13. Mai 2026
Die Islamische Republik hat eine staatsnahe Oligarchie an öffentlichen Gütern bereichert und der Mehrheit Austerität verordnet. Durch den Irankrieg steht jener Teil der Elite, der sein Geld mit Öl verdient, auch innenpolitisch nur noch stärker da.

Die iranische Bevölkerung ist die größte Verliererin dieses Kriegs.
Sieben Wochen lang haben US-amerikanische und israelische Luftstreitkräfte den iranischen Luftraum dominiert. Hohe Überwachungsflüge, Präzisionsschläge gegen militärische Infrastruktur und Wohnhäuser in Teheran sowie nahezu ungestörte Flugwege prägten die Anfangsphase des aktuellen Konflikts. Der Iran hat die Schläge allerdings weggesteckt und nicht mit verzweifelten Guerillataktiken, sondern mit Langstreckenraketen, massenproduzierten Drohnen und einer robusten Verteidigungsstrategie reagiert.
In den letzten Tagen vor der jüngsten Waffenruhe wurden zwei Kampfflugzeuge vom Typ F-15 und A10 Warthog mit Hilfe optischer Ortungssysteme von den iranischen Streitkräften abgeschossen. Ob es sich dabei um einen wiederholbaren technischen Erfolg oder eine zufällige Ausnahme handelte, bleibt abzuwarten. Unbestritten ist aber, dass es dem Iran gelungen ist, die Straße von Hormus für den Schiffsverkehr zu sperren. In Reaktion darauf stürzten die globalen Energiemärkte ins Chaos. Der Krieg ist zu einem weltweit spürbaren Ereignis geworden.
Auch die politische Lage im Iran selbst hat sich verändert. Noch im Januar war das Hauptthema vor Ort die Wirtschaft: Inflation, Wohnungsmarkt, Lebensmittelpreise. Das Austeritätspaket der Regierung von Massud Peseschkian hatte die Haushaltsbudgets ausgehöhlt – Zehntausende gingen deswegen auf die Straßen des Landes. Heute dreht sich die Debatte vor allem um Imperialismus. Der Krieg hat das materielle Leid nicht beseitigt, doch es wird nun in einem anderen Kontext besprochen. Für die Iranerinnen und Iraner geht es nicht mehr um Finanzpolitik oder Reformen von einzelnen Subventionen. Es geht um Souveränität versus Eingliederung in eine imperiale Ordnung, die bereits einen Großteil der Region bestimmt.
Donald Trumps unüberlegter Krieg hat deutlich gemacht, dass der Iran eine Besonderheit in der modernen Geschichte darstellt: Er ist ein neoliberaler, aber antiimperialistischer Staat – Austerität im Inland, antiimperialistischer Widerstand nach außen. Auf dem Papier mag dies wie ein Widerspruch wirken, in der Praxis ist es die Funktionslogik dieses Staates. Deshalb schwanken viele Menschen im Iran immer wieder zwischen Protesten gegen die heimische Austeritätspolitik und Solidaritätsbekundungen mit dem eigenen Staat – manchmal sogar innerhalb desselben Monats.
Der laufende Krieg begann im März 2026. Seine narrative Rechtfertigung wurde jedoch schon Monate zuvor geprägt. Im Dezember 2025 traf die Regierung Peseschkian – die normalerweise wenig Aufsehen erregt – vier aufeinanderfolgende finanzpolitische Entscheidungen, die zusammen ein ebenso hartes wie unerwartetes Austeritätspaket ergaben.
Erstens gab es eine Anpassung der Benzinpreise. Benzin wird im Iran nach wie vor stark subventioniert; die Preiserhöhung war in absoluten Zahlen gesehen nur geringfügig. Doch für Teheraner Verhältnisse war die Entscheidung mutig. Die letzte Erhöhung, sechs Jahre zuvor unter Hassan Rohani (Präsident des Iran zwischen 2017 und 2021), hatte gewalttätige Proteste ausgelöst. Der Schritt im Dezember 2025 wurde als Signal gewertet, dass der Staat gewillt ist, das vermeintlich Unantastbare anzutasten.
Hinzu kam zweitens ein Haushaltsentwurf, der die Gehaltserhöhungen im öffentlichen Dienst auf 20 Prozent begrenzte – deutlich unter der derzeitigen Inflationsrate. Auch die Löhne im privatwirtschaftlichen Sektor orientieren sich an diesem Wert. So schmälerte sich die Kaufkraft der Angestellten in der Mittel- und Arbeiterklasse in praktisch allen Wirtschaftsbereichen.
