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02. Mai 2026

Israel zermürbt auch die Palästinenser, die nach 1948 geblieben sind

Wer nach 1948 in seiner Heimat blieb, gilt in der arabischen Welt heute oft als Verräter – und ist in Israel Bürger zweiter Klasse. Eine Reise zu Palästinensern, die zwischen Repression, Ohnmacht und kleinen Akten des Widerstands leben.

Heute haben viele Geschäfte des traditionellen palästinensischen Basars in Ost-Jerusalm geschlossen.

Heute haben viele Geschäfte des traditionellen palästinensischen Basars in Ost-Jerusalm geschlossen.

IMAGO / Middle East Images

Zurecht schauen wir vor allem nach Gaza, wenn wir uns mit palästinensischem Leid auseinandersetzen. Spätestens seit dem Oscar-prämierten Dokumentarfilm No Other Land wird auch wieder mehr über das Leben der Palästinenserinnen und Palästinenser in der Westbank gesprochen. Ost-Jerusalem fehlt in den meisten Diskursen. Und noch weniger denken wir bei palästinensischem Leid an diejenigen, die es geschafft haben, 1948 in ihrer Heimat zu bleiben: Palästinenser, die im heutigen Israel leben. Ihnen wird ein besseres Leben nachgesagt. Doch auch auf dieser Seite der Mauer, der »separation wall«, ist das palästinensische Dasein von Ängsten, Repressalien und Ohnmacht geprägt.

Ich bin im August letzten Jahres nach Palästina und Israel gereist, um meine Familie zu sehen und unsere Geschichten zu sammeln. Ich wollte mit so vielen Palästinenserinnen und Palästinensern wie möglich sprechen. Sie fragen, ob sie noch an Freiheit glauben, was sie in ihrem Alltag in einem repressiven Staat beschäftigt, und die Erzählungen der Älteren festzuhalten. In jeder palästinensischen Familie gibt es Nakba–Berichte, die Futter für zermürbende historische Romane wären. Ich werde versuchen, einiges davon so nah wie möglich wiederzugeben.

Der Nakba zum Trotz 

Im Zuge der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 ​wurden über ​750.000 Palästinenserinnen und Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben. Aber auch jene, die in Israel bleiben konnten, haben viele Grundstücke und Ländereien verloren. Bis heute erhalten palästinensische Gemeinden in Israel weit weniger staatliche Mittel als israelische. Der Mangel an Land und Beschäftigungsmöglichkeiten sorgt für sozioökonomische Ungleichheiten.

Palästinenserinnen, die die Nakba überstanden haben, sind einen harten Handel eingegangen. Meine Familie gehört zu dieser Gruppe Menschen. Sie blieb 1948, als die militante Hagana, aus der später die israelische Armee hervorgehen wird, in ihr Dorf bei Haifa eindrang. In der Nachbarstadt Akko vergiftete die Hagana das Wasser, hier töteten ihre Truppen Palästinenserinnen und Palästinenser und warfen sie mahnend den Berg herunter. Unten sammelten die Einwohner des Dorfes meiner Familie die Leichen ein. Wie konnte dieses kleine Dorf bestehen bleiben und nicht zerstört werden wie über 500 andere Dörfer? Es gibt viele Theorien, aber sicher ist sich niemand.

Heute leben auch einige jüdische Israelis in dem Dorf. Sie beteiligen sich nicht am familiären Nachbarleben. Sie schmücken ihre Autos mit israelischen Fähnchen, sie zeigen Präsenz. Würde ein Haus weiter Familie Ahmad eine palästinensische Flagge an ihr Auto kleben, um ihrer ethnischen Identität Ausdruck zu verleihen (auf dem Pass sind sie ja Israelis), so gäbe es eine polizeiliche Intervention. Vermutlich sogar Gefängnisstrafe. Seit Tag eins des israelischen Staates gehören Palästinenserinnen der niedrigsten sozialen Klasse an. Und viele dieser Menschen sagen: Das wird sich nie ändern.

