schließlich von den Teilreformen weit entfernt, die die Bündnisgrünen in der Ampelkoalition vertraten.
Im Gegensatz zu Polanskis Verurteilung des britischen Unterstützungskurses während der Zerstörung von Gaza steht auch Annalena Baerbocks »feministische Außenpolitik« in einem wenig schmeichelhaften Licht. Letztendlich waren es mal deutsche Grüne, die sich gegen die Verachtung von Menschenleben wehrten. Doch auch Polanski betreibt keine »grüne« Politik im klassischen Sinne. Vielmehr ist er als Vertreter eines linken Populismus zu verstehen, der sowohl Möglichkeiten als auch Gefahren birgt.
Die Gründung erster grüner Parteien wird in der herrschenden Geschichtsschreibung einer »postmateriellen« Wende zugeschrieben. Demnach hätten jüngere Linke ihre Verortung in der kämpferischen Arbeiterklasse verloren. Nach dem Scheitern der außerparlamentarischen Opposition Anfang der 1970er Jahre erfolgte eine Mobilisierung durch die »neuen sozialen Bewegungen« – lose Vereinigungen, die sich gegen nukleare Aufrüstung, Umweltzerstörung und Patriarchat wehrten. Als in Deutschland 1980 die Grüne Partei gegründet wurde, knüpfte ihre radikale Ablehnung des Parlamentarismus und der Konsumgesellschaft an die marxistische Tradition an.
Doch in der Praxis lag ihr Schwerpunkt weniger auf der Mehrheitsbildung durch Klassenpolitik als auf einer bestimmten politischen Praxis. Diese »Anti-Parteien-Partei«, schreibt Historikerin Silke Mende, versuchte »nicht nach rechts oder links, sondern nach vorne« zu schauen. Die Alleinherrschaft der Basis sollte unter anderem das »Rotationsprinzip« garantieren, nach dem kein grüner Bundestagsabgeordneter mehr als zwei Jahre im Amt blieb.
»Das politische System in UK machte aus der Green Party of England and Wales allmählich einen Zufluchtsort für Aktivisten, die sich in den Volksparteien nicht durchsetzen konnten.«
In Großbritannien verlief die Sache etwas anders. 1972 ist die Green Party (die als PEOPLE getauft wurde) in ein Milieu hineingeboren, das keine Sozialbewegung umfasste. Sie war vielmehr Kind einer kleinen Gruppe Intellektueller, die sich mit der Wachstumsfrage auseinandersetzte. Der Club-of-Rome-Report erweckte existenzielle Sorgen um die Nachhaltigkeit der industriellen Moderne. Dieser begegneten die besagten Ökologen mit technokratischen und – wie im Falle von Edward Goldsmith, der sich malthusisch mit Bevölkerungsfragen beschäftigte – teils antihumanistischen Lösungen.
Eine feste Verankerung in der breiteren Bevölkerung hatte die Partei in Großbritannien nie: Ein Rekordergebnis von 15 Prozent bei den Europawahlen 1989 war laut Politikwissenschaftler E. Gene Frankland vor allem Wählern in ländlichen Gebieten zu verdanken, die bis dato für die Konservativen unter Margaret Thatcher gestimmt hatten.
Bei den deutschen Grünen handelte es sich jedoch von Anfang an um eine widersprüchliche Bewegung. Obwohl die Partei nach Mende »maßgeblich aus bürgerlichen Schichten rekrutierte«, vertrat sie eine »stark antibürgerlich gefärbte Agenda«. Als sich die parlamentarische Vertretung sowie eine Regierungsteilnahme als möglich erwiesen, folgte neben gemilderten Forderungen auch eine Professionalisierung.
Nicht zuletzt dank ihres Klassenprofils fiel dies zugunsten des moderateren »Realo«-Flügels aus. Wie der von Mende zitierte Ex-Sponti Joschka Fischer berichtet, war es unter manchen Aktivisten schließlich eine »Einsicht in die Alternativlosigkeit« gewesen, die den Ausschlag für die Parteigründung gab. Als sie in der Schröder-Regierung an die Macht kam, konnte die von Linksradikalen und Friedensaktivisten gegründete Partei allerdings keine Alternative konzipieren: weder zur Austerität der Agenda 2010 noch zum Afghanistan-Krieg.
»Während die deutschen Grünen die ›Realos‹ Annalena Baerbock und Robert Habeck an die Spitze wählten, war das Programm ihrer britischen Schwesterpartei zunehmend von der sozialen Frage geprägt.«
Genau diese Integration schaffte ihre britische Schwesterpartei angesichts des restriktiven Mehrheitswahlrechts in UK nicht. Im Endeffekt machte das politische System aus der Green Party of England and Wales (wie sie sich nach der Etablierung einer eigenen schottischen Vereinigung nannte) allmählich einen Zufluchtsort für Aktivisten, die sich in den Volksparteien nicht durchsetzen konnten. Da sie über kleinere Erfolge bei Kommunalwahlen nicht hinauskam, musste die Partei auch ihre Forderungen nicht mäßigen. Vielmehr bewegte sie sich nach links. Und das, obwohl Reformprogramme wie »Green 2000«, das zu einer Teilabschaffung basisdemokratischer Strukturen führte, Wahlerfolge sichern sollten.
