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11. April 2026

Die Gewalt im Sudan lässt sich ohne Kolonialismus nicht verstehen

Im Sudan herrschen apokalyptische Zustände: Krieg, ethnische Säuberung und Hunger. Hierzulande wird der Konflikt weitgehend ignoriert. Dabei sind der Westen und auch Deutschland in die Geschichte dieser Krise tief verstrickt.

Deutsche Offiziere bekämpfen während der britisch-ägyptischen Kolonialzeit Aufständische im Sudan, Abbildung von circa 1900.

Deutsche Offiziere bekämpfen während der britisch-ägyptischen Kolonialzeit Aufständische im Sudan, Abbildung von circa 1900.

IMAGO / H. Tschanz-Hofmann

Wieder werden Menschen im Sudan ermordet und wieder steht die Region Darfur im Zentrum der Gewalt, die von den Rapid Support Forces (RSF) gegen Zivilisten ausgeübt wird. Der sogenannte Bürgerkrieg, der zwischen den Sudanese Armed Forces (SAF) unter General Abdel Fattal al-Burhan und der RSF unter Mohammed Hamdan Dagalo ausgetragen wird, ist zweifellos ein Höhepunkt der Gewalt innerhalb der letzten Jahre. Auch der deutsche Außenminister Wadephul sprach im November bei einer Pressekonferenz in Bahrain von einer »absolut apokalyptischen Situation«.

Nach dem Sturz des Diktators Omar al-Bashir, der den Sudan fast dreißig Jahre lang regiert hatte, entstand 2019 eine militärisch-zivile Übergangsregierung, die einen demokratischeren Weg einschlagen sowie den Genozid in Darfur und andere Gewalt unter der Diktatur aufarbeiten wollte: Ab 2003 beging al-Bashir in Darfur mit Hilfe der islamistischen Popular Defence Forces (PDF) und den arabischen Milizen der Janjaweed, aus denen später die RSF hervorgingen, einen Genozid an verschiedenen nicht-arabischen Gruppierungen. Die Zahl der Opfer dieses Genozids, der vor allem an den Gruppierungen der Fur, Masalit und Zaghawe begangen wurde, wird auf 300.000 geschätzt.

Weil sowohl die RSF als auch die SAF in hohem Maße selbst am Genozid beteiligt waren und sie unter der zivilen Regierung um ihre ökonomische Vorherrschaft im Sudan fürchteten, schlossen sich al-Burhan und Dagalo zunächst zusammen und brachten die zivile Übergangsregierung zu Fall. Weil die RSF im weiteren Verlauf nicht bereit war, ihre militärischen Einheiten und ihre ökonomischen Strukturen in die der Armee und in die von ihr dominierten staatlichen Institutionen einzugliedern, und weil al-Burhan nach wie vor auf islamistische Kräfte aus dem Umfeld des gestürzten Machthabers al-Bashir setzte, brach der Krieg aus, der bis heute den Sudan verwüstet.

»Der Begriff Bürgerkrieg führt deswegen in die Irre, weil die Bürger hauptsächlich die Betroffenen und nicht die Akteure dieses Krieges sind, während eine kleine Machtelite mit Oligopolen der natürlichen Ressourcen Krieg gegeneinander führt.«

Der Begriff Bürgerkrieg führt deswegen in die Irre, weil die Bürger hauptsächlich die Betroffenen und nicht die Akteure dieses Krieges sind, während eine kleine Machtelite mit Oligopolen der natürlichen Ressourcen Krieg gegeneinander führt. Weder die SAF noch die RSF interessieren sich bei dem Kampf um ihre maßgeblich durch Goldhandel aufgebaute Machtbasis für den Schutz von Zivilisten. Seit dem Ausbruch des Kriegs im April 2023 erleben die Menschen des Sudans eine andauernde Tortur: Über 150.000 Menschen sind tot, über 14 Millionen Menschen vertrieben und über 20 Millionen Menschen von Hunger betroffen.

Mit der Eroberung der Stadt El-Fashir, die im nördlichen Darfur liegt, erreichte die RSF Ende Oktober vergangenen Jahres einen wichtigen Sieg. Die seit Mai 2024 bestehende Belagerung der Stadt resultierte in einem Blutbad. Die RSF versuchen den Zugang zu Informationen zu verhindern, doch verschiedene Berichte sprechen von Tausenden ermordeten Menschen. Betroffene der Gewalt waren abermals vor allem die nicht-arabischen Gruppen der Fur, Masalit und Zaghawe. Das Humanitarian Research Lab der Yale School of Public Health schätzt basierend auf Satellitenbildern, dass sich die Zahl der systematisch ermordeten und im Anschluss verbrannten Menschen sogar auf Zehntausende beläuft.

