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05. Juni 2026

Russlands Kriegsmaschinerie beginnt zu knirschen

Die russische Kriegswirtschaft hat zunehmend mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Unter den Menschen, die mit gestiegenen Preisen, Steuern und Zinsen sowie immer mehr Leben für den Ukrainekrieg bezahlen müssen, schwindet der Rückhalt für die Regierung.

Lange sah es so aus, als würde Wladimir Putin seine Ziele erreichen. Doch diesen Frühling hat sich das Blatt gewendet.

Lange sah es so aus, als würde Wladimir Putin seine Ziele erreichen. Doch diesen Frühling hat sich das Blatt gewendet.

IMAGO / ZUMA Press Wire

»Ich bin bestimmt nicht der Erste, der dir das sagt. In Russland tut sich definitiv was. Da liegt was in der Luft. Man läuft über die Straße, steigt in die U-Bahn, sitzt im Café – und überall reden die Leute über dasselbe.«

Diese Nachricht erhielt ich kürzlich von einem Genossen, der immer noch in Russland lebt. Die beschriebene Gemütslage lässt sich mit Umfragen kaum erfassen. Doch manchmal kann die wahrgenommene Stimmung den Beginn einer Veränderung treffender vorhersagen als professionelle Meinungsforscher.

Seit Beginn des russischen Krieges in der Ukraine 2024 zeigte sich der Kreml stets zuversichtlich, auf einen unausweichlichen Sieg zuzusteuern. Man habe die westlichen Sanktionen überstanden, sei dominant auf dem Schlachtfeld wie in der Rüstungsproduktion und verfüge grundsätzlich über deutliche Ressourcenvorteile. Und auch die Zeit schien auf der Seite von Präsident Wladimir Putin zu sein: Die westliche Koalition wirkte zersplittert, Donald Trump strebte eine Einigung mit Moskau an, der Ukraine fehlte es offenbar an Geld, Waffen und Personal.

Doch seit Frühjahr ist die Stimmung eine andere: Statt der Erwartung eines baldigen Sieges scheint sich in Russland langsam das Gefühl einer sich anbahnenden Krise breitzumachen.

Defizite und Kriegswirtschaft

Laut offiziellen Daten belief sich das Defizit des russischen Staatshaushalts allein in den ersten vier Monaten 2026 auf 5,9 Billionen Rubel (rund 2,5 Prozent des BIP). Damit ist bereits das Gesamtjahresdefizit 2025 (5,6 Billionen Rubel) übertroffen, das seinerzeit bei Ökonomen für Beunruhigung gesorgt hatte. Die Regierung hatte für das gesamte Jahr 2026 ursprünglich ein Defizit von 3,9 Billionen Rubel veranschlagt.

Es ist also klar, dass die endgültigen Defizitwerte 2026 – selbst unter Berücksichtigung der höheren Ölpreise infolge des Krieges im Iran – wohl zu den höchsten des Jahrhunderts gehören werden. Zum Vergleich: 2009, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, erreichte das Defizit etwa 6 Prozent des BIP. Im ersten Jahr der Coronavirus-Pandemie 2020 lag es bei rund 4 Prozent.

»Man investiert praktisch alles in den Krieg. Bleibt die Frage: Wer bezahlt am Ende die Zeche?«

Hinzu kommt: Sogar Putin hat inzwischen eingeräumt, dass die Wirtschaft seit Jahresbeginn um 1,8 Prozent geschrumpft ist. Der 2022 eingeleitete »militärkeynesianische« Kurs, der 2023/24 noch für Wachstum sorgte, scheint sich überlebt zu haben. Dennoch erhöht der Staat die Militärausgaben immer weiter. Man investiert praktisch alles in den Krieg. Bleibt die Frage: Wer bezahlt am Ende die Zeche?

Russlands Wirtschaftspolitik nähert sich zunehmend der alten Formel »Kanonen statt Butter« an. Die Mehrwertsteuer wurde seit Beginn der Invasion bereits zum zweiten Mal angehoben. Die Preise für öffentliche Versorgungsleistungen sollen allein 2026 zweimal erhöht werden. Die Zentralbank hält an extrem hohen Zinssätzen fest, wodurch Kredite für kleine und mittlere Unternehmen nahezu unerschwinglich werden, andererseits aber ein relativ starker Rubel gestützt wird.