Im Jahr 2010 konnten die Grünen an der englischen Südküste endlich Anker werfen. In der progressiven Hochburg Brighton erlangten sie mithilfe eines gut gezielten Wahlkampfes sowie einer überzeugenden Personalie ihr erstes parlamentarisches Mandat. Konsequent wehrte sich die Parteichefin Caroline Lucas gegen die Sparpolitik der regierenden Koalition aus Tories und Liberal Democrats. Durch ihr Auftreten wurde das Profil der heutigen Grünen deutlicher: Lynn Kennie beschreibt die Partei der 2010er Jahre als eine erkennbar »linkslibertäre«, die eine »Agenda der sozialen Gerechtigkeit« vertrat.
Während die deutschen Grünen ihre Verbindungen zur austeritätsbesessenen CDU durch die sogenannte »Pizza-Connection« pflegten, von der Basis gestellte Forderungen nach einer Vermögenssteuer nach und nach verdünnten, und die »Realos« Annalena Baerbock und Robert Habeck an die Spitze wählten, war das Programm ihrer britischen Schwesterpartei zunehmend von der sozialen Frage geprägt. Gleichwohl verließ nach 2015 manches Mitglied die Partei, um an einem neuen Projekt mitzuwirken: Als Jeremy Corbyn zum Parteichef von Labour gewählt wurde, schien sich ein linker Weg in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu bahnen.
Seit seinem Amtsantritt 2025 versucht Polanski, das Vakuum zu füllen, das Corbyn hinterlassen hat. Tatsächlich sind nach Starmers Aufstieg an die Parteispitze die Mitgliederzahlen Labours um schätzungsweise 200.000 geschrumpft; seit September 2025 haben sich dagegen fast 150.000 Menschen den Grünen angeschlossen. Das zeigt, dass die britischen Grünen ganz anders als die Deutschen eine radikale Anziehungskraft auf desillusionierte Wählerschaften ausüben.
Es ist Polanskis neuer Stil, der zu überzeugen scheint: Ein nach links gerichteter Populismus, der »Brot-und-Butter«-Themen in den Mittelpunkt stellt. So prangerte der Grünen-Chef »Rip Off Britain« an: Ein Land, in dem sich Vermieter auf Kosten Jüngerer und Ärmerer bereichern, Preise bei stagnierenden Reallöhnen in die Höhe schießen, und trotz unvorstellbarer privater Vermögen die öffentlichen Dienstleistungen dahinrotten.
»Während sich die deutschen Grünen auf Subventionen sowie Regulierung der Marktwirtschaft konzentrieren, wie etwa der Eklat um das Heizungsgesetz unter der Ampelregierung zeigte, reden Polanski und co. zunehmend von alternativen Eigentumsformen.«
Auch in der Behandlung von Umweltthemen unterscheiden sich die Parteien erheblich: Während sich die deutschen Grünen auf Subventionen sowie Regulierung der Marktwirtschaft konzentrieren, wie etwa der Eklat um das Heizungsgesetz unter der Ampelregierung zeigte, reden Polanski und co. zunehmend von alternativen Eigentumsformen. Eine Mahnung, dass auch Umweltfragen »materielle« sind – denn wer die Kosten für die Energiewende trägt, muss politisch entschieden werden.
Während die deutschen Grünen nach wie vor primär im Bürgertum Wählerstimmen rekrutieren, breitet sich die Basis ihres britischen Gegenstücks deutlich aus. Bei der Bundestagswahl 2025 waren es laut Infratest Dimap vor allem grüne Wählerinnen und Wähler, die ihre persönliche wirtschaftliche Situation als »gut« beschreiben würden: 91 Prozent der befragten Grünwählenden stimmten dieser Aussage zu.
In UK zeigte hingegen eine neuere Umfrage, dass die Green Party unter Menschen zwischen 18 und 50 auf dem ersten Platz liegt: Ein Umstand, der sich vor allem durch die sich verschlechternden Lebensbedingungen vieler ausgebildeter, politisierter und vor allem junger Wählender erklären lässt. Wie in der London Review of Books vor kurzem kommentiert wurde, spiegelt auch die politische Verwandlung Polanskis (ein einstiges Mitglied der Liberal Democrats) die »oft radikalisierenden wirtschaftlichen Erfahrungen von Millennials, die sich jetzt dem mittleren Alter annähern« wider.