Was nach extremen Gewaltereignissen im Sudan im westlichen Diskurs geschieht, lässt sich vermutlich am treffendsten als Ritual beschreiben: egal ob nach dem Genozid in Darfur nach 2003, der nach einer allgemeinen moralischen Entrüstung ohne konkrete politische Maßnahmen wieder in Vergessenheit geriet; der Gewalt, die nach dem Abzug der UN-Mission UNAMID 2020 wieder zunahm und konsequent ignoriert wurde, um das Scheitern der Vereinten Nationen zu vertuschen; oder das Schweigen wenige Wochen nach den Gräueltaten in El-Fashir und dem Ignorieren davon, dass die RSF nach wie vor Verbrechen begeht und begehen wird.

Das Ritual des Ignorierens wird dabei oft mit einer vermeintlichen Komplexität der Situation gerechtfertigt. In Wahrheit aber ist die Choreographie der kurzen Entrüstung, die alsbald vom weiteren Ignorieren der Lage vor Ort gefolgt wird die logische Reaktion einer Politik, die sich weigert ihre historische und aktuelle Verantwortung für die Grundlagen der Gewalt im Sudan anzuerkennen. Dabei sollte die Gewalt nicht auf eine Fehde zwischen zwei zerstrittenen Generälen reduziert werden. Vielmehr haben die Motive der Gewalt im Sudan strukturell-historische Gründe, die selten ausreichend berücksichtigt werden, weil Europa dadurch eine Mitschuld zukommt und damit Entscheidungen der Vergangenheit revidieren und die aktuelle Politik gegenüber internationalen Partnern überdenken müsste.

Versklavung und Trennung

Die Janjaweed waren eine arabische Miliz, die von der Regierung al-Bashir genutzt wurde, um den Genozid in Darfur 2003 zu begehen. Aus den Janjaweed gingen ab 2013 die RSF hervor. Bis heute verknüpfen viele Sudanesinnen und Sudanesen die beiden Gruppierungen eng, viele Überlebende verwenden die Namen beider Milizen synonymhaft. Bis heute gibt es auch starke personelle Kontinuitäten zwischen den beiden Gruppen, unter anderem war der heutige Anführer der RSF Dagalo ein wichtiger Kommandeur und mit seinem familieneigenen Rinder- und Kamelexport einer der entscheidenden Finanziers der Janjaweed-Miliz.

Ende Januar berichtete Reuters von der Versklavung von Kindern durch die RSF. Auch die Janjaweed nutzten bereits beim Genozid an verschiedenen nicht-arabischen Gruppierungen, die circa 30 Prozent der Bevölkerung im Sudan ausmachen, ab 2003 rassistische Erzählungen, in denen nicht-arabische Menschen als Sklaven und Schwarze gekennzeichnet wurden, um die ethnische Gewalt zu legitimieren. Die Identifizierung als arabisch oder nicht-arabisch konstruiert sich im Sudan aus historischen, regionalen, sprachlichen und sozialen Faktoren, die sich im Verlauf der letzten zweihundert Jahre allerdings verhärtet haben und zu einer starken Gegenüberstellung der nicht-arabischen Gruppierungen in den Peripherien auf der einen und den arabischen Gruppierungen in den Ballungszentren auf der anderen Seite geführt hat. Gepaart mit zahlreichen dokumentierten Fällen, bei denen die RSF auch nach der Eroberung El Fashirs 2025 ihre nicht-arabischen Opfer abwertend als Sklaven oder Schwarze beleidigte und auch in den vergangenen Jahren nicht-arabische Gruppen als Sklaven dargestellt wurden, lässt sich hier eine Kontinuität bis in die Kolonialzeit erkennen.

Diese Kontinuität lässt sich durch die osmanisch-ägyptische Eroberung der Gebiete des heutigen Sudans und Südsudans in den 1820er Jahren verstehen. Ägypten war damals zwar offiziell eine Provinz des Osmanischen Reiches, besaß allerdings eine eigene Armee und damit auch eigene imperiale Bestrebungen. Durch die ägyptische Eroberung wurden die einzelnen Königreiche und Sultanate in dem Gebiet zum ersten Mal als zusammenhängendes Gebilde Sudan gewaltsam formiert. Diese Eroberung und die daraufhin gebildete Kolonie des Türkisch-Ägyptischen Sudans ist ein Schlüsselereignis, um die bis heute herrschenden Konfliktlinien zwischen sich als arabisch und als nicht-arabisch definierenden Gruppen zu verstehen.

