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Das Online-Magazin von JACOBIN Deutschland

22. Juni 2026

Von der Kohle zur KI-Kriegswirtschaft

Microsoft baut im Rheinischen Revier ein Rechenzentrum und NRW wirbt mit Strukturwandel und Arbeitsplätzen. Doch wer Rechenleistung für KI baut, baut auch Infrastruktur für Drohnenkrieg und Überwachung.

CDU-Politiker beim Spatenstich für das Microsoft-Rechenzentrum im Rheinischen Revier.

CDU-Politiker beim Spatenstich für das Microsoft-Rechenzentrum im Rheinischen Revier.

IMAGO / Marc John

Auf einem Acker nahe der Gemeinde Bergheim im rheinischen Braunkohlerevier stehen zwei große Bagger. Dahinter ist ein riesiges Plakat zu sehen, auf dem groß der Slogan »KI für Deutschland« prangt, daneben das Logo des US-Konzerns Microsoft. Seit dem feierlichen Spatenstich durch Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Mona Neubaur von den Grünen im März entsteht hier eines von drei sogenannten Hyperscale-Rechenzentren von Microsoft.

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein ambitioniertes Wirtschaftsprojekt für die Region, offenbart auf den zweiten Blick den Ausbau von Infrastruktur, die global und regional eng mit militärischer Aufrüstung und staatlicher Überwachung verbunden ist. Denn weltweit entstehen gerade Rechenzentren. Sie werden den Menschen in ihrer Umgebung als neutrale digitale Infrastrukturprojekte verkauft, die Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Aufschwung für ihre Region versprechen sollen, liefern jedoch die notwendige Computing-Power für Kriegsführung und Überwachung. Die Entwicklung im rheinischen Revier ist dafür nur ein Beispiel von vielen.

Nach der Kohle kommt KI

Die Standorte der zukünftigen Microsoft-Rechenzentren Bergheim, Elsdorf und Bedburg sind kleine Orte in der Nähe der großen Tagebaue des Rheinischen Reviers. Unweit liegt auch der Ort Lützerath, der international zum Symbol für den Kampf um Klimagerechtigkeit wurde. Nun ist Lützerath zwar abgebaggert, aber der Widerstand hat zum Ende des Braunkohleabbaus in NRW geführt, spätestens 2033 werden die letzten RWE- Kraftwerke vom Netz genommen.

Das Ende des Braunkohleabbaus ist eine Zäsur für die Region. Jahrzehntelang prägten der Tagebau und die Verarbeitung der Braunkohle die Landschaft und vor allem den Arbeitsmarkt. Mit dem Ausstieg fallen bis zu 14.000 Arbeitsplätze weg, die in Verbindung mit dem Kohleabbau stehen. Das stellt die Region vor riesige Herausforderungen: Es braucht neue Projekte, um das Versprechen von zukunftssicherer Industrie und Arbeitsplätzen umsetzen zu können.

Das Land NRW setzt dafür voll auf Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und die Entwicklung neuer Technologien. Die Zukunftsagentur Rheinisches Revier, die zentrale Steuerungsinstitution für den Strukturwandel der Region, will das Revier zur »Digitalregion« machen. Unter dem offiziellen Motto »Von der Kohle zur KI« soll dort quasi ein rheinisches Silicon Valley entstehen. Zur Umsetzung des Strukturwandels will das Land insgesamt 14 Milliarden Euro bis 2038 investieren. Man erhofft sich infolge der Ansiedlung von Microsoft einen »Synergieeffekt« durch den Zuzug weiterer Tech- und Digitalunternehmen, die auf hohe Rechenleistung und Kapazität angewiesen sind. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst spricht von »Chancen für den Mittelstand«, denn mehr Rechenleistung soll die digitale Entwicklung vorantreiben und so neue Arbeitsplätze in der Region schaffen. Jedoch stellt die Landesregierung in ihrer eigens angefertigten Machbarkeitsstudie selbst fest, dass nur mit circa 2.030 Arbeitsplätzen im Rahmen der Digitalregion gerechnet werden kann. Spätestens hier stellt sich die berechtigte Frage, welchen Nutzen das Projekt Digitalregion tatsächlich hat.