»Seit Tag eins des israelischen Staates gehören Palästinenserinnen der niedrigsten sozialen Klasse an. Und viele sagen: Das wird sich nie ändern.«

Als ich im August 2025 am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv ankomme, ist etwas – für mich – Unfassbares passiert: Zum ersten Mal seit über zehn Jahren werde ich nicht stundenlang vom israelischen Sicherheitsdienst festgehalten. Normalerweise werde ich spätestens bei der letzten Passkontrolle etwas Entlarvendes gefragt (»Wie heißt Ihr Vater?« – Antwort: ein bekannter palästinensischer Nachname) und dann abgeführt.

In einem vom Rest des Flughafens abgeschirmten Bereich, in dem man insbesondere arabisch und muslimisch gelesene Menschen sieht, wird man in kleine Räume gezwungen und mit sich wiederholenden Fragen unter Druck gesetzt. Oftmals sind diese provokativ, um das Eskalationspotenzial zu erhöhen. Manchen Menschen wird nach Diskussionen der Einlass nach Israel langfristig verwehrt. Informierte Quellen sagen mir, dass die möglichen Gründe für den diesmal überraschend lockeren Umgang mit mir folgende sind: Die Sicherheits- und Geheimdienste haben gerade Wichtigeres zu tun und Reisende sollen nicht abgeschreckt werden. Ich bin baff, fast belustigt. Es besteht noch eine Art Image-Denken bei israelischen Autoritäten.

Die Tatsache, dass der größte Flughafen Israels Ben-Gurion heißt, ist eine Selbstverständlichkeit – so gibt es auch Straßen und Haltestellen, die nach Theodor Herzl oder der Hagana benannt sind – verursacht in mir aber jedes Mal ein lähmendes Gefühl. Sowohl Herzl als auch Ben-Gurion (ersterer gilt als Israels Gründungsvater, letzterer war Israels erster Premier) lassen sich durch Briefe, Reden etc. in ihrer Abneigung gegenüber Palästinenserinnen und Palästinensern zitieren. Beide bekräftigten ihre gewaltvolle Vertreibung, in vollem Wissen über ihr Handeln. Ben Gurion schrieb etwa 1947 in einem Brief: »Wir können die Araber Haifas und Jaffas verhungern lassen [wenn wir das möchten].«

Die Toten von Gaza sind unsichtbar

Am Flughafen gehen wir an Geiselbildern vorbei, um direkt auf Israels wichtigste Rechtfertigung für den Genozid aufmerksam gemacht zu werden. Eine nicht überraschende, aber doch intensive Leerstelle ist das Fehlen der zehn- wenn nicht hunderttausenden palästinensischen Opfer. Während im deutschen Alltag Israel-Sticker, die den Genozid leugnen, zumindest überklebt werden können, wird man vor Ort in Israel von Flaggen, Tags und Aufklebern nahezu erschlagen. Oft sehe ich die israelische Wunschkarte inklusive Westbank, Gaza und Golanhöhen, einmal auch als Tattoo eines Passanten. Bis zum letzten Tag kann ich mich nicht daran gewöhnen.

Auch Soldatinnen und Soldaten, die in Gaza starben, sind überall zu sehen – eine visuelle Konsequenz der israelischen Militär-Indoktrinierung. Die im Ausland als Kriegsverbrechen benannten Handlungen der israelischen Armee sind in Israel Heldentaten. Eine Realitätsverzerrung, die sich durch all die optischen Backpfeifen für Palästinenser in Israel bemerkbar macht.

Von Tel Aviv aus fahren wir über Benyamina nach Haifa. Der Anblick eines bewaffneten Menschen ist nichts Neues für mich. Ich war schon oft in der Heimat und habe schon als Kind meinen Vater gefragt, wieso so viele Israelis bewaffnet sind. Diesmal ist es trotzdem anders: Mir wird die gesamte Dimension der Situation bewusst. Ein jüdischer Israeli kann frei mit Pistole am Hosenbund herumlaufen. Was würde passieren, wenn es einer meiner Onkel täte? Was würde die israelische Polizei dem jüdischen Israeli durchgehen lassen, wenn er einen palästinensischen Israeli damit angreifen würde?

