25. März 2026
Geberländer kürzen dem Palästinenser-Hilfswerk UNRWA Mittel und fordern Reformen. Doch was als Neutralitätspolitik verkauft wird, dient vor allem israelischen Interessen – auf Kosten von Hunderttausenden palästinensischen Flüchtlingen.

Über 700 UNRWA-Schulen gibt es insgesamt im Libanon, Jordanien, Syrien und den besetzten palästineneischen Gebieten in Gaza und dem Westjordanland.
Ahmad* gesteht seine Erschöpfung. »Die letzten Wochen waren nicht einfach«, erklärt er. Ahmad war bis vor kurzem Lehrer an einer von der UNRWA betriebenen Schule im palästinensischen Flüchtlingslager in Ein El-Hilweh im Libanon. Wie alle UNRWA-Mitarbeiter war auch er von einer Arbeitszeitverkürzung betroffen, mit der die Organisation versucht, Kosten zu senken, da sie weiterhin mit der anhaltenden Finanzierungskrise zu kämpfen hat.
Westliche Staaten, erläutert ein Bericht der NGO International Crisis Group, haben ihre finanzielle Unterstützung für die UNRWA über Jahre hinweg reduziert, da eine politische Lösung des Konflikts zwischen Palästina und Israel zunehmend weniger realistisch geworden ist. Doch in letzter Zeit hat sich der finanzielle Druck weiter verschärft, da Geberländer, darunter Deutschland, Neutralitätsreformen gefordert haben. Die deutsche Bundesregierung fordert diese Reform auf der Basis der Behauptung, es habe »eine nicht akzeptable Zusammenarbeit zum Teil mit Gruppierungen gegeben, die sich gegen Israel gewandt und Feindseligkeiten geschürt haben.«
Die Arbeit in Ein El-Hilweh bringe ihre eigenen Herausforderungen mit sich, erklärt Ahmad. »In den Klassen sind manchmal 40 oder 50 Kinder … wir waren total unterbesetzt.« Ein El-Hilweh, das größte palästinensische Flüchtlingslager im Libanon, ist ein Relikt einer ungelösten Flüchtlingskrise, die nach der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 ausgelöst wurde. 750.000 Palästinenserinnen und Palästinenser wurden während der Nakba aus ihrem Heimatsland vertrieben. Heute, obwohl die Organisation hauptsächlich wegen ihrer Aktivitäten im Gazastreifen kritisiert wird, sind es in der Mehrheit Flüchtlinge außerhalb Palästinas, die humanitäre Hilfe von der UNRWA erhalten.
Ursprünglich gehörte der Unterricht, ebenso wie die meisten von der UNRWA erbrachten Dienstleistungen, nicht zum Mandat der Organisation. Seine Existenz war als vorübergehend gedacht, bis eine langfristige politische Lösung gefunden werden konnte und die palästinensischen Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren konnten. Doch 78 Jahre später sind die Flüchtlinge immer noch da. Ohne die Möglichkeit zur Rückkehr und ohne die Möglichkeit, sich in die Aufnahmeländer zu integrieren, hat sich das Mandat der UNRWA auf Bildung, umfassende gesundheitliche Versorgung, Infrastrukturmanagement und Mikrofinanzierung ausgeweitet.
Der Flüchtlingsstatus ist, insbesondere im Libanon, erblich. Da die libanesische Staatsbürgerschaft nur durch die Mutter weitergegeben werden kann, bleibt der Mehrheit der palästinensischen Flüchtlinge die Staatsbürgerschaft gesetzlich verwehrt. Ohne Staatsbürgerschaft sind die Flüchtlinge vom Zugang zu über 75 Berufen, öffentlicher Bildung und Gesundheitsversorgung sowie vom Recht auf Eigentum ausgeschlossen. Diese systematische Ausgrenzung hat die Lager berüchtigt gemacht: Armut, Arbeitslosigkeit und ein tiefes Gefühl der Entfremdung gehen einher mit Kriminalität und wiederkehrenden gewaltsamen Ausbrüchen zwischen bewaffneten Milizen.
»Für die Kinder ist das eine Tragödie. Manche leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung«, erzählt Ahmad. Als vor drei Jahren bewaffnete Milizen einige Schulgebäude im Ein El-Hilweh besetzten, kam es durch die darauf folgenden Kämpfe zu schweren Schaden, und der Unterricht musste für längere Zeit unterbrochen werden. Bis jetzt wurden nur drei der acht Schulen wieder aufgebaut. Angesichts chronischer Unterfinanzierung hat die UNRWA noch keine Mittel für die Renovierung der anderen Gebäude gefunden.