»Über einen Zeitraum von dreißig Jahren hinweg wurden aus Rohöl hergestellte Produkte – Kunststoffe, Petrochemikalien, Motoröl, industrielle Grundstoffe – nach und nach aus dem öffentlichen Besitz in die Hände der besagten staatsnahen Institutionen übertragen.«
Drittens bedeutete eine Erhöhung der Mehrwertsteuer – einer regressiven Verbrauchssteuer –, dass die Armen und die Arbeiterklasse nun relativ mehr für ihren täglichen Konsum zahlen. Gleichzeitig blieben die umfangreichen Steuerbefreiungen für Großkonzerne und religiöse Institutionen unverändert.
Als vierte und folgenreichste Entscheidung hob die Regierung den Wechselkurs an und vereinheitlichte ihn. Der offizielle Kurs stieg um fast 50 Prozent. Dementsprechend sank die iranische Kaufkraft um denselben Prozentsatz. Gleichzeitig wurden die subventionierten Dollar für lebenswichtige Nahrungsmittelimporte – lange Zeit als grundlegendes Versprechen des Staates verstanden, sein Volk zu ernähren – gestrichen. Brot, Speiseöl und Medikamente wurden plötzlich so bepreist, als würden iranische Familien in Dollar verdienen. Der Schock war unmittelbar und verheerend.
Diese Maßnahmen sind weder Zufall, noch sind sie spezifisch für die Präsidentschaft von Peseschkian. Sie sind eher der aktuelle Ausdruck einer Doktrin, die die iranische Wirtschaftspolitik seit drei Jahrzehnten prägt. Die Revolution von 1979 war noch ein volksnahes Projekt gewesen, mit Umverteilung von oben nach unten als Kern. Doch seit der Präsidentschaft von Ali Akbar Haschemi Rafsandschani (1989-97) hat sich der Staat stetig in Richtung Austerität und Umverteilung von unten nach oben bewegt.
Besonders radikal geschah dies unter Mahmud Ahmadineschad, der eine groß angelegte Privatisierung von staatlichen Assets in den Bereichen Öl, Stahl und Petrochemie einleitete. Diese Vermögenswerte wurden nicht auf einem freien Wettbewerbsmarkt verkauft, sondern vielmehr an diverse regierungsnahe »private« Einrichtungen übertragen – Pensionsfonds, undurchsichtige Konglomerate und Institutionen, deren Bilanzen die Grenze zwischen staatlichem Vermögen und privater Kapitalakkumulation verwischen.
Hier unterscheidet sich die Geschichte der iranischen Austeritätspolitik von ihren neoliberalen Pendants im Westen. In den USA oder in Europa bedeutete Neoliberalismus Deregulierung und Freihandel. Im Iran stand er hingegen für die stille Aushöhlung des grundlegenden Versprechens der Revolution. Seit dem Staatsstreich von 1953, in der Revolution von 1979 und in den Jahrzehnten danach dreht sich alles um eine einzige Frage: Wem gehören die nationalen Ressourcen, und wer profitiert davon?
Premierminister Mohammad Mossadegh antwortete in den 1950er Jahren: das Volk. Auch die Antwort der Revolution lautete: das Volk. Doch über einen Zeitraum von dreißig Jahren hinweg wurden aus Rohöl hergestellte Produkte – Kunststoffe, Petrochemikalien, Motoröl, industrielle Grundstoffe – nach und nach aus dem öffentlichen Besitz in die Hände der besagten staatsnahen Institutionen übertragen. Dass Benzin subventioniert blieb, war ein symbolisches Überbleibsel des alten Paktes: ein paar Cent pro Liter, um die Vorstellung von Verstaatlichung am Leben zu erhalten. Die wertschaffende Produktion wurden hingegen privatisiert.
»Der Staat zwingt seiner eigenen Bevölkerung globale Preisdisziplin auf, während er selbst vom globalen Handel ausgeschlossen ist. So verdient eine kleine oligarchische Klasse in Dollar – und bezahlt ihre Arbeitskräfte in der stetig abwertenden iranischen Währung Rial.«
Diese Produkte sind preislich so kalkuliert, dass sie mit den globalen Märkten konkurrieren können, obwohl der Iran durch Sanktionen faktisch von diesen Märkten abgeschnitten sein sollte. Das ist die Ironie im Kern des Systems: Der Staat zwingt seiner eigenen Bevölkerung globale Preisdisziplin auf, während er selbst vom globalen Handel ausgeschlossen ist. So verdient eine kleine oligarchische Klasse in Dollar – und bezahlt ihre Arbeitskräfte in der stetig abwertenden iranischen Währung Rial.
