ABO
Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

28. Mai 2026

Wer kümmert sich um die Kinder?

Wenn Kinderbetreuung als private statt als gesellschaftliche Aufgabe behandelt wird, sind Krisen vorprogrammiert: Während Eltern und Erziehern immer mehr Arbeit abverlangt wird, brechen ihnen zugleich die institutionellen Stützen weg.

Wenn es um die Betreuung von Kindern geht, werden Eltern und Erzieher oft gegeneinander ausgespielt. Dabei wollen beide dasselbe: dass Kinder gut aufwachsen – ohne dass es jemanden zermürbt.

Wenn es um die Betreuung von Kindern geht, werden Eltern und Erzieher oft gegeneinander ausgespielt. Dabei wollen beide dasselbe: dass Kinder gut aufwachsen – ohne dass es jemanden zermürbt.

IMAGO / Frank Sorge

In Schweden werden nur wenige Institutionen so hochgehalten wie die Vorschule. Seit Jahrzehnten gilt die schwedische Kinderbetreuung als Beleg dafür, dass Geschlechtergleichstellung und ein starker Sozialstaat mit einer hohen Erwerbsbeteiligung koexistieren können. Die universelle Kinderbetreuung – eine der vielen progressiven familienpolitischen Reformen, die unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Olof Palme eingeführt wurden – ermöglichte den massenhaften Eintritt von Frauen in die Erwerbstätigkeit und versprach gleichzeitig professionelle Betreuung und frühkindliche Bildung, unabhängig vom sozialen Hintergrund.

Die schwedische Vorschule sollte kein Ort sein, an dem der Nachwuchs geparkt wird, während die Eltern ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen. Sie sollte für die Kinder pädagogisch, entwicklungsfördernd und emanzipatorisch wirken. Der Wandel war ebenso sprachlicher wie institutioneller Natur: Aus der »Kindertagesstätte« wurde die »Vorschule«; die »Kindergärtnerin« wurde zur »Erzieherin«. Nationale Lehrpläne wurden eingeführt und Kinderbetreuung neu definiert als ein soziales Recht sowie kollektives Bildungsprojekt statt als rein private Verantwortung der Familie.

Der Ausbau der schwedischen Kinderbetreuung beruhte auf einem grundlegenden sozialdemokratischen Versprechen: Betreuungsarbeit sollte nicht mehr ausschließlich von individuellen Familien getragen werden, und Frauen sollten wirtschaftlich weniger abhängig sein. Ebenso dürfe die Erziehung der Kinder nicht mehr ausschließlich von den (ungleichen) Ressourcen abhängen, die ihren Eltern zur Verfügung stehen. Dementsprechend wurde das System durch stark subventionierte Betreuungsgebühren und eine flächendeckende Versorgung zugänglicher gemacht.

Die Vorschulbetreuung der eigenen Kinder sollte kein Luxus mehr sein. Mit Schwedens »Höchstgebührensystem« wurde daher eine nationale Beitragsobergrenze für Vorschul- und Nachmittagsbetreuung festgelegt. Sie begrenzt, wie viel die Kommunen den Haushalten je nach Einkommen und Anzahl der Kinder berechnen dürfen. Da das System stark subventioniert ist, zahlen Eltern nur einen Bruchteil der tatsächlichen Betreuungskosten.

Pflege unter Beschuss

Der Besuch einer Vorschule war in Schweden nie gesetzlich verpflichtend, doch die Einschulungsquoten sind hoch. Etwa 86 Prozent der Kinder im Alter von einem bis fünf Jahren und knapp 90 Prozent der Kinder zwischen drei und fünf Jahren besuchen eine Vorschule. Sein Kind nicht zur Vorschule zu schicken, gilt zunehmend als soziales No-Go und wird oftmals mit vermeintlich »nicht anpassungsfähigen« Communities in Verbindung gebracht. So hat die schwedische Rechte 2025 vorgeschlagen, die Vorschule ab einem Alter von drei Jahren verpflichtend zu machen. Dies sei notwendig, um Kinder zu sozialisieren – insbesondere solche aus Bevölkerungsgruppen, die als nicht ausreichend in die schwedische Lebensweise integriert angesehen werden.

Der Vorschlag stieß auf heftige Kritik aus der Opposition, aber auch von Seiten der Pädagoginnen und Pädagogen selbst. Letztere warnten, angesichts des aktuellen Zustands der schwedischen Vorschulen seien Kinder möglicherweise sogar gefährdet und das Elternhaus – bis zu einem bestimmten Alter – ein weitaus besserer Ort für Kinder. Mit der Kritik an den gegenwärtigen Bedingungen hatten sie in Teilen Recht: Die Institutionen, die mit dem Versprechen einer gleichberechtigten und emanzipatorischen Betreuung eingeführt wurden, sind systematisch ausgehöhlt worden.

