09. Juli 2026
Weil die Trump-Regierung der iranischen Mannschaft nur stundenweise Einreise erlaubte, sprang Mexiko ein und bot den Iranern eine Basis. Das hat auch historische Gründe, denn beide Länder verbindet eine lange Geschichte US-amerikanischer Übergriffe.

Bei ihrer Ankunft in Tijuana werden die iranischen Fußballer von zahlreichen mexikanischen Fans empfangen.
Die direkt an der Grenze zu Kalifornien gelegene mexikanische Stadt Tijuana war bei der aktuellen Fußballweltmeisterschaft der Männer die temporäre Heimat von drei Mannschaften: Zunächst das mexikanische Team selbst; dann Haiti, das sich für Tijuana entschied, weil es eine große haitianische Community in der Stadt gibt, wobei vielen Menschen die Weiterreise in die Vereinigten Staaten verweigert wird. Drittens schlug die iranische Nationalmannschaft in Tijuana ihr Basislager auf, nachdem ihr der Aufenthalt in den USA lediglich für die Spiele an sich erlaubt worden war.
Anfang des Jahres schien die Teilnahme des Iran an der WM 2026 noch fraglich. Da die FIFA nicht bereit war, die Spiele des Iran aus den Vereinigten Staaten heraus zu verlegen, und die Trump-Regierung ihrerseits betonte, man werde die Mannschaft nicht für einen längeren Aufenthalt ins Land lassen, schien es unwahrscheinlich, dass der Iran seine Gruppenspiele in Los Angeles und Seattle bestreiten werden könne.
»Mexikaner strömten in Scharen herbei, um die iranische Mannschaft bei ihrer Abreise aus Tijuana anzufeuern; Einheimische organisierten Public-Viewing-Veranstaltungen für die Spiele des Iran.«
Mexiko war die Lösung. Die progressive Regierung unter Präsidentin Claudia Sheinbaum bot an, die Iraner in Tijuana zu beherbergen. Die Mannschaft durften dann lediglich für den Spieltag beziehungsweise für einige Stunden zu ihren Spielen in die Vereinigten Staaten reisen. Es folgten Szenen, die die Sympathie vieler Mexikaner für den Iran verdeutlichten: Sie strömten in Scharen herbei, um die iranische Mannschaft bei ihrer Abreise aus Tijuana anzufeuern; Einheimische organisierten Public-Viewing-Veranstaltungen für die Spiele des Iran.
Die mexikanische Begeisterung für die iranische Mannschaft blieb nicht unbemerkt: Nach dem Ausscheiden des Iran aus dem Turnier – das Ergebnis einer extrem engen Abseitsentscheidung, die einen Last-Minute-Sieg gegen Ägypten zunichtemachte – würdigte die iranische Mannschaft die außergewöhnliche Unterstützung, die sie in Mexiko erhalten hatte, und teilte auf Spanisch mit: »Eure Gesten werden in unseren Herzen bleiben.«
Die Entscheidung, die iranische Mannschaft in Tijuana zu empfangen, reiht sich ein in eine jahrzehntelange Wechselbeziehung zwischen dem Iran und Mexiko: Viele sehen sich in einem verbindenden Kampf um Souveränität gegenüber den mächtigen USA.
Schon vor der Bekanntgabe, dass sich die iranische Mannschaft in Tijuana aufhalten würde, zeigte sich die mexikanische Öffentlichkeit angesichts des Konflikts zwischen dem Iran und den USA sowie Israel weitgehend auf der Seite des ersteren. Nach den völkerrechtswidrigen Angriffen auf den Iran Ende Februar versammelten sich Menschen vor der iranischen Botschaft in Mexiko-Stadt, um ihre Solidarität zu bekunden; ebenso kam es zu Protesten vor den US-amerikanischen und israelischen Botschaften. Präsidentin Sheinbaum sprach zweifellos für die meisten Mexikaner, als sie den Angriff der USA und Israels kritisierte und dabei insbesondere die US-Bombardierung einer Schule anführte, bei der 168 Kinder ums Leben kamen. (Diesem Massaker gedachte auch die iranische Nationalmannschaft in Form von Ansteckern.)
Mexikos eigene Geschichte mit US-Invasionen ist sicherlich ein wesentlicher Faktor, der diese Solidarität beeinflusst. Von den elf WM-Austragungsorten in den Vereinigten Staaten liegen vier – Los Angeles, San Francisco, Dallas und Houston – auf ehemals mexikanischem Gebiet, das 1848 von den USA annektiert wurde. Den meisten Mexikanerinnen und Mexikanern muss diese historische Tatsache nicht weiter erläutert werden, doch auch die iranische Botschaft in Mexiko zeigte sich in der Vergangenheit eifrig bemüht, mexikanischen Bedenken gegenüber dem mächtigen nördlichen Nachbarn zu schüren.