»Die strikte Trennung zwischen arabisch und afrikanisch wurde während der Kolonialzeit der Briten verfestigt.«

Die ägyptischen Eroberer beuteten den Sudan und seine Goldvorkommen aus und intensivierten den Sklavenhandel massiv. Vor allem Menschen aus dem heutigen Südsudan und aus den Peripherien des Sudans fielen der Versklavungskampagne zum Opfer, die dem ägyptischen Staat billige Arbeitskräfte und Soldaten lieferte. Wenn die RSF bei ihren Verbrechen in Darfur 2025 ihre Opfer in abwertender Weise als Schwarze und Sklaven bezeichnen, so zeigt das nicht nur den rassistischen Charakter dieser Gruppierung, sondern auch die Kontinuitäten und Anknüpfungen an Narrative, die im Sudan seit der ersten Unterwerfung durch osmanisch-ägyptische Truppen herrschen.

Weil Ägypten aufgrund des Baus des Suez-Kanals ab 1859 in eine finanzielle Schieflage geriet und die Briten um ihre Kontrolle zum Kanal und damit den Verlust des Zugangs nach Indien fürchteten, besetzten sie 1882 das Land, lösten die ägyptischen Streitkräfte auf und übernahmen damit federführend die Kontrolle über den Sudan. Als Anglo-Ägyptisches Kondominium verleibte sich das British Empire den Sudan de facto als Kolonie ein, in der Ägypter auf mittleren Verwaltungsposten und Sudanesen auf unterster Ebene eingesetzt wurden.

In der Kolonialpolitik der Briten dieser Zeit werden weitere Grundlagen für den Genozid in Darfur ab 2003 und die heute daran anknüpfende Gewalt geschaffen. Die massive Bevorzugung der Hauptstadt Khartum im Gegensatz zu den Peripherien des Landes wie den Regionen Darfur und Blue Nil, sowie die schrittweise Grenzziehung zwischen dem christlich-animistisch geprägten Süden und dem muslimisch geprägten Norden des Landes zementierten die Linien, anhand derer bis heute die Konflikte im Sudan verlaufen. Nicht nur führte die Abschottung und politische sowie ökonomische Marginalisierung des Südens durch Großbritannien noch vor der offiziellen Unabhängigkeit 1956 dazu, dass die Südsudanesen aus Angst vor einer Arabisierung bis zur Unabhängigkeit des Südsudans 2011 immer wieder die Waffen erhoben und es in Folge dieses Bürgerkriegs zu 2 Millionen Opfern kam. Auch die strikte Trennung zwischen arabisch und afrikanisch wurde während der Kolonialzeit der Briten verfestigt.

Waren diese Begriffe zuvor durchlässig, benötigten die Briten für ihr koloniales Herrschaftssystem getrennte Gruppen und ordneten Menschen zu steuerrechtlichen und administrativen Zwecken entweder als einem arab tribe oder einem african tribe zugehörig ein. In Verbindung mit der Fokussierung auf die Hauptstadt und die einhergehende Marginalisierung der Peripherien instrumentalisierten sämtliche politische Kräfte mit Ausnahme der Sudanese Communist Party (SCP) im Sudan nach der Unabhängigkeit diese konstruierte Gegenüberstellung, um die nicht-arabischen Gruppen als rückständig und minderwertig darzustellen und damit die eigene Machtkonzentration in Khartum zu rechtfertigen.

Fremdbestimmtheit nach dem Kolonialismus

Die Fremdherrschaft über den Sudan setzt sich auch nach dem Ende der Kolonialzeit fort. Im Roman Seasons of Migration to the North des vermutlich einflussreichsten sudanesischen Schriftstellers des 20. Jahrhunderts, Tayeb Salih, kehrt der sudanesische Protagonist nach seiner erfolgreichen Promotion in London in seine kurz zuvor von Großbritannien unabhängig gewordene Heimat zurück. Der Roman schafft es, die durch den Kolonialismus entstandenen Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse und ihre Kontinuitäten auch nach der formellen Unabhängigkeit des Sudans 1956 nachzuzeichnen. Auch deshalb wurde er zu einem wichtigen Text der postkolonialen Literatur und von namhaften Vertretern wie Edward Said und Gayatri Spivak zu einem Schlüsseltext der Auseinandersetzung mit Kolonialismus und Eurozentrismus erhoben.