»Beschäftigte sehen sich zunehmend gezwungen, nicht nur in Bezug auf ihre eigenen Arbeitsbedingungen, sondern für die weitere Existenz öffentlicher Pflegeversorgung an sich zu kämpfen.«

In den vergangenen Jahrzehnten sah sich der schwedische Sozialstaat denselben Belastungen gegenüber, die in weiten Teilen des Westens zu beobachten sind: Austerität, Privatisierung, Missmanagement und chronischer Personalmangel. Angestellte in den Vorschulen berichten von unzumutbarer Arbeitsbelastung und stetig wachsenden Gruppengrößen. Als Resultat sehen einige Vorschulen sich nicht mehr in der Lage, die Betreuung und das Bildungsumfeld zu bieten, zu deren Bereitstellung sie offiziell verpflichtet sind.

Sichtbar gemacht wurde die Misere durch Bewegungen wie Förskoleupproret (der sogenannte »Vorschulaufstand«), bei dem Erzieherinnen und Erzieher gegen sich verschlechternde Bedingungen protestierten und warnten, dass die schwedische Kinderbetreuung ihren eigenen Idealen nicht mehr gerecht werde. Ihr Kampf steht stellvertretend für eine tiefergehende Krise in den schwedischen Sozialinstitutionen, seien es Schulen, Krankenhäuser oder Altenpflege: Die Beschäftigten sehen sich zunehmend gezwungen, nicht nur in Bezug auf ihre eigenen Arbeitsbedingungen, sondern für die weitere Existenz öffentlicher Pflegeversorgung an sich zu kämpfen.

In dem berührenden Dokumentarfilm The Unmeasurable porträtiert Nils Petter Löfstedt Frauen und Männer, die in Vorschulen, Pflegeheimen und in der häuslichen Pflege arbeiten. Sie berichten von Erschöpfung und Burnout. Am meisten scheint es sie aber zu schmerzen, wenn sie nicht in der Lage sind, die Pflege und Zuwendung zu bieten, die sie gerne geben würden.

Eltern gegen Erzieher

Bemerkenswert ist, dass sich die Kämpfe bislang meist nach oben richteten (gegen den Staat und die Kommunen, die für den Verfall der Infrastruktur verantwortlich sind), es in den vergangenen Jahren aber zunehmend eine horizontale Verlagerung gab: Es entstanden vermehrt Konflikte zwischen Eltern und Vorschulpersonal. Erzieherinnen und Erzieher kritisieren Eltern, diese ließen ihre Kinder teilweise den ganzen Tag in der Betreuung und stellten Karriere oder eigene Freizeit über die Zeit mit ihrem Nachwuchs.

Ich selbst habe während meines Studiums in mehreren Kindertagesstätten gearbeitet und erinnere mich, wie das Personal mit den Augen rollte, wenn Eltern ihre Kinder möglichst früh am Morgen abgaben und kurz vor Schließung wieder abholten. In viralen Social-Media-Beiträgen wird sich über Eltern lustig gemacht, die vor dem Abholen lieber ohne Kinder einkaufen gehen oder die staatliche Kinderbetreuung nutzen, obwohl sie gleichzeitig Elternzeit für jüngere Geschwister nehmen.

Viele Eltern sehen sich ihrerseits in einer dramatischen Situation. In vielen Gemeinden haben arbeitslose Eltern oder Menschen im Elternurlaub lediglich Anspruch auf fünfzehn Stunden Kinderbetreuung pro Woche; eine Vollzeitbetreuung ist für sie nicht vorgesehen. Trotz aller hochtrabenden Reden über die Vorschule als pädagogischen, entwicklungsfördernden und emanzipatorischen Ort für Kinder, droht sie zu einer privilegierten Institution zu werden, die vor allem Familien mit festem Arbeitsplatz und ohne jüngere Geschwister zu Hause zur Verfügung steht.

»Das ursprüngliche Versprechen der schwedischen Kinderbetreuung lautete nicht, dass Eltern die Verantwortung für ihre Kinder abgeben. Vielmehr sollte die Betreuung selbst zu einer kollektiven gesellschaftlichen Aufgabe werden.«

Ebenso leiden viele Menschen unter dem Druck, »gute Eltern« zu sein. Verlangt wird eine möglichst umfassende emotionale Präsenz, frühes Abholen von der Kita, reduzierte Arbeitszeiten und nahezu vollständige Hingabe für die eigenen Kinder. Von Familien wird erwartet, dass sie Vollzeitbeschäftigung mit ähnlich arbeitsintensiven Erziehungsnormen unter einen Hut bringen. Wenig überraschend sind davon insbesondere Mütter betroffen.