»Für viele galt das Anfeuern der iranischen Nationalmannschaft bei ihren WM-Auftritten als ein kleiner Akt des Widerstands der gewöhnlichen Mexikaner gegenüber dem großen Tyrannen im Norden.«
Der iranische Botschafter in Mexiko warnte beispielsweise: »Wenn die USA im Iran einen Sieg erringen, wird es ihnen nicht schwerfallen, auch in Kuba oder sogar in Mexiko einen Sieg anzustreben.« Diese Warnungen finden in Mexiko-Stadt durchaus Anklang, wo sowohl die US-Ölblockade gegen Kuba als auch die Aussicht auf eine US-Intervention im mexikanischen Drogenkrieg tiefes Unbehagen auslösen.
Die iranische Botschaft hat zudem einen Vergleich in den Namensdebatten um den »Persischen« beziehungsweise »Arabischen« Golf und den »Golf von Mexiko« beziehungsweise »Golf von Amerika« gezogen. Sowohl der Iran als auch Mexiko fühlen sich mit dem Versuch, ein Gewässer umzubenennen, das seit langem mit ihrem Namen in Verbindung gebracht wird, in ihrem Nationalstolz verletzt. Während Iran seit langem darauf besteht, dass das Gewässer im Südwesten des Landes »Persischer Golf« genannt wird, ist der »Arabische Golf« der bevorzugte Begriff des US-Militärs.
Dies liegt zum Teil daran, dass die arabischen Verbündeten einige der wichtigsten Stützpunkte des US-Militärs beherbergen und daher bei Laune gehalten werden sollen. In Mexiko wurde das Bestreben von Präsident Donald Trump, den Golf von Mexiko umzubenennen, ebenfalls mit Empörung aufgenommen. Präsidentin Sheinbaum wies Trumps Umbenennung des Golfs in »Golf von Amerika« öffentlich mit einem Lachen zurück und schlug scherzhaft vor, stattdessen die ehemals mexikanischen Gebiete im Südwesten der USA als »Mexikanisch-Amerika« zu bezeichnen. Allerdings leitete die mexikanische Regierung auch formelle rechtliche Schritte gegen Google ein, weil das Unternehmen den von Trump vorgeschlagenen Namen in Google Maps übernommen hatte.
»Die aggressive Haltung der Trump-Regierung mag dazu beigetragen haben, die Solidarität zwischen den Völkern Mexikos und Irans zu vertiefen, doch die Beziehungen reichen weiter zurück.«
Trotz der öffentlich zur Schau gestellten Unbeugsamkeit Sheinbaums besteht bei vielen Menschen in Mexiko Angst, die Trump-Regierung könnte militärische Maßnahmen ergreifen. Schließlich hat diese alles in ihrer Macht Stehende getan, um den südlichen Nachbarn einzuschüchtern. Beispielsweise wurde der Mexikanisch-Amerikanische Krieg gefeiert, offen in Venezuela interveniert sowie die mexikanische Regierung gewarnt, kein Öl mehr nach Kuba zu liefern.
Mexiko ist dieser letzten Drohung bislang nachgekommen, wobei humanitäre Hilfe und öffentliche Solidaritätsbekundungen aber fortgesetzt werden. Zudem hat sich die in der Zwickmühle steckende Sheinbaum bislang den Forderungen der USA nach einem stärker militarisierten Vorgehen gegen mexikanische kriminelle Gruppen weitgehend gebeugt – in der Hoffnung, direkte US-Angriffe auf das Land zu vermeiden, mit denen Trump mehrfach gedroht hat.
Unter diesen Umständen galt das Anfeuern der iranischen Nationalmannschaft bei ihren WM-Auftritten vielen als ein kleiner Akt des Widerstands der gewöhnlichen Mexikaner gegenüber dem großen Tyrannen im Norden.
Die aggressive Haltung der Trump-Regierung mag dazu beigetragen haben, die Solidarität zwischen den Völkern Mexikos und Irans zu vertiefen, doch die Beziehungen reichen weiter zurück. So hat die Mexikanische Revolution (die als der erste große Aufstand für Souveränität im 20. Jahrhundert angesehen werden kann) dazu beigetragen, den späteren Weg des Iran zu ebnen, insbesondere bei Fragen der Souveränität über natürliche Ressourcen.