Diese starke Währung ist lebenswichtig für den Militärsektor, der von importierten (meist chinesischen) Bauteilen abhängig ist. Ohne einen starken Rubel hätte der Kreml Schwierigkeiten, Drohnen, Granaten oder Elektronik zu beschaffen. Gleichzeitig ersticken hohe Zinssätze und ein teurer Rubel die zivile Wirtschaft. Unternehmen bekommen kaum Kredite, einheimische Produzenten verlieren an Wettbewerbsfähigkeit.

Die Folge ist eine Welle von Insolvenzen und Schließungen kleiner Unternehmen. Aus diesen Branchen entlassene Arbeiterinnen und Arbeiter wandern meist dorthin ab, wo die Löhne noch stabil sind: in direkt vom Staat finanzierte Rüstungsbetriebe. Die Regierung verlagert somit Arbeitskräfte und finanzielle Ressourcen vom privatwirtschaftlichen Konsum in die staatliche Kriegswirtschaft.

Das explodierende Defizit hat zudem zu Ausgabenkürzungen geführt. Im öffentlichen Dienst werden Stellen abgebaut, Bau-, Infrastruktur- und Stadtentwicklungsprojekte werden zurückgefahren. Dies trifft nicht nur Angestellte, sondern auch Tausende Beamte, Geschäftsführer und von staatlichen Aufträgen abhängige Unternehmer.

»Mit diesem Versuch, die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten, schwächt und erodiert die Putin-Regierung ihre eigene gesellschaftliche Basis.«

Sogar der Vorsitzende der Putin-treu auftretenden Kommunistischen Partei Russlands warnte kürzlich, ein wirtschaftlicher Zusammenbruch könne eine Revolution wie 1917 auslösen. »Wir haben keinerlei Recht, dies zu wiederholen«, mahnte er.

Angesichts des wachsenden ökonomischen Drucks verlagern Unternehmen ihre Aktivitäten in die Schattenwirtschaft. Der Staat hat darauf wiederum mit strengeren Kontrollen bei Banküberweisungen, Beschränkungen für Kryptowährungen und härteren Strafen für Steuerhinterziehung reagiert. Die praktische Wirkung ist schwer zu ermitteln; in jedem Fall erweitern diese Maßnahmen aber die Befugnisse von Polizei, Staatsanwaltschaft und Sicherheitsdiensten über das Wirtschaftsleben erheblich.

Der Kreml handelt nach einer einzigen Logik: Alles für die Front, alles für den Sieg. Mit diesem Versuch, die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten, schwächt und erodiert die Putin-Regierung ihre eigene gesellschaftliche Basis.

Probleme an der Front

Auch an der Front häufen sich die Probleme. Das Tempo der seit mehr als zwei Jahren andauernden russischen Offensive verlangsamte sich Anfang 2026 drastisch. Im Februar eroberten die ukrainischen Streitkräfte Berichten zufolge zum ersten Mal seit 2023 mehr Gebiete zurück, als sie verloren. Ebenso seien die russischen Verluste gestiegen, schreiben sogar kriegsbefürwortende Blogger.

Ein weiterer schwerer Rückschlag war, dass der russische Zugang zu Starlink-Terminals – Berichten zufolge auf Anfrage der Ukraine – unterbrochen wurde. Dabei wurde deutlich, dass Russland über kein adäquates alternatives System für die Kommunikation auf dem Schlachtfeld verfügt.

Die Ukraine hat zudem ihre Position im Drohnenkrieg gestärkt: Mit europäischer Unterstützung hat sie nicht nur die Zahl der eingesetzten Drohnen erhöht, sondern auch deren Reichweite und Leistungsfähigkeit verbessern können. Während Drohnen zuvor hauptsächlich an der direkten Frontlinie eingesetzt wurden – typischerweise in einem Umkreis von ein bis zwei Kilometern –, können ukrainische Streitkräfte nun 20 bis 30 Kilometer hinter den russischen Linien angreifen. Beobachter sprechen von einer »Drohnenwand«. Die Todeszone hinter der Front hat sich daher ausgeweitet und für die russischen Streitkräfte ist es zunehmend schwieriger geworden, in der Nähe der Kontaktlinie zu manövrieren oder Reserven zu konzentrieren. Infolgedessen sind die russischen Verluste gestiegen, und einer der Hauptvorteile Moskaus – seine personellen Ressourcen – wurde erheblich geschmälert.