Als Trump das von Barack Obama ausgehandelte Atomabkommen aufkündigte und maximalen Druck ausübte, begann der Rial zu kollabieren. Die dollarabhängige Oligarchie war hingegen vor den schlimmsten Auswirkungen abgeschirmt. Tatsächlich profitierten etliche Personen aus der Elite, während normale Lohnempfänger die gesamte Last zu tragen hatten. Es zeigte sich: Die Schmerzen der Rial-Abwertung wurden auf die Allgemeinheit abgewälzt, die Gewinne privatisiert. Das ist die Logik des Neoliberalismus. Einst verstaatlichte nationale Ressourcen sind nun in Privathand. Der Geist von Mosaddegh lebt 2026 maximal an der Zapfsäule weiter; überall sonst stirbt er.
Somit wurden ab Dezember 2025 die materiellen Voraussetzungen für erneute Unruhen geschaffen. Die Hauptprobleme lagen in den Preisen für Lebensmittel und Wohnraum, nicht Benzin. Während die Inflation auf Rekordniveau war, führte der Staat ein regressives Steuersystem ein und schützte gleichzeitig die vermögende Klasse, die durch die internationalen Sanktionen paradoxerweise noch reicher geworden ist. Die Debatte auf den Straßen war also ökonomischer Natur: Es ging um Verteilungsgerechtigkeit. Es ging darum, wer für das Überleben des Staates bezahlt.
Die Demonstrationen begannen in ländlichen Gebieten und auf dem Basar von Teheran. Innerhalb einer Woche breiteten sie sich auf die großen Städte des Landes aus. Was als Protest gegen die ökonomischen Missstände begann, wurde durch Einmischung von außen rasch verändert: Reza Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des gestürzten Schahs, schürte das Feuer und rief öffentlich zur Eskalation auf. Iran International, der über Satellit empfangbare Sender mit nachgewiesenen Verbindungen zu israelischen Geheimdienstnetzwerken, verstärkte die Proteste und lieferte strategische Berichterstattung.
Was folgte, war die größte Tragödie in der jüngeren Geschichte des Iran. Innerhalb von zwei Tagen wurden Tausende getötet; viele weitere wurden verletzt. Die Details der staatlichen Repression sind grausam und gut dokumentiert.
Sowohl der Staat als auch das Pahlavi-Lager hatten ein Interesse daran, den ökonomischen Aspekt der Proteste zu verschleiern. Stattdessen wurden sie rasch als ein Konflikt zwischen zwei Weltanschauungen umgedeutet: Islamische Republik gegen monarchistische Restauration. Beide Seiten profitierten von dieser Darstellung, da keine von ihnen eine glaubwürdige Lösung für die materiellen Missstände hat, die die Menschen überhaupt erst auf die Straße getrieben hatten. Keine Seite hat eine Umverteilungspolitik anzubieten, keine will über die Mehrwertsteuererhöhung, den Devisenschock oder die steigenden Lebensmittel- und Mietpreise sprechen. So wurden die ökonomischen Auslöser der Proteste totgeschwiegen. Im Januar 2026 ging es aus Sicht der einen Seite um Stabilität, Sicherheit und Staatsverrat, für die andere um Freiheit und Demokratie.
Viele Iranerinnen und Iraner sind der Ansicht, das Narrativ von Freiheit und Demokratie hätte sich durchaus durchsetzen können, hätten Donald Trump und Benjamin Netanjahu nicht interveniert. Netanjahu hatte jedoch kein Interesse an einer Lösung der Krise im Iran und sah in den Unruhen stattdessen eine Gelegenheit, seine eigenen Ziele durchzusetzen. Er schlug Trump vor, den Iran zu bombardieren. Und Trump, immer auf der Suche nach einem leichten Sieg und beflügelt von einem aus seiner Sicht kompetent eingefahrenen, sauberen Sieg in Venezuela, entschied, dass jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Angriff sei.
»Keine Seite hat eine Umverteilungspolitik anzubieten, keine will über die Mehrwertsteuererhöhung, den Devisenschock oder die steigenden Lebensmittel- und Mietpreise sprechen.«
Wie wir inzwischen wissen, wurden die Angriffe auf den Iran weder kompetent noch sauber geführt. Sie führten nicht zu einem Regimewechsel, kosteten aber vielen unschuldigen Menschen das Leben, darunter 168 Schulmädchen direkt am ersten Tag des Krieges. Allein diese Tatsache trug mehr dazu bei, das antiimperialistische Narrativ des Staates zu stärken, als es jede Rede oder Predigt hätte tun können. Das iranische Regime konnte nun moralische Überlegenheit für sich reklamieren; man verteidigte die nationale Souveränität gegen zwei der stärksten Militärmächte der Welt.