Während des jüngsten Krieges behauptete der iranische Botschafter in Mexiko, die Versuche des säkularen Nationalisten Mohammed Mossadegh, die iranische Ölindustrie Anfang der 1950er Jahre zu verstaatlichen, sei von der erfolgreichen Verstaatlichung der mexikanischen Ölindustrie 1938 inspiriert gewesen. Tatsächlich gibt es zahlreiche Parallelen. Beiden Verstaatlichungen gingen große Streiks einheimischer Ölarbeiter voraus, die über die ungerechte Behandlung durch ausländische Konzerne empört waren. Beide stießen zudem auf entschlossenen Widerstand seitens des Vereinigten Königreichs. Letztendlich sollte die unterschiedliche Reaktion der USA auf die Verstaatlichung ausländischer Ölkonzerne in Mexiko in den 1930er Jahren einerseits sowie auf die Verstaatlichung ausländischer Ölkonzerne im Iran in den 1950er Jahren andererseits die beiden Nationen auf sehr unterschiedliche Wege führen.
»Die Entscheidung der USA, 1953 die Souveränität des Iran mit Füßen zu treten, sollte die Beziehungen zwischen den beiden Ländern bis heute vergiften.«
Wie Mexiko vor seiner Revolution war der Iran zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein riesiges, aber unterentwickeltes Land mit bedeutenden Ölvorkommen unter ausländischer Kontrolle. Im Jahr 1950 befand sich das iranische Öl vollständig in britischer Hand. Vor diesem Hintergrund war Mossadegh demokratisch gewählt worden: Er sollte unter anderem sicherstellen, dass ein größerer Teil des enormen Ölreichtums des Landes zurück in die eigene Bevölkerung investiert würde. Doch genau wie 15 Jahre zuvor in Mexiko lehnte Großbritannien die Verstaatlichung seiner Ölgesellschaften vehement ab.
Hier hätten die Vereinigten Staaten denselben Weg gehen können, den sie 1938 mit Blick auf Mexiko beschritten hatten – und wie sie es 1956 in Ägypten erneut tun sollten, als General Gamal Abdel Nassers Verstaatlichung des Suezkanals trotz britischer Einwände von Washington anerkannt wurde. Doch anstatt die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von den rivalisierenden imperialen Interessen Großbritanniens zu demonstrieren, entschied sich die Eisenhower-Regierung in den 1950er Jahren dafür, sich den Briten anzuschließen und letztendlich Mossadegh durch einen Militärputsch stürzen zu lassen.
Die Verstaatlichung des iranischen Öls sollte also nicht stattfinden. Die fragile Demokratie des Landes wurde zerstört, und stattdessen würde der Schah den Iran bis 1979 als absoluter Herrscher regieren. Nach 1979 bereiste er die Welt und verbrachte viel Zeit in der pittoresken mexikanischen Stadt Cuernavaca, solange ihm die Vereinigten Staaten noch die Einreise verweigerten. Die Entscheidung der USA, 1953 die Souveränität des Iran mit Füßen zu treten, sollte die Beziehungen zwischen den beiden Ländern bis heute vergiften. Mit ihr wurde auch der Grundstein für den jüngsten und bis heute ungelösten Konflikt am Persischen Golf gelegt.
Die Reaktion der USA auf die Verstaatlichung des mexikanischen Öls im Jahr 1938 fiel gänzlich anders aus. Das ist größtenteils darauf zurückzuführen, dass der damalige US-Präsident Franklin Delano Roosevelt seine »Good Neighbor Policy« verfolgte. Damit verpflichteten sich die Vereinigten Staaten (vorübergehend), sich nicht in lateinamerikanische Angelegenheiten einzumischen.
Zu dieser Zeit befand sich Mexiko noch mitten in den Wirren der Revolution. Diese hatte 1910 als Aufstand gegen die jahrzehntelange Herrschaft von Porfirio Díaz begonnen, der ausländisches Kapital nach Mexiko geholt hatte. Die Auseinandersetzungen eskalierten zu einem landesweiten Aufstand, der letztlich zur Verabschiedung einer der weltweit ersten sozialdemokratischen Verfassungen führte, in der die ökonomischen und politischen Rechte der Mexikanerinnen und Mexikaner festgeschrieben wurden. 1938 unternahm Staatschef Lázaro Cárdenas – der selbst in diversen Schlachten der Revolution gekämpft hatte – den radikalen Schritt, ausländische Ölkonzerne zu enteignen.
»Heute scheint die in der Revolution hart erkämpfte Souveränität Mexikos durch die Vereinigten Staaten derart bedroht zu sein, wie es seit der letzten US-Invasion in Mexiko 1917 nicht mehr der Fall war.«
Dies geschah nach einer Reihe von Streiks mexikanischer Ölarbeiter gegen britische und US-amerikanische Ölkonzerne. Obwohl die US-Eliten nachdrücklich auf eine Intervention drängten, akzeptierte Roosevelt die Verstaatlichung der US-Unternehmen durch Cárdenas. Diese Enteignungen von 1938 spielen bis heute eine wichtige Rolle in der politischen Kultur Mexikos. So wurde beispielsweise kürzlich ein Blockbuster-Film über Cárdenas’ Enteignungspolitik produziert. Und die regierende Partei MORENA gedenkt dieses Kapitels der Geschichte auf fast schon religiöse Weise.