»Unabhängige Forscher gehen davon aus, dass es während des Kriegs mindestens 100.000 bis 120.000 Fälle von Desertion oder Wehrdienstverweigerung gegeben habe, mehr als die Hälfte davon allein im vergangenen Jahr.«

Gleichzeitig desertieren immer mehr erschöpfte Soldaten. Die meisten kehren einfach nicht aus dem Urlaub oder aus Militärkrankenhäusern zurück an die Front. Unabhängige Forscher gehen davon aus, dass es während des Kriegs mindestens 100.000 bis 120.000 Fälle von Desertion oder Wehrdienstverweigerung gegeben habe, mehr als die Hälfte davon allein im vergangenen Jahr. Der Trend scheint sich also zu verschärfen. Ende April stuften die russischen Behörden gerichtliche Statistiken zu sogenannten Militärverbrechen als Verschlusssache ein.

Zwangsrekrutierung und ihre Grenzen

Gleichzeitig fällt es der russischen Armee schwerer, die erlittenen Verluste per Neurekrutierung auszugleichen. Nach Schätzungen des Ökonomen Janis Kluge, die auf regionalen Ausgaben für Einberufungsprämien basieren, gingen die Neueinberufungen in den ersten Monaten des Jahres 2026 um rund 20 Prozent zurück. Es ist daher möglich, dass die Gesamtstärke der russischen Armee zum ersten Mal seit der Invasion geschrumpft ist.

Bislang hat der Kreml diese Engpässe mit marktwirtschaftlichen Methoden bewältigen können: Wenn es eng wurde, wurden die Einstellungsprämien erhöht. Gerade in armen Regionen des Landes konnten so zuverlässig Rekruten gefunden werden. Doch wachsende Finanzlöcher machen es immer schwieriger, neues Kanonenfutter zu beschaffen. Dementsprechend greift der Staat wieder zunehmend auf Zwangsmaßnahmen zurück.

So setzen regionale Behörden Unternehmer unter Druck – manchmal unter Androhung strafrechtlicher Verfolgung –, einen Anteil ihrer Angestellten für die Armee zu mobilisieren. Auch die Hochschulen haben die Rekrutierung von Studierenden zu einer zentralen Verwaltungsaufgabe gemacht.

Doch Zwang funktioniert nicht immer. In einer geleakten Aufnahme aus der Republik Burjatien beschimpft ein Bezirksbeamter Fabrikchefs, weil diese die Rekrutierungsquoten nicht erfüllen. Sie antworten: »Wir können die Leute nicht zwingen. Niemand will gehen.« Als der Beamte den Unternehmern befiehlt, sich dann eben selbst zu melden, wird ihm die naheliegende Frage gestellt: »Warum gehen Sie nicht an die Front?« Dieser Wortwechsel fasst das Problem des Kremls in Miniaturform zusammen: Formal erscheint die Exekutive allmächtig, doch in der Praxis werden Befehle oft nicht ausgeführt.

»Formal erscheint die Exekutive allmächtig, doch in der Praxis werden Befehle oft nicht ausgeführt.«

Mangel an Personal und Ausrüstung, steigende Verluste, falsche Berichte von Militärbeamten und ein schwindender Glaube an den Sieg sorgen nicht nur bei Soldaten und Offizieren für Unmut, sondern auch bei einflussreichen Bloggern und ultranationalistischen Aktivisten. Diese Kräfte waren einst wichtige Instrumente für die patriotische Mobilisierung. Inzwischen äußern sich viele negativ über die Behörden; einige haben sogar begonnen, Putin persönlich zu kritisieren.

In der rund 700.000 Mann starken russischen Armee scheint sich Unzufriedenheit breitzumachen. Diese Stimmung wird immer lautstärker von ultrapatriotischen Meinungsmachern öffentlich gemacht. Der Kreml hat bereits erlebt, wohin solche Dynamiken führen können: 2023 stürzte der Aufstand von Jewgeni Prigoschin das Regime kurzzeitig in seine bisher tiefste Krise.

Stille Opposition

Damals reagierten die Behörden mit einer Verschärfung der Internetkontrollen. Unter anderem gab es Versuche, Telegram, die wichtigste Kommunikationsplattform in Russland, zu sperren. Soldaten und ihre Familien, Staatsbeamte, Unternehmer und Millionen gewöhnlicher Nutzerinnen und Nutzer sind auf den Dienst angewiesen. Auch bloggende Kriegsfans haben ihr Publikum und ihren Einfluss über Telegram aufgebaut. Berichten zufolge hoffte der Kreml, die User zum Wechsel zu staatlich kontrollierten Alternativplattformen drängen zu können.