»Die meisten Palästinenserinnen in Israel wissen ungefähr, was in Gaza passiert, tun aber nichts, was über Unterhaltungen und Spenden hinausgeht.«

Als wir in Haifa ankommen, werde ich direkt in den Alltag meiner Familie und meiner Bekannten geworfen. Wie immer, regnet es direkt Einladungen zu großen Abendessen und jede Begegnung auf der Straße beginnt mit: »Ihr seid hier? Wieso habt ihr nichts gesagt? Kommt nachher zum Essen!« Am Tisch fehlt Politik nie. Ich frage: »Glaubt ihr noch an Widerstand in 48?« (so nennen Palästinenser das heutige Israel, das 1948 gewaltvoll eingenommen wurde). Das Gefühl von Ohnmacht dominiert jede Antwort. Wie vor einigen Jahren auf die Straße zu gehen, wird von den meisten kategorisch ausgeschlossen: »Du wirst direkt verhaftet.« Wenn ich sage: »Die Menschen in der Westbank doch auch«, ist die Antwort: »Wir haben so viele andere Probleme.«

Diese Probleme werden von Israel künstlich geschaffen. Bürokratisch, finanziell, aber auch die eigene Sicherheit betreffend. Es gibt schwere Fälle von Schutzgelderpressung in den palästinensisch bewohnten Teilen Israels. Nicht nur vom israelischen Geheimdienst ausgehend, sondern auch von Palästinenserinnen und Palästinensern selbst. Israel setzte von Beginn an auf eine »Divide and conquer«-Strategie: Drusen gegen Beduinen gegen 48er gegen aus der Westbank stammende Palästinenserinnen.

Heute wächst besonders in Haifa und Umgebung die Zahl krimineller Banden. Diese handeln vor allem mit Drogen und, das wird mir mehrfach nahegelegt, würden bewusst von der israelischen Polizei ignoriert. Viele meiner Gesprächspartner erklären, dass Israel einige der Gruppen mit Waffen ausstatten würde. Die Familien Abu Kleib und al–Hariri sind unter Palästinenserinnen und Palästinensern in Israel dafür bekannt, mit dem israelischen Inlandsgeheimdienst zusammenzuarbeiten. Ihnen wird nachgesagt, junge Palästinenser zu rekrutieren, die sich ihren Geschäften anschließen (Handel mit illegalen Substanzen und Waffen) oder neu organisieren. Bedeutet: Destabilisierung von innen.

Um uns bei unserem Aufenthalt flexibel bewegen zu können, leihen meine Begleitung und ich uns direkt zu Beginn einen Wagen bei einem Autovermietungsunternehmen. Im Büro angekommen, entdeckte ich ein Schild an der Tür. »Wir gewinnen« steht dort in hebräischen Buchstaben. Kurz darauf besuchen wir den Platz, an dem im Juni 2025 iranische Raketen landeten. Mir wird davon abgeraten, Fotos zu machen, da überall israelische Security präsent ist. »Zu lange gucken ist verdächtig«, sagen uns auch zwei ältere Herren, die zur Moschee gehen. Ich mache dennoch schnell ein mittelmäßiges Foto und mich überkommt ein Gefühl der absoluten Verwunderung. Wie verrückt, dass es diesen Angriff gab. Und wie verrückt, dass es für Palästinenserinnen nicht ratsam ist, dem Ort zu nahe zu kommen, da es glorifizierend wirken könnte.

