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13. Mai 2026

Zionismus kann nicht links sein

Der Zionismus ist nicht deshalb unvereinbar mit linken Werten, weil etwa Rosa Luxemburg Antizionistin war. Er ist es, weil er in seiner Logik auf der antisemitischen Tradition des europäischen Nationalismus aufbaut.

Darauf zu verweisen, wie lang und vielfältig die Geschichte zionismuskritischer Positionen innerhalb der jüdischen Linken ist, reicht nicht aus.

Darauf zu verweisen, wie lang und vielfältig die Geschichte zionismuskritischer Positionen innerhalb der jüdischen Linken ist, reicht nicht aus.

IMAGO / IPON

Im März 2026 wurde ein Beschluss des niedersächsischen Landesverbands der Partei Die Linke gefasst, wonach Die Linke in Niedersachsen den »heute real existierenden Zionismus« ablehnt. Das Wort »heute« ist hier wichtig, denn es geht nicht einmal um den Zionismus per se, sondern um seine gegenwärtige Ausprägung. Dieses – ehrlich gesagt – eher milde Statement hat erwartungsgemäß ein Gelaber – kein Gespräch – über etwas ganz anderes als das eigentliche Thema des Beschlusses ausgelöst.

Anstatt über Zionismus und Antizionismus sowie ihre Beziehung zu unserer gegenwärtig real existierenden rechten und in Teilen rechtsextremen Politik zu sprechen, lässt man die Debatte in Richtung Antisemitismuskritik entgleisen. Leider zählen nicht nur staatsräson-orientierte Medien dazu, sondern auch Linksparteimitglieder wie Gregor Gysi, Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch, die offenbar zu bequem sind, sich ernsthaft mit Zionismus, Antizionismus und linker Politik auseinanderzusetzen. Stattdessen versuchen sie, die Debatte möglichst schnell in eine schwarz-weiße Komfortzone zu verschieben. Denn ja: Antisemitismus zu verurteilen ist vermutlich das Leichteste, was ein Politiker heute tun kann. So veröffentlichten die drei ein Statement, in dem sie eine Linie fordern, nach der Antizionismus keinen Platz in der Partei haben soll.

Es ist naheliegend, diesen Text zu beginnen, indem ich alle antizionistischen jüdischen linken Intellektuellen zitiere, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gedacht und geschrieben haben. Ich könnte Hannah Arendt zitieren oder den Brief Rosa Luxemburgs an ihre Freundin Mathilde Wurm. Dieser fängt mit den Worten an: »Was willst Du mit den speziellen Judenschmerzen? Mir sind die armen Opfer der Gummiplantagen in Putumayo, die N**** in Afrika, mit deren Körpern die Europäer Fangball spielen, ebenso nahe.« Und mit den Worten endet: »Ich habe keinen Sonderwinkel im Herzen für das Ghetto. Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt.«

Ich könnte dies als Ausgangspunkt nutzen, um zu zeigen, dass ein Universalismus, der den jüdischen Exzeptionalismus – wie ihn der Zionismus vorschlägt – ablehnt, seit jeher zur Tradition der Linken, insbesondere der deutschen Linken, gehört hat. Die Partei Die Linke hat ihre parteinahe Stiftung nicht ohne Grund nach Rosa Luxemburg benannt. Doch das wird kaum ausreichen, um zu zeigen, dass Jüdinnen und Juden eine reiche Geschichte zionismuskritischer Debatten haben.

»Selbst wenn keine Jüdin und kein Mensch jemals den Zionismus in nennenswerter Weise abgelehnt hätte, wäre er dennoch unvereinbar mit linken Werten.«

Diejenigen in der Partei Die Linke, die behaupten, der Zionismus sei ein Kernbestandteil linker Weltanschauung und deshalb auch des Programms ihrer Partei, tun dies offensichtlich nicht deshalb, weil sie vor Augen haben, was jüdische Menschen sich selbst wünschen. Deshalb wirkt es überflüssig, zu wiederholen, dass wir Jüdinnen und Juden kein monolithischer Block sind. Das wissen sie inzwischen, denn sie sehen es überall um sich herum. Es passt nicht in ihr Weltbild, also blenden sie es aus. Vielmehr betrachten sie den Zusammenhang von Zionismus und der politischen Linken als Teil einer umfassenderen Weltanschauung, eines größeren logischen Rahmens.