Umso interessanter ist der Umstand, dass das Buch 1966 im in Beirut ansässigen Hiwar-Verlag erschien. Dieser war, wie später bekannt wurde, an den von der CIA finanzierten Congress for Cultural Freedom (CCF) angegliedert. Dass ein Schlüsselwerk der postkolonialen Studien verdeckt durch den US-amerikanischen Geheimdienst finanziert wurde, um Interessen des Globalen Nordens voranzutreiben, versinnbildlicht den für den Sudan typischen kolonialen Fremdzugriff besser als ein Roman es je könnte.

Nach der Unabhängigkeit 1956 löste sich der Sudan zwar formell aus dem Anglo-Ägyptischen Kondominium. In der Folge wurde der Sudan jedoch erneut zur Projektionsfläche fremder Großmächte, diesmal im sich abzeichnenden Kalten Krieg. Mit den in der Kolonialzeit verfestigten strukturellen Konflikten zwischen Peripherie und Khartum, sowie zwischen sich als arabisch und als nicht-arabisch identifizierenden Gruppen eignete sich der Sudan als einer der ersten nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängig gewordenen afrikanischen Staaten sehr gut, um auf seinen Territorium Machtinteressen durchzusetzen.

Bereits drei Jahre vor der sich abzeichnenden Unabhängigkeit bereiteten sich verschiedene Mächte darauf vor, in einem offiziell dekolonisierten Land ihren Einfluss beizubehalten. Ägypten unter Gamal Abdel Nasser wollte den Zugriff auf die Ressourcen des Sudan aufrechterhalten und machte sich die in der Kolonialzeit zugespitzte Situation zwischen dem christlich-animistischen Süden und dem muslimischen Norden zunutze. In Kooperation mit der Universität Kairo wurden zum Beispiel Flugblätter gedruckt und im Süden des Sudans verteilt, auf denen vor dem Einfluss der Muslime im Norden gewarnt wurde. Außerdem schickte Ägypten tausende mit Geld ausgestattete Geheimagenten in den Sudan, die die panarabische Bewegung Unity of the Nile Valley im Sudan unterstützen sollten, die sich für eine Vereinigung mit Ägypten einsetzte. Die islamistischen Kräfte, die sich gegen einen Anschluss an Ägypten aussprachen, wurden wiederum massiv von Großbritannien unterstützt – immer unter dem Vorbehalt, dass man nach einer möglichen Unabhängigkeit den Zugang zum oberen Nil behalten würde.

»Dass deutsche Waffen und Geheimdienste eingesetzt wurden, um südsudanesische Rebellen zu ermorden, die sich nicht der Arabisierungspolitik der Militärdiktaturen beugen wollten, störte in Bonn kaum jemanden.«

Neben den alten Kolonialmächten traten auch andere Länder erstmals dominant in Erscheinung. Auch wenn Deutsche, von Bismarck über Hindenburg bis hin zum Nazi-General Erwin Rommel, über Jahrhunderte versuchten, den Sudan mit seiner strategischen Lage am Nil für ihre Interessen zu missbrauchen, scheiterte dies lange an der ägyptisch-britischen Kontrolle der sudanesischen Eliten. Doch ab der Unabhängigkeit 1956 und vor allem dem Putsch gegen die zivile Regierung 1958 durch Ibrahim Abboud, einem Militär, der in Kasernen des British Empires ausgebildet wurde, griff die Bundesrepublik verstärkt in sudanesische Politik ein. Eine Motivation der BRD lag zweifelsfrei in dem Versuch, die DDR international zu isolieren. Durch massive Rüstungsexporte und sogenannte Entwicklungsgelder schaffte es die Bonner Republik, eine diplomatische Anerkennung der DDR durch den Sudan bis 1971 zu verhindern.

Neben dem Bau einer Munitionsfabrik durch einen deutschen Rüstungsbetrieb im Sudan und der Lieferung von signifikanten Mengen an Rüstungsgütern, die in den folgenden Jahrzehnten im gesamten subsaharischen Raum Afrikas immer wieder prominent eingesetzt wurden, lag ein Fokus des deutschen Engagements in der Unterstützung des sudanesischen Geheimdienstes. Der Bundesnachrichtendienst hatte ab 1957 ein eigenes Büro in Khartum und half dem sudanesischen Sicherheitsapparat, sich ohne britische Unterstützung zu konsolidieren, um Gewerkschafter und Südsudanesen zu verfolgen. Der BND konnte dabei wiederum auf koloniale Strukturen aufbauen: Der erste institutionalisierte Geheimdienst im Sudan war das Public Security Department (PSD), das 1915 von den Briten aufgebaut worden war. Neben der Verfolgung derjenigen, die sich für nationale Unabhängigkeit einsetzten, wurde nach der Oktoberrevolution 1917 der Kampf gegen kommunistische Ideen und linke Gewerkschaften das Hauptziel.