Als wir weiterspazieren, entdecken wir Graffiti – unter anderem eines, das meines Erachtens die militärische Staatspropaganda hervorragend zusammenfasst: eine israelische Flagge neben einem Soldaten, an den sich ein Kind schmiegt. Daneben ein Löwe. Eine politische Praxis des Widerstands (Graffiti) wird hier umgewidmet, für die Botschaft, die bereits im Kindergarten kommuniziert wird: »Ihr lebt für das Land, ihr lebt, um für den israelischen Staat zu kämpfen.«

Ein Leben zwischen Repression und Anpassung

Die meisten Palästinenserinnen in Israel wissen ungefähr, was in Gaza passiert, tun aber nichts, was über Unterhaltungen und Spenden hinausgeht. Sie konsumieren israelische Produkte und fahren für »Urlaub« in die Westbank. Um die eigene Kultur praktiziert sehen zu können, um Abstand von der Realität in Israel zu gewinnen. Und auch, um günstig einzukaufen. Das hinterlässt bei mir einen fahlen Beigeschmack, aber auch die Frage, was das richtige Verhalten für palästinensische Israelis ist: Wem können sie wie gerecht werden?

Ich unterhalte mich mit einem Bekannten, der sich viel mit dieser Frage beschäftigt. Ich frage: »Menschen, die wie du immer wieder über Israels Politik reden und sie nicht ausblenden: Mobilisiert ihr euch?« »Wie denn?«, antwortet er. Er sei in vielen Gruppen, die politisch aktiv sind, man trifft sich in Haifa in Cafés, in denen ein reger Austausch politisch linker Personen stattfindet. Aber mehr nicht. Zu groß ist die Angst, erwischt zu werden. Verhaftet zu werden, wie etwa eine Nachbarin, die zu Beginn des Genozids einen Post zu Israels Völkermord geliked hatte.

Wir fahren nach Fareidis, ein palästinensisches Dorf, das etwa 30 Kilometer südlich von Haifa liegt. Mein Gefühl, wenn ich palästinensische Ortschaften in Israel besuche, ist immer überwältigend: Ich habe den Eindruck, Palästina zu erleben, wie es hätte sein können, wenn es keine gewaltvolle Eroberung gegeben hätte. Diese Dörfer haben es – den Umständen entsprechend – geschafft, ihre palästinensische Identität zu bewahren. Ich höre den Muezzin, rieche frisches Chlor (das typische Reinigungsmittel in palästinensischen Haushalten) und vernehme unfassbar viel Gehupe, gefolgt von schrillem Lachen. Es ist laut und bunt.

Neben dem regen Leben liegt aber auch eine Schwere in der Luft. Es ist schmutzig, die Straßen sind nicht geteert, es ist schwer, sich mit dem Auto fortzubewegen. Alles ist eng und es stinkt. Auch hier erzählen mir Menschen von den Problemen mit Banden, in denen sich vor allem junge Palästinenser organisieren würden. Wir sehen Teenager mit Waffen an ihren Jeans.

Wenige Tage später beginnen wir unsere Hauptmission: das Aufspüren ehemaliger palästinensischer Dörfer. Mit zwei unterschiedlichen Karten bewegen wir uns auf den Straßen. Auf dem einen Handy Google Maps, auf dem anderen eine Karte des historischen Palästinas geöffnet, auf der die Dörfer, die es heute nicht mehr gibt, eingezeichnet sind.

Eins unserer ersten Ziele ist Umm Azzeinat, ein Dorf, aus dem am 15. Mai 1948 alle Menschen vertrieben wurden. Wir treffen dort auf einen Mann, der am Rande der Straße einen Pavillon aufgebaut hatte und kochte. Er versorgt gerade eine Truppe israelischer Soldaten, als wir parken. Meine Begleitung geht auf den Mann zu – er stellte sich als Druse heraus.. Drusen haben zur Staatsgründung die Vereinbarung mit Israel ausgehandelt, ihre Söhne zum Militär zu schicken. Dafür erhalten sie Sicherheit durch staatliche Behörden. So war Israel direkt zu Beginn erfolgreich, eine Gruppe vom Rest zu spalten und zum Feindbild für andere zu machen.