Das Resultat ist ein tiefgehender moralischer Konflikt, in dem sich beide Seiten im Stich gelassen sehen: Eltern fühlen sich des Egoismus bezichtigt, während sie versuchen, die Anforderungen von Lohnarbeit und moderner Elternschaft gleichzeitig zu bewältigen. Erzieherinnen und Erzieher fühlen sich gezwungen, den Rückzug des Staates auszugleichen, während von ihnen verlangt wird, unter unmöglichen Bedingungen emotional anspruchsvolle Betreuung zu leisten. Eltern und Vorschulpersonal werden so gegeneinander ausgespielt; die grundlegenden strukturellen Probleme bleiben hingegen ausgeblendet.

Versprechen nicht erfüllt

Die Frage, wer sich um die Kinder kümmern soll, ist letztlich untrennbar mit einer anderen Frage verbunden: Wie ist die gesellschaftliche Reproduktion im Kapitalismus organisiert? Feministische Marxistinnen wie Emma Dowling haben argumentiert, die kapitalistische Ordnung erzeuge eine Betreuungskrise, die sowohl erwerbstätige Pflegekräfte als auch erwerbsarbeitslose Betreuende trifft, indem die öffentliche Versorgung mit Betreuungsangeboten abgebaut und wir alle dazu gezwungen werden, sowohl im Beruf als auch zu Hause härter zu arbeiten. Weder Eltern noch Erziehungspersonal haben die Bedingungen geschaffen, die zu dieser Krise führten. Eltern arbeiten auf Märkten, die von langen Arbeitszeiten, ökonomischer Unsicherheit und der Notwendigkeit eines doppelten Einkommens geprägt sind. Erzieherinnen und Erzieher arbeiten in Einrichtungen, die seit Jahren Kürzungen und Reformen im Namen vermeintlicher Effizienz hinnehmen müssen.

Doch anstatt kollektive Forderungen nach kürzeren Arbeitszeiten, einer Aufstockung der Sozialausgaben und einer wirklich gesamtgesellschaftlichen Infrastruktur für Kinderbetreuung zu stellen, wird der Konflikt oft in moralisches Urteilen über individuelle Entscheidungen verlagert. »Warum bekommst Du Kinder, wenn Du Dich nicht selbst um sie kümmern willst?« »Verstehst Du nicht, dass Dein Kind Dich braucht?« »Warum wirst du Erzieherin, wenn Du es Eltern übelnimmst, dass sie ihre Kinder in die Betreuung bringen?«

»Wir müssen uns fragen, warum die kapitalistische Gesellschaft nach wie vor kaum bereit ist, sich auch nur ansatzweise an Pflegebedürfnissen zu orientieren.«

Das Tragische daran ist, dass die meisten Eltern, Erzieherinnen und Erzieher objektiv gemeinsame Interessen haben. Beide Gruppen leiden unter dem Spannungsfeld zwischen steigenden Arbeitsanforderungen und dem Abbau der Infrastruktur für Kinderbetreuung. Es wird erwartet, dass gesamtgesellschaftlich notwendige Arbeit von Einzelpersonen übernommen wird, entweder in Form unbezahlter Elternarbeit oder durch eine zunehmend unmöglich gemachte Care-Erwerbsarbeit.

Das ursprüngliche Versprechen der schwedischen Kinderbetreuung lautete nicht, dass Eltern die Verantwortung für ihre Kinder abgeben. Vielmehr sollte die Betreuung selbst zu einer kollektiven gesellschaftlichen Aufgabe werden. Dieses Versprechen ist nicht eingelöst worden. Das liegt nicht daran, dass zu viele Eltern egoistisch sind oder Erzieherinnen sich nicht (mehr) ausreichend kümmern. Es ist nicht eingelöst worden, weil die Institutionen, die zur Erhaltung der gesellschaftlichen Reproduktion erforderlich sind, systematisch untergraben und ausgehöhlt wurden, während Erwerbsarbeit immer mehr Raum im Alltag einnimmt.

Deswegen sollte es in der Debatte nicht darum gehen, ob Eltern sich genug um ihre Kinder kümmern. Sie sollte sich auch nicht darauf beschränken, wie längere Öffnungszeiten der Kitas es Eltern ermöglichen, Vollzeitarbeit mit Kindererziehung zu vereinbaren. Stattdessen müssen wir uns fragen, warum die kapitalistische Gesellschaft nach wie vor kaum bereit ist, sich auch nur ansatzweise an Pflegebedürfnissen zu orientieren. Und wir müssen uns fragen, welche Auswirkungen dieses Versagen auf uns alle hat – nicht als Kontrahenten, sondern als Menschen, die kollektiv unter denselben Bedingungen leben und leiden.

Evelina Johansson Wilén ist Associate Professor für Gender Studies an der Örebro Universität in Schweden. Sie ist Mitglied der Redaktion der marxistischen Theoriezeitschrift Röda Rummet sowie Autorin eines Buches über Familienabolitionismus, das 2026 bei La Fabrique erscheinen wird.