»Im Angesicht noch fehlender Profite durch KI stützen sich die Tech-Unternehmen zunehmend auf die Entwicklung von Rüstungs- und Überwachungstechnologie, um Profite zu generieren und weiter Kapital für das KI-Wettrennen einzusammeln.«

Microsoft selbst hat ein strategisches Interesse am Standort des Rheinischen Reviers, denn hier kreuzen sich wichtige europäische Datenleitungen. Außerdem ist das Stromnetz gut ausgebaut, dank der Kraftwerke. Schneller Zugriff auf große Datenleitungen und eine stabile Energieversorgung sind beste Voraussetzungen für den Betrieb von stromfressenden Rechenzentren. Deshalb wundert es kaum, dass Microsoft hier für 3,2 Milliarden Euro in den Bau von Rechenzentren investiert. Die geplanten Hyperscaler sind hochleistungsfähige Rechenzentren, die in der Lage sind, riesige Mengen an Daten zu verarbeiten und große Mengen an Rechenkapazität für Cloud-Dienste und vor allem KI anzubieten. Nach Fertigstellung sollen die Rechenzentren voraussichtlich 520 Megawatt Strom verbrauchen, so viel wie circa 300.000 Haushalte zusammen.

Bisher gibt es in Deutschland noch kein solches Hyperscale-Projekt eines US-Big-Tech-Konzerns, jedoch werden diese in Zukunft wahrscheinlich zunehmen. Weitere Standorte für solche Projekte sind politisch gewollt. In der kürzlich veröffentlichten »Rechenzentrumsstrategie« der Bundesregierung werden insbesondere die Region Brandenburg und das Rheinische Revier als geeignete Standorte für weitere Hyperscale-Rechenzentren ausgewiesen. US-Konzerne wie Microsoft haben daran großes Interesse, denn zum einen können sie so ihre Computing-Power ausbauen, zum anderen aber auch für ihr Europa-Geschäft die Illusion souveräner Datenkontrolle aufrechterhalten und so trotz der volatilen Beziehungen europäischer Staaten zu den USA weiterhin am europäischen Markt bestehen.

Der KI-Boom frisst Strom und Kapital

Rechenzentren sind der technologische Flaschenhals der KI-Entwicklung, denn für das Training von KI-Anwendungen mit immer größeren Datenmengen braucht es eine große Menge an Rechenleistung, die in Rechenzentren durch den Betrieb von GPU-Prozessoren ermöglicht wird. Je mehr Rechenleistung, desto mehr Chips müssen untergebracht und mit Strom versorgt werden und desto gigantischer werden die dafür benötigten Rechenzentren. Im US-Bundesstaat Tennessee ist nun das erste Gigawatt-Rechenzentrum Colossus des Musk-Konzerns xAI in Betrieb gegangen, es verbraucht bis zu 1,4 Gigawatt Strom, weitere Gigawatt-Rechenzentren sollen folgen.

»Der Markt für militärische KI soll in den USA bis 2028 auf fast 39 Milliarden US-Dollar anwachsen.«

Global explodiert der Markt für Rechenzentren daher, angetrieben durch die entstandene KI-Blase. Der Hype um die durch KI zu erwartenden Gewinne führt zu astronomischen Investitionen in diese Technologie. Gerade erst haben die US- Big-Tech-Konzerne ihre Investitionssummen für 2026 auf insgesamt 720 Milliarden US-Dollar erhöht. Der Hauptteil davon fließt in den Ausbau von Rechenzentren. Dabei geht es natürlich um eine Wette auf die Zukunft, denn bisher lassen sich Gewinne nicht realisieren und die Zweifel daran wachsen zunehmend.

Um diese Gewinne tatsächlich zu erreichen, müssen die Investitionssummen weiter steigen und auch mindestens zwei Billionen US-Dollar Einnahmen durch KI generiert werden, um profitabel mit dem Infrastrukturbedarf mithalten zu können. Denn der Bedarf an Rechenleistung im KI-Wettrüsten übersteigt längst die geplanten Investitionssummen.

Wenn Rechenleistung tötet 

Im Angesicht noch fehlender Profite durch KI stützen sich die Tech-Unternehmen zunehmend auf die Entwicklung von Rüstungs- und Überwachungstechnologie, um Profite zu generieren und weiter Kapital für das KI-Wettrennen einzusammeln. Diese Entwicklung ist Teil dessen, was der US-Wissenschaftler William I. Robinson als »militarised accumulation« bezeichnet. Dies ist ein Prozess, bei dem Unternehmen immer stärker die Entwicklung und den Einsatz von Technologien zur Kriegsführung und Überwachung vorantreiben, um so angesichts globaler wirtschaftlicher Stagnation weiter Kapital zu akkumulieren. Insbesondere die neuen digitalen Technologien und die Milliardäre, die sie kontrollieren, treiben diese Umstrukturierung der Ökonomie voran, denn sie kontrollieren zusammen ein Vermögen von mehr als 83 Billionen Dollar, was mehr als vier Fünfteln des weltweiten BIP entspricht.