»Mein Gefühl, wenn ich palästinensische Ortschaften in Israel besuche, ist immer überwältigend: Ich habe den Eindruck, Palästina zu erleben, wie es hätte sein können, wenn es keine gewaltvolle Eroberung gegeben hätte.«

Der Mann erzählt, dass oft Menschen aus anderen Ländern anreisen würden, um das zerstörte Dorf aufzusuchen. Die Suchenden seien Palästinenserinnen und Palästinenser aus der Diaspora, aber auch westliche, historisch interessierte Personen, die sich mit der palästinensischen Vergangenheit auseinandersetzen. Er erklärt uns den weiteren Weg zum Dorf und meine Begleitung kauft Manaqeesh von ihm, ein traditionelles Gebäck mit Gewürzen und Käse. Bei mir bleibt ein beklemmendes Gefühl angesichts dieses Widerspruchs zurück. Er betreibt einen Essensstand, dessen Klientel, wie er sagt, oft aus israelischen Streitkräften besteht, und hilft uns dann, einen Ort gewaltsamer Vertreibung – durch die Vorfahren genau dieser Menschen – zu finden?

In Umm Azzeinat angekommen, ist die Atmosphäre wie auf einem Friedhof. Die Häuser wurden damals von jüdischen Milizen und verbündeten Drusen zerstört, die Steine geklaut. Auf dem Boden entdecken wir Umrisse der einst stehenden Häuser. Die Familie eines Freundes, den ich in Berlin kennenlernte, wurde von hier vertrieben. Ich nehme einen Stein für ihn mit.

Während wir die Ruinen inspizieren, entdecken wir ein Auto. Zwei ältere Herren steigen aus und scheinen nach etwas zu suchen. Ich sehe ihre bisherige Beute: Kaktusfeigen. Ich dränge meine Begleitung, mit mir auf die beiden zuzugehen, damit wir uns ein wenig unterhalten können. Ich sage vorab, dass ich Journalistin bin, damit sie keine Angst bekommen. Politische Fragen aus dem Nichts sind grundlegend erst einmal beunruhigend: Arbeitet sie für den Geheimdienst? Möchte sie unbequeme Meinungen hören und sich unser Autoschild aufschreiben? Wir stellen uns mit Familiennamen vor und machen deutlich, dass wir aus Deutschland kommen, um unsere Geschichte nachzuspüren. Die Stimmung entspannt sich und die beiden erzählen, dass sie mit den Früchten noch etwas Geld verdienen, da die Rente nicht reiche.

Ich fragte sie, ob sie noch Hoffnung spüren, wenn sie an die Zukunft Palästinas denken. »Nein«, sagen beide. Sie erklären, ihnen mache vor allem zu schaffen, als Verräter in der arabischen Welt zu gelten. »Auch wir sind Opfer«, erzählte einer der beiden weiter. »Die palästinensischen Politiker in der Knesset vertreten uns nicht.« Sie würden sich nicht für die Interessen ihrer eigenen Leute einsetzen, sondern über fiktionale Dinge wie die Zweistaatenlösung sprechen. Solange es keine Vereinigung unterschiedlicher palästinensischer Parteien gebe, glaube er an keine politische Wirkung von innen, sagt einer der beiden. Im Januar 2026 haben sich die Parteivorsitzenden der vier wichtigsten palästinensisch geführten Parteien im Knesset, Hadash, Ta’al, Ra’am und Balad, als Vereinte Liste für die anstehenden Wahlen verbündet. Hintergrund sei die Notwendigkeit, die hohe Kriminalität in palästinensischen Gemeinden zu bekämpfen. Ich frage mich, was der ältere Herr dazu sagen würde. Könnte das für ihn Hoffnung bedeuten?

Zurück im Dorf meiner Familie erkundigen wir uns nach Menschen, die uns von ihren Erfahrungen zur Nakba–Zeit berichten könnten. Wir treffen zwei alte Frauen: Umm Abdallah* erinnert sich an die Kühe, die sie hielten, an im Dorf gefeierte Feste, an denen die Erwachsenen für die gesamte Einwohnerschaft kochten, während die Kinder herumtollten. Als sie sieben Jahre alt war, erzählt sie, mitten im Krieg im Jahre 1948, entdeckten zwei Männer aus Umm Azzeinat zwei jüdische Jungs, die sich verlaufen hatten. Sie brachten sie mit ins Dorf. Der Bürgermeister Umm Azzeinats habe dem Bürgermeister des jüdischen Dorfes Mishmar Ha’emek Bescheid gegeben, dass die Kinder gefunden wurden. Als Dank setzte sich der jüdische Bürgermeister für das palästinensische Dorf ein. Er habe die Vertreibung und Zerstörung vermeiden wollen. Als das bekannt wurde, habe sich der Bürgermeister des palästinensischen Dorfes Egzem, das etwa 5 Kilometer entfernt lag, eingeschaltet. Die alte Frau sagt, er habe Umm Azzeinat gedroht: »Wenn ihr euch verbündet und die Friedensflagge hisst, werden wir euch angreifen.« Umm Azzeinat habe sich für Loyalität entschieden, sagt die alte Dame. Keins der beiden Dörfer überlebte, alle Menschen wurden vertrieben.