Wenn es um strategische Orientierungspunkte geht, schaut Polanski ebenfalls weg von der grünen Parteifamilie auf dem Kontinent. Als Vorbild dient ihm Zohran Mamdani – Polanski soll sich mit dem Team des New Yorker Bürgermeisters ausführlich unterhalten haben. Auch die deutsche Linke Heidi Reichinnek gehört offenbar zu seinen Bezugspunkten. Beide betreiben einen linken Populismus, dessen Botschaft durch eine direkte Kommunikation mit der Basis mittels sozialer Medien erfolgt: Eine umso wichtigere Herangehensweise in UK, wo so viele etablierte Medien wenigen konservativen Reichen angehören.
»Wenn die Grünen kein dauerhaftes Klassenprofil entwickeln, bleibt Polanski ein Tribun gut gemeinter moralischer Entrüstung, dessen Vorhaben sich verwirren und verwässern lassen, je beliebter die Partei wird.«
Hinter Polanskis vor allem digitalem Angebot liegt aber auch eine Gefahr. Auf lange Sicht kann eine solche Strategie die Lebenswelten nicht ersetzen, die eine radikale Politik nachhaltig untermauern: Wo bleiben die Gewerkschaftsverbindungen, und inwiefern sind die Grünen wirklich in der Nachbarschaft verankert? Wenn sie kein dauerhaftes Klassenprofil entwickeln, bleibt Polanski ein Tribun gut gemeinter moralischer Entrüstung, dessen Vorhaben sich verwirren und verwässern lassen, je beliebter die Partei wird. Das Paradebeispiel dafür ist schließlich ihre grüne Schwesterpartei in der Bundesrepublik.
Außerdem zeigen Polanskis oft enttäuschende Auftritte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk die Risiken auf, die mit einer mangelnden Professionalisierung verbunden sind. Dass in der konservativen Presse auf seine fragwürdige Vergangenheit als Hypnotherapeut ständig hingewiesen wird, mag sehr wohl mit einer Schmutzkampagne zu tun haben. Dennoch wird es der Partei auf lange Sicht im Wege stehen, wenn sie keinen vor die Kameras stellen kann, der die wichtigsten Ideen gut im Griff hat. N
icht zuletzt deshalb entstehen parteinahe Organisationen wie die Denkfabrik Verdant, die vom ehemaligen Berater des Corbyn-Projektes James Meadway mitgegründet wurde und sich Wirtschaftsfragen aus linksgrüner Perspektive widmet. Die Partei muss ebenfalls mit Problemen umzugehen wissen, die bei einem rasanten Zuwachs entstehen: Die antisemitischen Posts einer Handvoll Kandidaten bei den Kommunalwahlen wurden zügig verurteilt, doch in Zukunft muss sich die Partei besser auf den Auswahlprozess vorbereiten.
»Die Greens haben immer auf eine Mitbestimmung der Basis gesetzt, die sich schwer mit dem neuen Führungskult übereinstimmen lässt.«
Einen Beitrag zur Radikalisierung der Partei haben linke Mitglieder über Jahrzehnte schon geleistet. Trotzdem ist das Polanski-Phänomen ein Novum. Denn die Greens haben immer auf eine Mitbestimmung der Basis gesetzt, die sich schwer mit dem neuen Führungskult übereinstimmen lässt. Dabei brechen sie mit einer eher antipopulistischen grünen Tradition, die sich bis vor Kurzem in Form der Doppelspitze widerspiegelte. Mit dieser neuen Strategie sind klare Risiken verbunden: Die Partei ist so stark wie ihre Spitzenfigur, dafür aber auch so schwach.
Damit sich das Projekt als nachhaltig erweisen kann, muss es neue Leute hervorbringen. Die Frage bleibt, ob Polanski wirklich mehrheitsfähig zu werden versucht. Wenn das der Fall ist, muss er mit Antworten auf die heißesten Fragen überzeugen. In der Debatte um die Einwanderung etwa muss er den Ton angeben, um sich nicht wie die deutsche Schwesterpartei dem Status Quo hinzugeben, sollten die Grünen – in welcher Form auch immer – an die Macht kommen.
Trotzdem gibt der Zuspruch, den die Grünen insbesondere unter jungen und migrantischen Wählerinnen und Wählern erfahren, Anlass zur Hoffnung. Er könnte den Beginn einer politischen Formation markieren, die ihre Interessen im Sinne einer kämpferischen progressiven Politik dauerhaft vertritt – auch dann, wenn auf Keir Starmer mit Andy Burnham ein Labour-Vorsitzender folgt, dessen politischer Kurs bislang unklar ist. Aus den green shoots müssen nun Bäume wachsen.
Alexander Jude Beard ist Doktorand an der University of Oxford.