Stattdessen luden sich Millionen Menschen VPNs herunter und blieben bei Telegram. In Reaktion darauf wurde die Regulierung des Internets direkter an die Sicherheitsbehörden übertragen: Im März wurde das mobile Internet in vielen Regionen, inklusive Moskau, einfach abgeschaltet. Banking-Apps funktionierten nicht mehr. Taxi- und Lieferdienste kamen zum Erliegen. Millionen hatten Schwierigkeiten, Verwandte zu kontaktieren, kleine Unternehmen verzeichneten Umsatzeinbußen, und da sogar Behörden betroffen waren, breitete sich die allgemeine Wut weit über die üblichen Oppositionskreise hinaus aus.

»Lokale Beamtinnen fälschen Erfolgsberichte für ihre Vorgesetzten. Offiziere verschleiern Verluste und Personalmangel.«

Vor diesem Hintergrund begannen einst loyale Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Behörden zu kritisieren. Der bekannte Anwalt Ilja Remeslo griff Putin öffentlich an. Die Lifestyle-Prominente Wiktorija Bonja postete ein virales Video, in dem sie über Angst und Zensur sowie eine stetig wachsende Liste von Problemen sprach, die die Regierung nicht anerkennen wolle.

Viele liberale Analysten interpretieren diese Vorfälle als Anzeichen für eine Spaltung der Elite. Die potenzielle Krise könnte aber weitere Kreise ziehen. Wenn Menschen nicht die Kraft oder Möglichkeiten für offene Rebellion haben, leisten sie auf leisere Weise Widerstand: Sie fügen sich äußerlich, blockieren aber in der Praxis. Sie verzögern, weichen aus, lügen nach oben, verstecken Ressourcen, täuschen Gehorsam vor, entziehen sich der Kontrolle und desertieren. Es sind die »Waffen der Schwachen«.

Genau das können wir zunehmend in Russland beobachten. Soldaten kehren nicht aus dem Urlaub zurück. Arbeiterinnen und Arbeiter lehnen Verträge bei Rüstungsunternehmen trotz hoher Bezahlung ab. Unternehmer entziehen sich Mobilisierungsaufrufen. Lokale Beamtinnen fälschen Erfolgsberichte für ihre Vorgesetzten. Offiziere verschleiern Verluste und Personalmangel.

Vom Mitläufer zum Widerständler?

Passiver Widerstand von unten sorgt dafür, dass Befehle nicht ausgeführt werden. Und diese Missachtung von Befehlen breitet sich nach oben aus: Die unteren Ränge nutzen ihre »Waffen der Schwachen« und geben die Verantwortung an die Vorgesetzten weiter. Allmählich wird der Staatsapparat zu einer großen »Sabotagemaschine«. Diese Krise dürfte früher oder später offener zutage treten.

In dieser Hinsicht könnten die für September angesetzten Parlamentswahlen einen ersten Test darstellen. Zwar haben Wahlen in Russland längst ihre politische Bedeutung verloren und sind zu reinen Loyalitätsritualen geworden: Lokale Fabrikdirektoren liefern kontrollierte »Abstimmungsblöcke«, Lehrpersonal und Schulverwaltung helfen bei der Handhabung »schwieriger« Wahllokale, und die harsche Kontrolle über Oppositionsparteien demoralisiert Andersdenkende. In diesem Klima konnte die Regierungspartei bislang überwältigende Siege für sich beanspruchen – unabhängig von ihrer tatsächlichen Popularität.

»Putin mag nach wie vor einzelne Beamte oder Geschäftsleute inhaftieren können, aber er kann nicht ohne Weiteres einen ganzen Apparat ersetzen.«

Dieses System war jahrelang stabil, hängt aber auch von der Kooperation Tausender Mitwirkender ab. Und wie es scheint, könnten heute weite Teile dieser Maschinerie betroffen sein von Demoralisierung, Unmut und stiller Nichtkooperation.

Putin mag nach wie vor einzelne Beamte oder Geschäftsleute inhaftieren können, aber er kann nicht ohne Weiteres einen ganzen Apparat ersetzen. Wenn der Staat nun versuchen sollte, die Entwicklungen innerhalb der russischen Gesellschaft gewaltsam zu unterdrücken: Werden Deserteure dann zu Rebellen, werden klandestine Saboteure zu Revolutionären?

Alexey Sakhnin ist ein russischer Aktivist und war einer der Anführer der Anti-Putin-Proteste zwischen 2011 und 2013. Er ist Ratsmitglied der Progressiven Internationale und aktiv bei der Organisation Sozialisten gegen den Krieg.