»Ich fragte einen Verkäufer, wie es ihm in diesen Zeiten geht. Er lässt uns wissen, dass es noch nie schlechter war.«

Umm Zaki war sechs Jahre alt, als die Hagana Haifa einnahm. Die Truppen scheuchten Menschen in Richtung des Meeres, wo bereits Schiffe warteten. Ihre eigene Familie hat sie nicht mehr finden können. Sie blieb allein zurück, bis sie ein Nachbar zu einer Tante nach Akko brachte. Ihr Bruder ist damals nach Syrien geflüchtet. Über 20 Jahre nach der Nakba lief bei ihm das Radio – und nach all der Zeit hörte er die erwachsene Stimme seiner kleinen Schwester. Er stellte den Kontakt her, kam sie mit dem Roten Kreuz besuchen und war von da an wieder Teil ihres Lebens.

Ein weiteres Ziel unserer Suche ist Egzem. Der Mann in der Drogerie in Berlin-Mitte, in die ich regelmäßig gehe, kommt von dort. Das erzählt er mir bei einem Plausch an der Kasse. Ich weiß nicht, wo seine palästinensische Familie mittlerweile lebt, denn Palästinenser sagen üblicherweise, dass sie aus dem Ort kommen, aus dem ihre Vorfahren vertrieben wurden. Das hört man in der Westbank, in 48 und in Berlin. Vor Ort in Egzem muss ich ein wenig schmunzeln, als ich die riesigen Kakteen sehe, an denen noch alle Früchte hingen. Eine Ernte im August ist eigentlich ein wenig zu spät, wir finden aber dennoch ein paar gute Feigen. Ich schmunzle, weil Kaktusfeigen eine typische, uralte Obstart für Palästinenserinnen sind.

Die Bewohnenden des israelischen Dorfes Kerem Maharal, das auf Egzem errichtet worden war, haben dazu keinen Bezug. Sie lassen die Früchte verwesen, klettern nicht, wie Palästinenser im ganzen Land, die Hügel herunter, um ihre Tüten mit den süßen Früchten zu füllen. Zugezogene und Nachfolgende von Angesiedelten kennen das Land nicht. Diese Kakteen haben im Übrigen einen großen Widerstandscharakter. Sie wurden von Palästinensern damals unter anderem zur Abwehr gepflanzt, als die jüdischen Milizen die Dörfer überfielen. Bis heute markieren sie in einigen Fällen Standorte ehemaliger Dörfer.

In Egzem begutachten wir ein altes, verlassenes palästinensisches Gebäude. Schwere Eisenstäbe vor dem Haus hindern Menschen daran, es sich genauer anzuschauen. Eine kleine Eidechse klettert über die alten Steine. Dass es ein originales palästinensisches Haus ist, erkennt man an der Masse zwischen den Steinen. Bei alten Häusern ist es Kalk, also eine weiße, helle und bröckelige Masse. In den israelischen Nachbildungen ist es zumeist grauer Zement. Dass es überhaupt noch Überbleibsel gibt, lässt mich jedes Mal wieder staunen. Ich wollte über einen Zaun klettern, doch meine Begleitung hindert mich. Es waren schon einige Anwohner auffällig langsam an uns vorbeigefahren. Ein Anruf reicht.

