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17. April 2026

Die Lufthansa hat jede Bodenhaftung verloren

Während die Lufthansa ihr 100-jähriges Jubiläum feiert, streiken Beschäftigte gegen den Sparkurs. Der Großaktionär Klaus-Michael Kühne beklagt den »Egoismus« der Streikenden – dabei ist er es, der Risiken sozialisiert und Gewinne privatisiert.

Am 15. April fand ein Festakt zu hundert Jahren Lufthansa statt.

Am 15. April fand ein Festakt zu hundert Jahren Lufthansa statt.

IMAGO / HMB-Media

Drinnen wird gefeiert, draußen wird gestreikt. Während sich Konzernspitze, Politik und Prominenz zum 100-jährigen Jubiläum der Lufthansa versammeln, legt das Kabinenpersonal die Arbeit nieder. Denn was im neuen Besucherzentrum »Hangar One« mit Champagner und warmen Worten des Kanzlers gefeiert wird, ist ein Geschäftsmodell, das auf Kosten der Beschäftigten saniert werden soll.

Und während diese gegen Arbeitsverdichtung, Ausgliederung und Druck auf ihre Löhne kämpfen, meldet sich ausgerechnet einer der reichsten Männer Deutschlands zu Wort: Klaus-Michael Kühne, Großaktionär der Lufthansa und laut Milliardärsindex von Bloomberg ein 39 Milliarden Dollar schwerer Geldsack.

In einem offenen Brief beklagt seine Holding: »Es ist aus unserer Sicht unverantwortlich, das Streikrecht in unverhältnismäßiger Art zu missbrauchen und persönlichen Egoismus weit über das Interesse der Gesamtheit zu stellen.« Wessen Interesse hier gemeint ist, steht außer Frage: »Als Investoren haben wir bewusst Verantwortung übernommen und risikobehaftetes Eigenkapital in die Lufthansa eingebracht [...]. Wir [...] tragen das wirtschaftliche Risiko, ohne jemals gestreikt zu haben.«

Das ist nicht nur dummdreist, sondern schlicht falsch: 2020 wurde die Lufthansa mit rund 9 Milliarden Euro Steuergeld vor dem Absturz bewahrt. Der Staat stieg ein, übernahm zwischenzeitlich ein Fünftel der Anteile und stabilisierte das Unternehmen in einer existenziellen Krise. Getragen wurde dieses Risiko von der Allgemeinheit.

Mehr als Arroganz

Was folgte, war keine Demokratisierung des Konzerns, keine nachhaltige Sicherung von Arbeitsplätzen, keine neue Form öffentlicher Kontrolle oder Mitsprache der Beschäftigten. Stattdessen zog sich der Staat bald wieder zurück und machte den Weg frei für private Investoren. Einer von ihnen war Klaus-Michael Kühne, der seine Beteiligung nach der Krise massiv ausbaute und heute als größter Einzelaktionär erheblichen Einfluss ausübt. Mit anderen Worten: Der Staat rettet, der Milliardär übernimmt.

»Die Rettung der Lufthansa war nie nur eine Rettung von Arbeitsplätzen. Sie war eine Stabilisierung von Eigentumsverhältnissen.«

Und die Beschäftigten? Die sollen heute für die »Sanierung« zahlen, obwohl sie es waren, die den Betrieb durch die Krise getragen haben. Hier zeigt sich die eigentliche politische Dimension dieses Jubiläums: Die Rettung der Lufthansa war nie nur eine Rettung von Arbeitsplätzen. Sie war eine Stabilisierung von Eigentumsverhältnissen – und damit eine Voraussetzung dafür, dass private Vermögen weiter wachsen können.

Dass Kühne nun ausgerechnet den Beschäftigten Vorhaltungen macht, ist nicht nur arrogant. Es ist Ausdruck eines Systems, in dem wirtschaftliche Macht sich zunehmend jeder Verantwortung entzieht.

Kühnes Nazivermögen

Vielleicht lohnt an dieser Stelle ein kurzer Blick auf Kühne selbst. Er ist Erbe eines Logistikkonzerns, dessen Aufstieg eng mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts verknüpft ist – inklusive dunkler Kapitel während des Nationalsozialismus, von denen man heute dort lieber nichts mehr hören will. So profitierte das Unternehmen direkt von der »Arisierung« jüdischen Eigentums und verdiente am Abtransport von Hausrat deportierter Jüdinnen und Juden. Nach dem Krieg wurden die Eigentümer trotz dieser Verbrechen – protegiert von westlichen Geheimdiensten – politisch rehabilitiert und bauten die globale Macht des Konzerns weiter aus.