Wie überall wurden auch für den Aufbau des BND-Büros in Khartum von der Bundesrepublik Kriegsverbrecher eingesetzt, die einige Jahre zuvor noch Schlüsselpositionen innerhalb des NS innehatten, wie der Historiker Roman Deckert nachzeichnet. Dass deutsche Waffen und Geheimdienste eingesetzt wurden, um südsudanesische Rebellen zu ermorden, die sich nicht der Arabisierungspolitik der Militärdiktaturen beugen wollten, störte in Bonn kaum jemanden. Im Gegenteil: Noch zwei Jahre vor den Protesten, die den Diktator Ibrahim Abboud zum Rücktritt zwangen, ließ sich Konrad Adenauer bei einem Empfang den Orden der sudanesischen Republik überreichen.

Was Apokalypse bedeutet

Bis in die 1990er Jahre, nach Millionen von im sudanesischen Bürgerkrieg ermordeten Menschen, lieferte Deutschland Waffen und schweres Militärgerät an sudanesische Regierungen, ganz gleich, ob sie panarabisch, islamistisch oder nationalistisch ausgerichtet waren. Die Arbeiten der Journalisten Rainer Kahrs und Nikolaus Steiner aus dem Jahr 2019, die Waffenexporte über eine deutsche Reederei und einen ukrainischen Hafen in den Sudan dokumentierten und Verbindungen zu einem BND-Mann mit dem Decknamen Klaus Hollmann herstellen konnten, werfen die Frage auf, ob Deutschland in Bezug auf seine Waffenexporte tatsächlich einen Schlussstrich gezogen hat. Was auf jeden Fall sicher ist: Deutschland schickt nach wie vor Waffen an die Hauptunterstützter sowohl der SAF als auch der RSF.

Dass es neben Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigen Arabischen Emiraten ein Dutzend weiterer Staaten gibt, die militärisch oder ökonomisch in den Krieg eingreifen, erschwert eine Lösung zusätzlich. Auch dass die EU mutmaßlich an der Verfestigung von repressiven Strukturen beteiligt war, indem sie unter dem Diktator al-Bashir hunderte Millionen von Euros über die Better Migration Management Initiative (BMM) zur Externalisierung der Migrationsabwehr in die sudanesischen Sicherheitsapparate pumpte, trägt zur Verschärfung bei.

Dass die 2025 ins Leben gerufene Quad Initiative (USA, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate und Ägypten) einen Frieden herstellen kann, erscheint aus mehreren Gründen unwahrscheinlich. Erstens wurde eine durch sie eingeleitete beschränkte Waffenruhe von den RSF zugesagt, aber von der Armee abgelehnt und in der Folge nicht eingehalten. Und zweitens gelangen nach wie vor europäische und arabische Waffen in den Sudan, während sudanesisches Gold über die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien, Äthiopien, Kenia und die Schweiz in den Welthandel gelangt. Besonders die EU und auch Deutschland könnten ihre ökonomische Macht weitaus engagierter ausspielen. Stattdessen wird die humanitäre Hilfe gekürzt und Verantwortungen verschwiegen, weil man um eine Verschlechterung der Beziehungen zu den für die europäische Energiesicherheit wichtigen arabischen Ländern fürchtet.

Wenn in den nächsten Monaten erneut Berichte um die Welt gehen, die von Massakern der RSF in Darfur oder Kordofan handeln, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass Deutschland eine Mitverantwortung an dieser Gewalt trägt. Statt allgemeine und performative Bestürzung zu äußern, sollte sich der deutsche Außenminister Johann Wadephul klar machen, was er sagt, wenn er die Situation im Sudan als »apokalyptisch« beschreibt. In der ursprünglichen altgriechischen Bedeutung bezeichnet die Apokalypse eine Offenbarung oder Enthüllung. Und tatsächlich ist die Gewalt im Sudan eine Enthüllung: Sie enthüllt zweihundert Jahre kolonialer Gewaltpraktiken, die darauf ausgelegt sind, die Mehrheit zum Nutzen Weniger auszubeuten.

Marius Wuttke ist Historiker.