Kein anderes Land

Bei einem nächtlichen Spaziergang durch Haifa gehen wir zu einem Helweyyat-Laden in Wadi Nisnas, einem Geschäft mit prächtigen Süßigkeiten wie Baklava und vor allem dem bekannten palästinensischen Dessert Knafeh. Wadi bedeutet Tal auf Arabisch – wenn man diesen Wortteil also auf Straßenschildern liest, weiß man sogleich, dass man sich an einem palästinensisch bewohnten Ort befindet. Wir bestellen und ich finde mich wieder in der Rolle der Journalistin. Ich fragte den Verkäufer, wie es ihm in diesen Zeiten geht. Er lässt uns wissen, dass es noch nie schlechter war. Normalerweise kamen auch Israelis gern in sein Geschäft, erzählt er. Ehemalige Soldatinnen und Soldaten, viele Menschen, von denen er weiß, dass sie seine Ethnie zwar nicht leiden können, aber sein Essen mochten. Dieser Kundenstamm sei seit dem 7. Oktober völlig weggebrochen. Die Antipathie gegenüber Palästinensern in Israel sei stark angestiegen, erklärt er.

Ich frage, wie er sich seine Zukunft unter diesen Umständen vorstellt. Er sagt den berühmten Satz: »Wo sollen wir sonst hin?« und: »Unsere Erde…soll ich sie ihnen überlassen?« Diese Antwort hörte ich immer wieder. Aber genau das ist der Punkt: Der Hauptgedanke ist, dass nicht zu gehen Widerstand bedeutet. Viele Palästinenserinnen in Israel fühlen sich schuldig. Es geht ihnen besser als der palästinensischen Bevölkerung in der Westbank, Ost-Jerusalem und in Gaza und dafür werden sie kritisiert. Sie wehren sich am wenigsten gegen die faschistische Regierung. Israel hat sie konditioniert und es geschafft, sie davon zu überzeugen, dass sich von innen heraus nichts ändern kann. Nicht durch die Politik und nicht durch die Zivilgesellschaft.

Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass meine Begleitung den Onkel des Süßwarenverkäufers kennt, der auch in Deutschland lebt. Eine typische Interaktion: Die palästinensische Diaspora kennt sich auch kontinentübergreifend. Die einen bleiben in der Heimat, geplagt von Rassismus und Benachteiligung. Die anderen verlassen das Land, um sich wo anders eine neue Existenz aufzubauen. Beide sind unglücklich. Beide haben das Gefühl, Verräter zu sein.

Bei unserem Ausflug nach Jerusalem einige Tage später treffe ich mich unter anderem mit einer Professorin. Sie sagt, wir säßen auf einem Pulverfass. Es könne jeden Moment wieder knallen. Vor allem mit dem Iran. Heute sehen wir: Diese Prophezeiung hat sich erfüllt. Ich laufe durch Ost-Jerusalem und spreche unterschiedliche Palästinenserinnen an, die versuchen, irgendwie finanziell zu überleben. Ein Mann fertigt eine Jutetasche für mich an und ich erkundige mich nach seiner Situation. Seine Antwort ist wenig überraschend. Ihn und den Süßwarenladen-Besitzer in Haifa verbindet Ohnmacht. Auch er antwortete: »Es ist beschissen. Aber wohin sonst?«. Der abnehmende Tourismus treffe ihn besonders.

In Jerusalem sei man vor allem auf religiöse Touristen angewiesen. Diese werden immer wieder von radikalen jüdischen Orthodoxen angegriffen, wenn sie die Aqsa-Moschee oder die Grabeskirche besuchen wollen. Viele Geschäfte des Suq, des traditionellen Basars, haben geschlossen. Manche langfristig, manche temporär. Uns begegnet beim Herumlaufen immer wieder die israelische Grenzpolizei. Laut einem Standbesitzer kontrolliert diese, ob auch ja keine »Palästina-verherrlichenden« Gegenstände verkauft werden. Stattdessen sehe ich immer wieder Magnete mit den Worten »Israel«.