Klaus-Michael Kühne selbst stieg in den 1960er Jahren in das Unternehmen seines Vaters ein. Er verlegte seinen Wohnsitz in die Schweiz und inszeniert sich seither gerne als Mäzen. Zwar habe er nichts gegen Steuern, er »hätte nur gern das Gefühl, dass sie für die richtigen Dinge ausgegeben werden«, erklärte er einmal dem Manager Magazin.

Aber Kühne sorgt sich nicht nur um sein Kapital, sondern auch um sein Land und dessen Werte. Über die Proteste zum Jubiläumsfestakt steht in dem Brief seiner Holding: »Wir fragen uns, welches Signal damit nach außen gesendet werden soll und was dies über das Wertesystem in Deutschland aussagt, einem Land, das ohnehin derzeit bereits vor erheblichen Herausforderungen steht.« Es gehe den Streikenden darum, »Partikularinteressen mit maximaler öffentlicher Wirkung durchzusetzen, ohne ausreichende Rücksicht auf die langfristige Zukunft des Unternehmens, seiner Beschäftigten und seiner internationalen Kunden«.

Wer rupft den Kranich?

Doch sind es wirklich die Streikenden, die die Zukunft des Unternehmens gefährden? Tatsächlich schreibt Lufthansa längst wieder Milliardengewinne, zahlt Dividenden und investiert in Prestigeprojekte. Gespart werden soll trotzdem – vor allem bei denen, die den Laden am Laufen halten: Kabinenpersonal, Bodenpersonal, Cockpit, Technik und Verwaltung. Dabei sind sie es, die Kühnes Dividenden erwirtschaften. Doch eine Rendite von 5 Prozent reicht Kühne und Co. nicht – 8 bis 10 Prozent sollten es sein.

Erreichen will das die Konzernleitung durch eine Gewinnsteigerung von 2,5 Milliarden Euro. Etwa zwei Drittel davon sollen durch Einsparungen zustande kommen, insbesondere beim »Kostenfaktor« Personal. Das Mittel: Stellenabbau, Druck auf Tarifverträge, Arbeitsverdichtung und Outsourcing von Flügen an günstigere Tochtergesellschaften – ein interner Wettbewerb nach unten. Wie konkret dieser Umbau durchgesetzt wird, zeigt sich nun in Echtzeit.

»Wenn ein Konzern Gewinne einfährt, Dividenden ausschüttet und dennoch die eigenen Beschäftigten unter Druck setzt, dann ist nicht der Streik erklärungsbedürftig, sondern das Geschäftsmodell.«

Denn bereits am Tag nach dem Festakt folgte die nächste Eskalationsstufe. Lufthansa kündigte überraschend an, den Flugbetrieb der Tochter CityLine mit sofortiger Wirkung stillzulegen – vorläufig, wie es heißt, und verbunden mit »widerruflichen« Freistellungen für die Beschäftigten. Neben äußeren Faktoren wie den Folgen des Irankriegs führt der Konzern ausdrücklich die laufenden Streiks als Grund an und macht sie damit selbst zum Gegenstand seiner Eskalationsstrategie. Dass die Maßnahme zeitlich so gesetzt wird und ausdrücklich reversibel bleibt, spricht Bände. Hier wird nicht einfach eine unternehmerische Entscheidung umgesetzt, sondern ein Signal gesendet: Dieser Konflikt soll nicht verhandelt, sondern gebrochen werden.

Sand im Renditegetriebe

Wenn ein Konzern Gewinne einfährt, Dividenden ausschüttet und dennoch die eigenen Beschäftigten unter Druck setzt, dann ist nicht der Streik erklärungsbedürftig, sondern das Geschäftsmodell. Kühne steht exemplarisch für eine Klasse von Eigentümern, die Gewinne als Naturrecht begreifen – und Widerstand dagegen als Zumutung. Und er steht für ein Modell von Kapitalismus, in dem öffentliche Risiken kollektiv getragen werden, während private Gewinne geschützt und ausgebaut werden; in dem ein Konzern mit Milliarden gestützt wird – nur um wenige Jahre später wieder als Renditemaschine zu funktionieren, die auf Kosten der eigenen Beschäftigten läuft.

Hundert Jahre Lufthansa könnten Anlass sein, über die Rolle eines solchen Unternehmens in der Gesellschaft nachzudenken. Über öffentliche Infrastruktur, über gute Arbeit, über demokratische Mitbestimmung. Stattdessen erleben wir ein Schauspiel, in dem oben gefeiert und unten gespart wird – flankiert von moralischen Belehrungen aus den Villen der Superreichen. Vielleicht ist das die eigentliche Kontinuität dieser hundert Jahre: Dass die Interessen derjenigen, die arbeiten, immer wieder gegen die Interessen derjenigen durchgesetzt werden müssen, die besitzen. Und dass es dafür Streiks braucht. Gerade heute.

Martin Haller ist Redakteur bei Jacobin und Lektor beim Brumaire Verlag.