»Bei Gott, ich schwöre, nach all den Jahren, in denen wir uns kannten, habe ich es nie gewusst.« Ibrahim Merie, ein ehemaliger Direktor einer von der UNRWA geführten Schule im Libanon und Vorsitzender der unabhängigen Lehrergewerkschaft der UNRWA, beschreibt seine Beziehung zu Fateh Al-Sharif. Dieser war auch als Direktor an einer UNRWA-Schule tätig und leitete die Gewerkschaft. Nachdem Fateh im September letztes Jahr bei einem israelischen Luftangriff ums Leben gekommen war, bestätigte die Hamas, dass er heimlich die Organisation im Libanon geleitet hatte.
Schon drei Monate vor dem Tod von Fateh behauptete Israel, dass 12 UNRWA-Mitglieder an den Anschlägen vom 7. Oktober beteiligt gewesen seien, was dazu führte, dass 18 Geberstaaten, darunter Deutschland, alle Finanzmittel aus der Organisation zurückzogen. Obwohl die anschließende unabhängige Untersuchung keine Beweise für diese Behauptung fand, leitete die Organisation eine Reihe von Reformen ein, um ihre Neutralität besser zu gewährleisten.
Merie wurde, zusammen mit drei anderen, unter der Begründung entlassen, dass sie antiisraelische Inhalte auf ihren Social-Media-Plattformen geteilt und damit gegen den Verhaltenskodex der Vereinten Nationen verstoßen hätten, der seine Mitarbeiter zu politischer Unparteilichkeit verpflichtet. Merie beharrt jedoch darauf, dass er und seine Kollegen aus politischen Gründen entlassen wurden. Alle vier Entlassenen waren auch Führer der unabhängigen Lehrergewerkschaft, deren Arbeitskämpfe sich gegen die Überbelegung der Klassenzimmer, die Überlastung der UNRWA-Mitarbeiter, unbefristete Arbeitsverträge und die mangelnde Renovierung der UNRWA-Schulen richteten.
»Heute, obwohl die Organisation hauptsächlich wegen ihrer Aktivitäten im Gazastreifen kritisiert wird, sind es in der Mehrheit Flüchtlinge außerhalb Palästinas, die humanitäre Hilfe von der UNRWA erhalten.«
Die vier Angeklagten behaupten, dass ihre Initiative zur Gründung der unabhängigen Lehrergewerkschaft die Machtstruktur innerhalb der palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon direkt untergraben habe, wo Gewerkschaften traditionell der Fatah, der stärksten Fraktion der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), nahe standen. Sie, wie auch ein wachsender Anteil Palästinenser, betrachten die Organisation als korrupt und als Komplizen der israelischen Besatzung. Diese Anschuldigung spiegelt ein weit verbreitetes Misstrauen gegenüber der PLO im Westjordanland wider, die seit den Oslo-Abkommen häufig mit israelischen Geheimdiensten zusammenarbeitete, um das Westjordanland zu verwalten und rivalisierende Fraktionen wie die Hamas zu unterdrücken – was viele Palästinenser als Schutz israelischer Siedler und der Besatzung ansehen.
Dieses Misstrauen hat sich auch auf die UNRWA ausgeweitet. So lösten etwa Änderungen an einem Geographie-Lehrbuch Proteste in Flüchtlingslagern aus. Im Buch wurden alle Verweise auf Palästina und alle Karten von Palästina entweder entfernt oder durch die Begriffe »Gaza« und »Westjordanland« ersetzt. Die UNRWA erklärte, dass diese Änderungen nicht politisch motiviert waren, sondern vielmehr dazu dienten, »einige Fragen offenzulassen. Dieser Ansatz ermöglicht es den Schülern, kritisch zu denken und geografische Informationen selbst zu identifizieren.«
Doch für Ibrahim al Haij, ein Aktivist, der sich für die Proteste mobilisiert hat, hat die UNRWA in ihren Neutralitätsreformen die politischen Forderungen Israels übernommen. Er meint: »Neutralität? Wessen Neutralität? Würden Sie Hilfe im Austausch für Ihr Land annehmen?” Er, wie viele der Protestierenden, versteht diese Änderungen als einen Versuch, die palästinensische Identität auszulöschen und den Überlebenden der Nakba die Enteignung Palästinas aufzuzwingen.