Dass dieser Rahmen jedoch seiner Natur nach rechtsgerichtet ist, ist ein besseres Argument als die Tatsache, dass es auch antizionistische Jüdinnen und Juden gibt. Es kann nicht darum gehen, einzelne, ausgewählte Figuren wie Arendt und Luxemburg gegen heutige Politiker wie Ramelow und Gysi auszuspielen. Denn, ehrlich gesagt: Selbst wenn keine Jüdin und kein Mensch jemals den Zionismus in nennenswerter Weise abgelehnt hätte, wäre er dennoch unvereinbar mit linken Werten.

Der Faschismus war kein Ausnahmezustand

Für die deutsche zionistische Linke ist der Holocaust der Wendepunkt. Antizionistische Positionen vor ihm werden als irrelevant dargestellt, während antizionistische Stimmen nach ihm entweder als antisemitisch gelten – oder, wenn sie von Jüdinnen und Juden stammen, als nicht repräsentativ, in manchen Fällen sogar als selbsthassend.

Was geschah an diesem Wendepunkt, dass man zu der Auffassung gelangte, der Zionismus sei von diesem Moment an notwendig für die jüdische Existenz? Diese Frage mag rhetorisch erscheinen: Ohne einen Nationalstaat wie andere Völker werden Jüdinnen und Juden vernichtet. Jedoch hat der deutsche jüdische Philosoph Walter Benjamin bereits 1940 davor gewarnt, diese Feststellung als selbstverständlich zweifellos zu behandeln.

Etwas, das viele Zionistinnen und Zionisten nicht verstehen, ist, dass der Faschismus eine Konsequenz des westlichen Fortschrittsverständnisses ist. In seiner achten These Über den Begriff der Geschichte schreibt Walter Benjamin, dass es, um den Faschismus effektiv bekämpfen zu können, notwendig ist, seine Gewalt nicht als historischen »Ausnahmezustand« zu verstehen, sondern als die Regel.

»Auf den Holocaust mit westlichem Nationalismus zu antworten, Antisemitismus also mit jüdischem Nationalismus begegnen zu wollen, verfehlt den Kern des Problems.«

Die Vernichtung der Jüdinnen und Juden war also nichts, was den westlichen Werten äußerlich war. Sie war ein Resultat der Ideologie des europäischen Nationalstaats. Wenn man, so Benjamin, die »Tradition der Unterdrückten« betrachte, werde das offensichtlich.

Benjamin schreibt das, während er vor den Nazis aus dem besetzten Paris in die Berge Nordkataloniens flieht. Der wirkliche Ausnahmezustand, den er uns auffordert herbeizuführen, sei der Antifaschismus und nicht der Faschismus. Wir müssen uns also nicht zurück zur politischen Ordnung der Vorkriegszeit bewegen, sondern diese vielmehr als eine Ursache für das Entstehen des Krieges begreifen und danach streben, zu einer anderen Form politischer Organisation zu gelangen. Leider ist genau das Gegenteil geschehen: Wir sind zur ethnonationalistischen Weltordnung der Vorkriegszeit zurückgekehrt. Der Zionismus ist Teil dieser Entwicklung.

Auf den Holocaust mit westlichem Nationalismus zu antworten, Antisemitismus also mit jüdischem Nationalismus begegnen zu wollen, verfehlt den Kern des Problems: Es übersieht, dass sich der Nationalstaat als unfähig erwiesen hat, die versprochene Selbstbestimmung zu gewährleisten und dass er in dem Versuch, seine Leistungsfähigkeit zu beweisen, extreme rassistische Gewalt hervorbringt. Es gibt keinen Nationalismus ohne eine solche Gewalt – auch keinen jüdischen. Diese Gewalt ist das, worauf das basiert, was wir als »Fortschritt« bezeichnen, nach Benjamin.

Der Zionismus übernimmt antisemitische Bilder

Zu Ende gedacht könnte man sagen, dass es keinen europäischen Nationalismus gibt, der nicht mit Antisemitismus einhergeht. Nicht einmal der jüdische Nationalismus kommt ohne ihn aus. Um das zu verstehen, muss man sich jedoch mit dem Wesen des Antisemitismus selbst auseinandersetzen: damit, wie er funktioniert und auf welche unterschiedlichen Weisen auf ihn reagiert werden kann.