Als Trump drohte, Brücken und Kraftwerke zu bombardieren, bildeten einfache Leute Menschenketten um diese Anlagen, um sie zu schützen. Es waren keine Soldaten der Islamischen Revolutionsgarde oder staatlich unterstützte Milizen, sondern eben jene Menschen, deren Kaufkraft durch die Währungsvereinheitlichung halbiert worden war; dieselben Menschen, die zusehen mussten, wie ihre Gehälter stagnierten, während die Inflation Rekordhöhen erreichte.
Mit anderen Worten: Der Krieg schuf eine Zweiteilung, die zuvor nicht so klar existiert hatte. Auf der einen Seite steht die Islamische Republik – mit ihren vielen Mängeln, ökonomischer Ungerechtigkeit, brutaler Repression, aber derzeitigem Image als Verteidigerin des Landes und seiner Souveränität. Auf der anderen Seite finden sich das Pahlavi-Projekt und seine imperialen Unterstützer, die weniger nationale Souveränität, dafür aber einen Platz am Tisch der Imperialisten anzubieten haben.
Für manche Außenstehende mag es seltsam erscheinen, doch es gibt einen beträchtlichen Teil der iranischen Bevölkerung, der möchte, dass sich das Land von seinen Verpflichtungen gegenüber regionalen Verbündeten löst und eine israelfreundlichere Haltung einnimmt. Israel hat in den vergangenen drei Jahren Zehntausende palästinensische Menschen im Gazastreifen und im Westjordanland getötet, doch für manche Iraner ist seine Existenz der Beweis dafür, dass ein Konzept funktionieren kann: ein nicht-arabischer, nicht-christlicher Staat im Nahen Osten, der nicht nur als Teil des US-amerikanischen Projekts für die Region akzeptiert ist, sondern aktiv die regionale Politik mitgestalten kann. Diese Iranerinnen und Iraner wünschen nicht unbedingt eine Rückkehr zur vermeintlich glorreichen Monarchie. Es geht vielmehr darum, eine isolationistische Politik hinter sich zu lassen und sich stattdessen in die aktuelle Weltordnung zu integrieren, koste es, was es wolle.
Diese Gruppe ist in der iranischen Politik nicht offiziell präsent. Ihre Anhänger verstehen das derzeitige System als grundsätzlich unveränderlich und kommen daher zu dem Schluss, dass eine vollständige Umstrukturierung einer Reformstrategie vorzuziehen sei. Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob der Krieg und die Schäden an der zivilen Infrastruktur einen nennenswerten Teil von ihnen dazu gebracht haben, ihre frühere Haltung zu überdenken. Doch eines ist klar: Viele Menschen im Iran haben sich angesichts des ausländischen Angriffs um die Flagge geschart und sich bereit gezeigt, das Heimatland zu verteidigen.
Für Iraner, die gegen die antiimperialistische Außenpolitik ihres Landes sind, dürfte die Frage eine politische sein: Steigende Arbeitslosigkeit und sich verschlechternde wirtschaftliche Bedingungen lassen sie paradoxerweise zu dem Schluss kommen, dass das Militär frühzeitig hätte kapitulieren und die Straße von Hormus offen lassen sollen. Sie sind der Ansicht, die Kosten des Widerstands seien zu hoch. Diese Position würde unhaltbar werden, wenn die Sanktionen tatsächlich aufgehoben würden. Das ist allerdings ein großes »Wenn«; die Zukunft ist unvorhersehbar.
»Der Staat kann gegenüber seinem Volk nicht transparent sein, ohne auch gegenüber seinen Feinden transparent zu werden. Also entscheidet er sich für Undurchsichtigkeit. Und Undurchsichtigkeit führt zu Ausbeutung und Abzockerei.«
Auch wenn die Narrative des iranischen Staates sowie seiner Kritiker es geschafft haben, ökonomische Fragen vorerst beiseitezuschieben, geht es im Kern des Krieges immer noch um materielle Gewinne. Die Antiimperialisten sehen den Krieg als Mittel, um ein Ende der Sanktionen auszuhandeln und die Straße von Hormus zu einer Einnahmequelle zu machen – der Madschles (Irans Parlament) arbeitet bereits an einem Gesetzentwurf, laut dem 70 Prozent der »Mauteinnahmen« für die Lebenshaltungskosten der Haushalte eingesetzt werden sollen. Die Pahlavi-Anhänger, die den Aufstieg der Saudis und Emiratis in den vergangenen zehn Jahren mit Neid beobachtet haben, wollen ebenfalls, dass die Sanktionen aufgehoben werden und der Iran prosperiert. Sie glauben ihrerseits, die Integration in die imperiale Ordnung sei der beste und stabilste Weg, um wirtschaftliche Entspannung zu erreichen.