KI ist dabei längst zur strategischen Schlüsseltechnologie für Militär und Geheimdienste geworden. Der Markt für militärische KI soll in den USA bis 2028 auf fast 39 Milliarden US-Dollar anwachsen. Das Pentagon vergab erst kürzlich neue Aufträge an sieben KI-Unternehmen zur Weiterentwicklung militärischer KI-Fähigkeiten und um Cloud-Dienste auf allen Geheimhaltungsstufen zu betreiben, von nicht klassifiziertem Datenverkehr bis hin zur höchsten Geheimhaltungsstufe. Die Verflechtung zwischen den Big-Tech-Unternehmen, der Rüstungsindustrie und Militär und Geheimdiensten ist mittlerweile so untrennbar, dass das US-Verteidigungsministerium im letzten Jahr sogar führende Mitarbeiter von KI-Tech-Unternehmen zu Oberstleutnanten der US-Armee- Reserve ernannte.

»Die Verflechtung zwischen den Big-Tech-Unternehmen, der Rüstungsindustrie und Militär und Geheimdiensten ist mittlerweile so untrennbar, dass das US-Verteidigungsministerium im letzten Jahr sogar führende Mitarbeiter von KI-Tech-Unternehmen zu Oberstleutnanten der US-Armee- Reserve ernannte.«

Im Zentrum der militärischen Nutzbarkeit von KI steht jedoch das Rechenzentrum. Die Cloud ist nicht in den Wolken, sondern in riesigen Server-Anlagen. Diese bilden die materielle Infrastruktur der KI-Ökonomie und die infrastrukturelle Grundlage moderner Kriegsführung. Ohne ihre Rechenleistung wären viele heutige Cloud-Anwendungen, Überwachungssysteme und KI-gestützte Militärtechnologien nicht funktionsfähig. In ihnen werden jene gigantischen Datenmengen verarbeitet, die notwendig sind, um KI-Modelle zu trainieren, Bewegungsprofile zu erstellen, Gesichtserkennung einzusetzen oder automatisierte Entscheidungen in Echtzeit zu treffen.

Welche Folgen dies in modernen Kriegen hat, zeigt das Vorgehen des israelischen Militärs in Gaza. Israel nutzte unter anderem die Cloud-Infrastruktur von Microsoft Azure, um Daten über Palästinenser zu speichern und auszuwerten. Auf Grundlage solcher Daten können Bewegungsprofile erstellt, Personen per Gesichtserkennung identifiziert und Angriffsziele algorithmisch bestimmt werden. Das israelische Militär setzt dafür spezielle KI-Systeme ein, die massenhaft potenzielle Ziele generieren.

Im Angriff der USA und Israel auf den Iran zeigt sich die Richtung zukünftiger Kriege. Militärische Überlegenheit hängt zunehmend davon ab, Informationen möglichst schnell verarbeiten, Entscheidungsprozesse verkürzen und mit minimaler menschlicher Beteiligung ausführen zu lassen – kurz gesagt, die sogenannte »Kill Chain« massiv zu verkürzen. Durch den Einsatz KI-gestützter Zielsysteme konnten innerhalb der ersten 24 Stunden des Iran-Krieges über 1.000 Ziele angegriffen werden – ein Tempo, das mit rein menschlicher Zielauswahl kaum vorstellbar wäre.

Zivile und militärische Grenzen verschwimmen 

Die zunehmende Verflechtung von Tech-Konzernen, KI-Entwicklung und militärischen Interessen vollzieht sich jedoch nicht nur in den USA. Auch in Deutschland werden politische und wirtschaftliche Strukturen geschaffen, um digitale Technologien, Start-ups und Rüstungsindustrie enger miteinander zu verzahnen. Das Strukturwandelprojekt im Rheinischen Revier zeigt diese Entwicklung exemplarisch, denn auch hier werden digitale Infrastruktur und Rüstungsindustrie zu einem wirtschaftlichen Projekt gemacht und so der Prozess von »militarised accumulation« vorangetrieben.