Einige bestehen darauf, Antisemitismus als eine Form von Rassismus zu begreifen, andere betonen die Unterschiede. Diese Einordnung erscheint jedoch zweitrangig. Solange man beide bekämpfen kann, ist es nicht entscheidend, wie man sie begrifflich ordnet.

Eine Besonderheit des Antisemitismus liegt in seiner Struktur als Verschwörungstheorie. Es geht nicht einfach darum, Jüdinnen und Juden zu »hassen« oder sie als minderwertig wahrzunehmen. Häufig ist es gerade umgekehrt: Das eigene Gefühl der Unterlegenheit wird nach außen projiziert. Man empfindet das eigene Leben als unzureichend und sucht nach einer Ursache. Anstatt diese in gesellschaftlichen Verhältnissen wie dem Kapitalismus zu sehen, werden »die Juden« verantwortlich gemacht. Selbst wenn man etwa Migranten oder den Feminismus als das betrachtet, was einen selbst und die Gesellschaft »zurückhält«, gelten häufig Jüdinnen und Juden als die eigentlichen Drahtzieher. So war es im Fall des Attentäters von Halle 2019 oder des Täters von Pittsburgh 2018. Sogar wenn ein gewisses Verständnis für den Kapitalismus vorhanden ist, werden die Juden als die verstanden, die hinter diesem System stünden.

»Die Linke beteiligt sich mit ihrer Antizionismus-Debatte an einem Spiel, dessen Regeln von kategorischen Gegnern der Linken festgelegt wurden.«

Jüdinnen und Juden werden des Universalismus, des Globalismus – all dessen – beschuldigt, was der Grundidee des Nationalstaats widerspricht und das, obwohl sie innerhalb eines solchen leben. Der Begriff »Antisemitismus« entstand kurz nach der Formierung der europäischen Nationen zu Nationalstaaten. Zu dieser Zeit wandelte sich der Judenhass – von religiös begründeter Verachtung hin zu einem Hass, der sich gegen all das richtete, was die neue, nationale Ordnung bedroht.

Der Zionismus verstand das als ein ungelöstes Integrationsproblem. Solange Jüdinnen und Juden des Antinationalismus beschuldigt werden, sind sie nicht nur nicht in die europäischen Gesellschaften integriert, sondern gelten als grundsätzlich nicht integrierbar. Daraus wurde der Schluss gezogen, dass es eines eigenen Nationalstaats bedürfe. In dieser Vorstellung liegt auch eine Akzeptanz jener neuen Ordnung, die jüdische Menschen (und andere) ausschließt – nämlich in der Annahme, das Problem des Antisemitismus werde sich lösen, wenn wir einfach nach ihren Regeln spielen und einen eigenen Nationalstaat haben.

Es lassen sich zahlreiche Beispiele für die zionistische Übernahme antisemitischer Bildwelten finden. Sie reichen vom Begriff des »Muskeljuden«, den Zionisten wie Max Nordau propagierten und der davon ausging, dass Juden in der Diaspora körperlich schwach seien, was als falsch angesehen wurde, bis hin zur Figur des »entwurzelten« Diasporajuden. Dieser wurde als dem Boden und produktiver Arbeit entfremdet dargestellt, während in zionistischen Diskursen das Gegenbild durch die Idealisierung von Landwirtschaft und »Bodenständigkeit« entworfen wurde. Hinzu kommen Spannungen gegenüber orthodoxen Juden in Teilen der israelisch-säkularen Gesellschaft, deren Lebensweise häufig als »galuti«, also diasporisch, bezeichnet wird.

Europäische Antisemiten stellten Jüdinnen und Juden einst als geschlechterverwirrt dar. Jüdische Männer galten als feminin und jüdische Frauen als maskulin. Zentrale Strömungen des Zionismus betonten dagegen, dass Jüdinnen und Juden traditionelle Geschlechterrollen erfüllen sollen, etwa durch die männliche Erneuerung im Ideal des » neuen hebräischen Mannes«sowie durch Frauen als Mütter, die die Nation durch Geburten sichern.

»Mit dem Zionismus zu brechen, bedeutet mit dem Nationalstaat zu brechen.«

Kritische Stimmen, wie der Religionsphilosoph Prof. Daniel Boyarin schlagen stattdessen vor sich die zugeschriebene Geschlechterverwirrung anzueignen. Man könnte einwenden, dass gerade die Aneignung antisemitischer Fremdbezeichnungen die eigentliche Übernahme antisemitischer Tropen darstellt. Dabei ist die Aneignung deutlich effektiver, um der antisemitischen Abwertung den Stachel zu ziehen. Anstatt die zugrunde liegende Wertung beizubehalten, wird der normative Rahmen zurückgewiesen. Also: »Ja, wir sind »geschlechterübergreifend«, aber das ist nichts Negatives« anstatt »ja, das wäre etwas Negatives – aber es beschreibt uns nicht«.