Die meisten Bewohner der palästinensischen Flüchtlingslager bestehen weiterhin auf ihr Recht, in ihr Heimatland zurückkehren zu können. Wie Ibrahim al-Haji erklärt, ist dieses Recht in der Resolution 194 der Generalversammlung der Vereinten Nationen verankert, in der es heißt, dass »Flüchtlinge, die in ihre Heimat zurückkehren und in Frieden mit ihren Nachbarn leben wollen, dies tun dürfen sollten.«
»Da die libanesische Staatsbürgerschaft nur durch die Mutter weitergegeben werden kann, bleibt der Mehrheit der palästinensischen Flüchtlinge die Staatsbürgerschaft gesetzlich verwehrt.«
»Das Recht auf Rückkehr als Teil einer politischen Lösung [des Palästina-Israel Konflikts] gibt es heute nicht mehr«, erklärt Michael Young, leitender Redakteur am Malcolm H. Kerr Carnegie Middle East Center in Beirut. Im Kontext der Ausbreitung von Siedlungen im Westjordanland und dem von Trump vorgeschlagenen Friedensplan für Gaza meint er: »Es gibt keinen Staat, in den sie zurückkehren können. Dadurch wird das gesamte Konzept des Rückkehrrechts bedeutungslos.«
Da die UNRWA die Nachkommen von Flüchtlingen als Flüchtlinge behandelt, hat die Organisation nach Ansicht Israels das Recht auf Rückkehr legitimiert. In den Augen Israels, erklärt Michael, »möchten sie, dass die Internationale Flüchtlingskonvention die Konvention ist, die das Leben der Palästinenser regelt. Mit anderen Worten, dass Palästinenser, die nicht in Palästina geboren sind, überhaupt nicht als Flüchtlinge betrachtet werden.«
Der libanesische Staat hat, wie auch andere Staaten, die palästinensische Flüchtlinge aufnehmen, erklärt, dass er nicht in der Lage ist, für die rund 150.000 Palästinenser zu sorgen, die im Land leben. Der Libanon beherbergt die weltweit größte Flüchtlingsbevölkerung pro capita und hat gewarnt, dass zusätzliche Ausgaben eines ohnehin schon finanziell angeschlagenen Staates die Stabilität des Landes und der Region untergraben könnten. Der Libanon leidet seit langem unter chronischer Instabilität und hat in den letzten 20 Jahren drei Kriege zwischen der Hisbollah und Israel erlebt. Der jüngste Kriegsausbruch hat die Flüchtlingslage nur noch verschlimmert und bereits über eine Million Menschen innerhalb des Landes vertrieben, was etwa einem Fünftel der Bevölkerung entspricht.
»Es gibt keinen anderen Akteur, der die Infrastruktur, die die UNRWA bereitstellt, in ähnlicher Weise bereitstellen könnte«, erklärt ein Pressesprecher der UNRWA. »Die Flüchtlingsfrage der Palästinenser ist bis heute ohne politische Lösung (...) Solange dies der Fall ist, werden wir uns um die humanitären Bedürfnisse kümmern, bis eine langfristige Lösung gefunden ist.«
Da jedoch die Finanzierungsengpässe anhalten und die Reformen höhere Ausgaben erfordern, ist die Fähigkeit der Organisation, ihren Auftrag erfolgreich zu erfüllen und Reformen umzusetzen, gefährdet. Aufgrund der aktuellen Finanzierungsprobleme weist der Haushalt der UNRWA für Ende 2025 und Anfang 2026 eine Lücke von 170 Millionen Euro auf. Spenderländer haben 14,8 Millionen Euro für die Neutralitätsreformen angeboten, doch wie die Organisation eine langfristige Finanzierung finden wird, ist weiterhin unklar.
Für Ahmad wirft die ungewisse Zukunft der UNRWA Fragen über die Zukunft der palästinensischen Flüchtlinge im Allgemeinen auf. »Ich glaube, dies ist das letzte Jahr der Lager. Sie lassen uns keine Baumaterialien in die Lager bringen, sie lassen uns unsere Häuser nicht reparieren, sie lassen uns nicht bauen. Welche Zukunft haben wir denn noch?«
Der Name Ahmad* wurde auf seinen Wunsch nach Anonymität geändert.
Justus Könneker ist ein deutscher freiberuflicher Journalist mit Sitz im Libanon.