Im Windschatten des Projekts zur Digitalregion vollzieht sich daher noch eine andere Entwicklung. Gerade entsteht dort das sogenannte »Production Launch Centre Defence (PLCD)«, das eine direkte Zusammenarbeit zwischen ziviler Digitalwirtschaft und Rüstungsindustrie, insbesondere im Bereich von KI vorantreiben will. Zum Aufbau des Zentrums führte die NRW-Ministerin Neubaur bereits Gespräche mit den Rüstungsunternehmen Rheinmetall und Lockheed Martin, angestrebt wird dabei aber vor allem die Zusammenarbeit mit Start-ups und neuen Technologieunternehmen.

»Auch in Deutschland werden politische und wirtschaftliche Strukturen geschaffen, um digitale Technologien, Start-ups und Rüstungsindustrie enger miteinander zu verzahnen.«

Passend dazu hat das Land NRW einen »Inkubator für Verteidigungstechnologie« unter dem Namen »Defence.Tech.NRW« aufgelegt. Mit diesem Förderprogramm sollen »innovative Start-ups bei der Entwicklung von Dual-Use- und Defense-Tech-Lösungen« mit insgesamt 25 Millionen Euro, finanziert aus EU-Mitteln, unterstützt werden. Diese Unternehmen sollen eingebettet in die Digitalregion in enger Zusammenarbeit mit Rüstungsunternehmen wie Rheinmetall an der Entwicklung neuer Kriegswaffen und militärischer Technologie arbeiten. In einem Interview mit dem Handelsblatt sagte Ministerin Neubaur dazu: »So können sich zivile und militärische Anwendungen gegenseitig befruchten – dual use at it’s best.«

Die dafür notwendige digitale Infrastruktur entsteht parallel mit den neuen Hyperscale-Rechenzentren von Microsoft. Die Landesregierung verbindet mit ihnen explizit die Hoffnung, dass neue KI- und Technologieunternehmen von der enormen Rechenleistung profitieren. Damit könnten künftig im Rheinischen Revier militärisch nutzbare KI- und Dual-Use-Technologien entwickelt, trainiert und betrieben werden – auf derselben Infrastruktur, die gleichzeitig als ziviles Digitalisierungs- und Strukturwandelprojekt vermarktet wird

NRW als Kriegsziel? 

Die zunehmende Verschmelzung von ziviler und militärischer Nutzung hat jedoch noch eine weitere Konsequenz: Rechenzentren selbst werden zu strategischen Zielen. Dieselben Cloud-Systeme, auf denen alltägliche Anwendungen, Dienstleistungen oder Zahlungsverkehr laufen, sind auch die Grundlage für die Entwicklung und den Betrieb militärischer Anwendungen.

Wie konkret diese Entwicklung bereits ist, zeigte sich im März 2026, als iranische Drohnen mehrere Rechenzentren von Amazon Web Services in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain angriffen. Die Angriffe führten zu erheblichen Ausfällen digitaler Dienste in der Region. Die Golfstaaten haben sich beim Aufbau ihrer KI-Infrastruktur eng an die USA und deren Big-Tech-Unternehmen gebunden. Für den Iran sind die Rechenzentren, in denen neben ziviler Cloud-Infrastruktur auch militärische Daten verarbeitet werden, daher ein legitimes Kriegsziel. Wenn KI-Modelle in zivilen Rechenzentren trainiert und anschließend für militärische Operationen eingesetzt werden, wird auch die Infrastruktur selbst zu einem militärischen Faktor.

»Wo heute unter dem Slogan ›KI für Deutschland‹ neue Rechenzentren entstehen, entstehen zugleich auch materielle Voraussetzungen einer digitalisierten Kriegswirtschaft.«

Damit stellt sich auch im rheinischen Revier eine grundlegende Frage: Was für eine Infrastruktur wird hier eigentlich aufgebaut? Die neuen Hyperscale-Rechenzentren sind nicht nur einfach Teil eines regionalen Digitalisierungsprojekts, vor allem dann nicht, wenn sie direkt neben einem zukünftigen Rüstungs-Hotspot liegen.

Der Strukturwandel im Rheinischen Revier steht damit exemplarisch für eine breitere Entwicklung: den Umbau von Industrie- und Digitalpolitik hin zu einer Ökonomie, in der Rechenleistung, Datenverarbeitung und KI zunehmend militärisch relevant werden. Wo heute unter dem Slogan »KI für Deutschland« neue Rechenzentren entstehen, entstehen zugleich auch materielle Voraussetzungen einer digitalisierten Kriegswirtschaft.

Laura Romeis ist Sozialarbeiterin und befasst sich mit Themen rund um Flucht, Migration und Militarisierung.