Im Gegensatz zur US-Regierung unter Roosevelt verfolgte das Vereinigte Königreich gegenüber den Verstaatlichungen in Mexiko eine weitaus härtere Linie: Das UK verhängte Sanktionen und brach die diplomatischen Beziehungen zum lateinamerikanischen Land ab. Bezeichnenderweise war diese harte Haltung gegenüber Mexiko zum großen Teil durch die Angst motiviert, es könne zu einem »Ansteckungseffekt« und ähnlichen Verstaatlichungsversuchen im Iran kommen (was im Grunde genommen bei der Konfrontation mit Mossadegh 15 Jahre später auch geschehen sollte).
Entscheidend war im mexikanischen Fall, dass Roosevelt sich weigerte, sich dem britischen Druck anzuschließen und die mexikanische Souveränität über seine natürlichen Ressourcen zu übergehen. Eisenhower sollte später gegenüber dem Iran eine andere Entscheidung treffen. Dank der US-Anerkennung der mexikanischen Verstaatlichungen blieb Mexiko ein wichtiger Öllieferant für die Vereinigten Staaten. Darüber hinaus führte Roosevelts versöhnlicher Ansatz dazu, dass Mexiko zu einem Verbündeten im Zweiten Weltkrieg wurde: Nachdem deutsche U-Boote 1942 mexikanische Öltanker im Golf von Mexiko versenkt hatten, trat Mexiko auf Seiten der Alliierten in den Krieg ein und steuerte Öl, Landwirtschaftsarbeiter und sogar ein mexikanisches Jagdgeschwader bei, das die Kriegsanstrengungen der USA im Pazifik unterstützte.
Heute scheint die in der Revolution hart erkämpfte Souveränität Mexikos durch die Vereinigten Staaten derart bedroht zu sein, wie es seit der letzten US-Invasion in Mexiko 1917 nicht mehr der Fall war. Heute gilt Trumps sogenannte »Donroe-Doktrin« statt der alten Good Neighbor Policy. Die Probleme und Herausforderungen, mit denen die Regierung Sheinbaum konfrontiert ist, ähneln eher denen von Mossadegh in den 1950er Jahren als denen von Cárdenas in den 1930ern. Sie und ihre Regierung müssen sich fragen: Wie lässt sich die nationale Souveränität angesichts eines derart feindseligen und mächtigen Nachbarn aufrechterhalten?
»Diese neuerliche Verbindung zwischen Mexiko und dem Iran könnte noch lange nach Ende der Fußballweltmeisterschaft 2026 Bestand haben.«
Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass sich viele Mexikaner und Iraner verbunden fühlen. So wie Mossadegh sich von Cárdenas’ Öl-Verstaatlichung inspirieren ließ, beginnen nun auch einige Kommentatoren in Mexiko, die Fähigkeit des Iran, die USA erfolgreich in Schach zu halten, als etwas Nachahmenswertes anzusehen. Angesichts der Trump-Drohungen gegen Mexikos Souveränität erscheint der kämpferische Ansatz des Iran vielen in Mexiko attraktiv – gerade denjenigen, die den wiederholten Zugeständnissen von Präsidentin Sheinbaum in Bezug auf Kuba, Migration und den Drogenkrieg überdrüssig sind.
Derzeit überwiegen in Mexiko-Stadt noch die besonnenen Stimmen. Man ist sich dort bewusst, dass eine Konfrontation mit den Vereinigten Staaten zur existenziellen Bedrohung für das Land werden kann. Für Teile der mexikanischen Bevölkerung bot das Anfeuern der iranischen Fußballmannschaft auf und neben dem Spielfeld hingegen ein Ventil, um den Frust über Mexikos zunehmend eingeschränkte Souveränität zum Ausdruck zu bringen. Schon allein die Tatsache, dass der Iran auf mexikanischem Boden zu Gast war, diente in diesem Sinne als kleine, aber bedeutungsvolle Erinnerung daran, dass Mexiko seine Unabhängigkeit vom nördlichen Nachbarn weiter hochhält und auf allen Ebenen verteidigen will.
Als sich Mexikanerinnen und Mexikaner in Tijuana versammelten, um sich von ihrem »adoptierten« Team zu verabschieden, mögen viele von ihnen gedacht haben: Diese neuerliche Verbindung zwischen Mexiko und dem Iran könnte noch lange nach Ende der Fußballweltmeisterschaft 2026 Bestand haben.
Erstveröffentlichung bei NACLA.
Antonio De Loera-Brust arbeitet für die United Farm Workers. Er lebt in Yolo County, Kalifornien.