Zurück in Haifa schaut sich eine Verwandte die Tasche an, die ich mir besorgt hatte. »Geh damit nicht raus«, sagt sie. »Wieso nicht?«, frage ich. »Da steht Jerusalem auf Arabisch drauf. Mit der Aqsa. Riskier’s nicht«, ist ihre Antwort. Es geht um eine Tasche, denke ich mir. Das ist doch absurd.

»In Wadi Nisnas ist man noch mutig. ›Fuck Israel‹ (lose übersetzt) lese ich auf Arabisch bei einem Spaziergang durch den Stadtteil auf einem Stromkasten.«

In Wadi Nisnas, einem palästinensischen Stadtviertel von Haifa, finde ich mehr als diese Tasche. In Vitrinen entdecke ich arabische, Palästina-bezogene Kalligraphie. Ich sehe Tatreez, also palästinensische, traditionelle Stickereien, mundgeblasenes Glas, bunte Drucke und vor allem: Schmuck. Mir fällt sofort ein Paar Ohrringe auf, auf denen in geschwungenen arabischen Buchstaben »Freiheit« steht. Wie kann dieser Laden in Israel bestehen?

»Bekommt ihr oft Probleme deswegen?«, frage ich die Besitzerin und zeige auf die Sammlung von Anstecknadeln, Ketten und Ohrringen. »Klar«, sagt die Verkäuferin. »Manchmal kommen Israelis und sorgen für Chaos. Wir hatten auch schon Siedler da, die extra herkamen, um uns einzuschüchtern.« »Aber ihr seid noch hier. Niemand hat versucht, euren Laden zu schließen?« »Noch haben sie uns nicht wegbekommen.«In Wadi Nisnas ist man noch mutig. »Fuck Israel« (lose übersetzt) lese ich auf Arabisch bei einem Spaziergang durch den Stadtteil auf einem Stromkasten. Eine palästinensische Flagge gibt es aber nirgends. Ja, es gibt Widerstand – aber im Rahmen. Dass die Anwohner hier wütend sind, hängt auch mit ihrer Wohnungssituation zusammen. So gibt es das staatliche Wohnungsbauunternehmen Amidar, das in Wadi Nisnas Wohnungen vermietet. Auch in eingenommenen, ehemaligen palästinensischen Gebäuden. Anwohnerinnen wird von Israel, so informierte Quellen, regelmäßig mit dem Abriss der Häuser gedroht.

In einem Falafelrestaurant finde ich ebenfalls Mikro-Widerstand. Meine Begleitung kennt den Besitzer und wir plaudern ein wenig mit seiner Frau. Ich frage sie nach den Bildern, die an der Wand hängen. Bilder von vor 1948 – das historische Palästina. Oder falls jemand Israelisches fragt: das historische Haifa. Momente unter Palästinenserinnen, die offen politisch sind, weiß ich immer besonders zu schätzen. Dieses Gefühl wird jedoch unmittelbar von der Realität abgelöst, als wir das Restaurant verlassen.

Beim Weiterlaufen entdecke ich nämlich die Bildungseinrichtung für Zugezogene. Es ist die Anlaufstelle für sogenannte »Law of Return«-Jüdinnen und Juden, die allein wegen ihrer jüdischen Identität (oder der Identität ihrer Vorfahren bis zu drei Generationen zurückliegend) die israelische Staatsbürgerschaft bekommen können. Es stehen einige Menschen vor dem Gebäude. So ein Ort direkt vor Wadi Nisnas, einer Oase palästinensischer Identität mitten in Israel. Er ist eine Erinnerung daran, wo man tatsächlich ist. Eine Erinnerung daran, dass manchen die Staatsangehörigkeit angeboten wird, während man anderen versucht, sie zu rauben.

*Ich nenne den Namen, da diese Person damit nicht in Gefahr gebracht wird (ihre Geschichte ist bereits bekannt). Bei Palästinenserinnen, die von aktuellen Umständen berichten, nenne ich aus Schutzgründen keine Namen.

Raya Petke ist Journalistin in Berlin und arbeitet für Radio, Podcasts und Print. Sie ist Teil des Netzwerks Kritischer Journalismus.