Kurzum: Es gibt zwei Möglichkeiten, auf die Behauptung zu reagieren, Jüdinnen und Juden passten aufgrund ihrer angeblich universalistischen Natur nicht in den modernen europäischen Nationalstaat: Entweder versucht man, europäischen Antisemiten zu beweisen, dass diese universalistische Natur nicht existiert, indem man selbst eine Nation mit eigenem Nationalstaat nach ihrem Vorbild schafft. Das hieße, ihre Spielregeln zu akzeptieren – und durch die Teilnahme an diesem Spiel letztlich ihre antisemitischen Prämissen zu bestätigen. Oder man eignet sich gerade jene Zuschreibungen, die als störend für die Existenz des Nationalstaats gelten, bewusst an und versteht sie als etwas Positives. Damit akzeptiert man die Ausgangsbedingungen der Debatte nicht, sondern weist darauf hin, dass die Ideologie des Ethnonationalismus inhärent antisemitisch sei – und lehnt sie grundsätzlich ab.

Die Spielregeln ändern

Die Linke beteiligt sich mit ihrer Antizionismus-Debatte also an einem Spiel, dessen Regeln von kategorischen Gegnern der Linken festgelegt wurden. So wie auch der Zionismus sich an einem Spiel beteiligt, dessen Regeln von Antisemiten bestimmt wurden. Da er diese Regeln akzeptiert hat, ist es dem Zionismus nicht gelungen, Jüdinnen und Juden zu schützen. Er hat nicht erkannt, dass er keinen Raum geschaffen hat, der frei ist von den grundlegenden Annahmen und der Weltordnung, die den Antisemitismus hervorbringen.

Mit dem Zionismus zu brechen, bedeutet mit dem Nationalstaat zu brechen. Das schließt Deutschland ein. Es bedeutet, sich selbst als politischen Akteur zu begreifen, der die Regeln des Spiels nicht nur hinnimmt, sondern auch die Fähigkeit besitzt, sie mitzubestimmen.

»Ein Schritt in die richtige Richtung sind die mutigen Stimmen in der Linken, die es wagen zu sagen, dass die deutsche Erinnerungskultur eine politische Frage ist.«

Ein Schritt in die richtige Richtung sind die mutigen Stimmen in der Partei, die es wagen zu sagen, dass die deutsche Erinnerungskultur eine politische Frage ist. Sie widersetzen sich der Vorstellung, diese würde über der Politik stehen. Oder jene Stimmen in der Linken, die verstehen, dass es zwar keinen Zweifel an der historischen Verantwortung Deutschlands, wohl aber Anlass zur Debatte über ihre genaue Ausdrucksform gibt. Sie begreifen die Zäsur, die der Holocaust darstellt, nicht als einen von außen an Deutschland herangetragenen Einschnitt, auf den mit »mehr Deutschland« und mehr Nationalstaat zu antworten wäre, sondern als eine tiefe Zäsur innerhalb des deutschen und des europäischen Nationalstaatskonzepts – die folgerichtig weniger Nationalstaat erfordert, nicht mehr.

Es ist an der Zeit, dass eine Partei wie Die Linke die Funktion einer politischen Partei nicht nur darin versteht, innerhalb eines bestehenden Rahmens Programme zu formulieren, sondern auch zur aktiven Akteurin bei der Gestaltung des Rahmens wird. Es ist an der Zeit, interne Debatten nicht nur über diese oder jene Resolution zu führen, sondern auch über die politischen Formate, die man aufbauen will. Es ist an der Zeit, ein System infrage zu stellen, dessen Regeln von rechts gesetzt werden. Und es ist an der Zeit, sich von denen zu trennen, die darauf bestehen, nach eben diesen Regeln zu spielen.

Tomer Dotan-Dreyfus arbeitet als freier Autor, Lyriker und Übersetzer in Berlin. Er studierte Philosophie und Komparatistik in Berlin, Wien und Paris und schreibt sowohl in hebräischer als auch in deutscher Sprache.