Beide Seiten wollen also, dass die Sanktionen wegfallen. Beide wollen, dass sich die iranische Wirtschaft erholen kann. Der Unterschied liegt im Preis, den sie dafür zu zahlen bereit sind. Das Regime »bezahlt« mit Austeritätsmaßnahmen. Die andere Seite würde mit einer Verminderung der Souveränität bezahlen. Angesichts des Krieges sehen sich die Iranerinnen und Iraner gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden.
Die gegenwärtige Situation im Iran ist nicht zufällig entstanden. Es handelt sich nicht um politische Einzelentscheidungen, die sich mit einem neuen Präsidenten oder einem neuen Parlament einfach rückgängig machen lassen würden. Sie ist das strukturelle Ergebnis jahrzehntelanger Sanktionen und der Strategie, mit der der iranische Staat versucht, diese zu überstehen.
Ein wirklich antiimperialistischer Staat, der transparent und auf Umverteilung ausgerichtet ist und sich über ein breiter angelegtes Steuersystem statt undurchsichtiger Ölverkäufe finanziert, würde ein anderes Verhältnis zur Weltwirtschaft erfordern. Doch der Iran war in den vergangenen vierzig Jahren größtenteils von dieser Wirtschaft abgeschnitten. Er kann sein Öl nicht offen verkaufen. Er kann nicht offen Waffen oder Technologie beziehen. Er überlebt faktisch durch Täuschung: eine Tanker-Schattenflotte, Briefkastenfirmen in Drittländern, Raketenprogramme, die in keinem offiziellen Haushalt auftauchen. Diese Undurchsichtigkeit ist kein Versehen, sie ist eine Überlebensbedingung für den Staat.
Undurchsichtigkeit hat aber Konsequenzen. Wenn der Staat seine Einnahmen und Ausgaben verbergen muss, kann er auch gegenüber seiner eigenen Bevölkerung keine Rechenschaft ablegen. Dieselben Mechanismen, die Ölverkäufe vor US-amerikanischen Sanktionen verbergen, verbergen sie auch vor den iranischen Steuerzahlern. Der Staat kann gegenüber seinem Volk nicht transparent sein, ohne auch gegenüber seinen Feinden transparent zu werden. Also entscheidet er sich für Undurchsichtigkeit. Und Undurchsichtigkeit führt zu Ausbeutung und Abzockerei.
»Die neoliberale und die antiimperialistische Seite stehen im heutigen Iran nicht im Widerspruch zueinander; sie sind eins und dasselbe geworden.«
Die Austeritätsmaßnahmen der iranischen Regierung vom Dezember 2025 waren kein Verrat am antiimperialistischen Projekt. Sie waren dessen logische Fortsetzung: Den Rial abwerten, um das Budget aufzubessern. Regressive Steuern einführen, damit die einfachen Leute mehr zahlen. Die Dollarverdiener schützen, weil sie es sind, die Öl per Schattenflotte transportieren. Die neoliberale und die antiimperialistische Seite stehen im heutigen Iran nicht im Widerspruch zueinander; sie sind eins und dasselbe geworden.
Was würde eine Aufhebung der Sanktionen bringen? Weder die Islamische Republik noch ihre im Exil lebende Opposition haben sich in irgendeiner Weise für Verteilungsgerechtigkeit eingesetzt. Beide sind in dieselben dollargebundenen Netzwerke eingebettet, nur mit unterschiedlichen Geldgebern und Nutznießern. Wenn die Sanktionen aufgehoben werden, wird die Oligarchie die Vorteile für sich beanspruchen. Ja, die einfachen Leute könnten eine gewisse Verbesserung spüren, der Rial würde sich stabilisieren, die Inflation wohl besser in den Griff zu bekommen sein. Doch die grundlegende Struktur – eine Mischung aus staatlicher Macht und privater Bereicherung – würde bestehen bleiben.
Der aktuelle Krieg hat dafür gesorgt, dass die Menschen im Iran sich für eine von zwei Fraktionen entscheiden müssen. Doch keine von beiden bietet das, was normale Iranerinnen und Iraner tatsächlich brauchen: eine Wirtschaft, die für sie arbeitet und funktioniert statt ausschließlich für die Besitzenden.
Hamidreza Ahmadi ist Technologieexperte und Kommentator aus Teheran.